„Beunruhigend!“ Studie bewertet fachärztliche Versorgung von Patienten mit PAVK als mangelhaft – was sich jetzt ändern muss

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

21. Juli 2021

Die Deutsche Gesellschaft für Angiologie kritisiert, in Deutschland sei die ambulante Versorgung von Patienten mit peripherer arterieller Verschlusskrankheit (PAVK) mangelhaft. Erkrankte würden nicht entsprechend den Leitlinien behandelt und nur selten von Gefäßspezialisten betreut. Dies zeige eine Studie der Klinik für Kardiologie und Angiologie am Universitätsklinikum Essen. Zusätzliche Analysen der Klinik für Kardiologie des Universitätsklinikums Münster bestätigen die zu geringe Verschreibung von essenziellen Medikamenten [1,2].

Schlechte Versorgung von PAVK-Patienten

„Unsere Ergebnisse sind beunruhigend“, sagt Prof. Dr. Christos Rammos, Bereichsleiter und Oberarzt der Klinik für Kardiologie und Angiologie am Universitätsklinikum Essen, „vor allem für ein Land wie Deutschland, das ein hoch entwickeltes Gesundheitssystem hat.“ Rammos ergänzt: „Patienten mit PAVK sind in Deutschland unterversorgt. Die PAVK scheint das vergessene Kind der Herz- und Kreislaufmedizin zu sein.“ Während Disease Management Programme beispielsweise für Diabetes und die Koronare Herzkrankheit existieren, gibt es bislang wenig Anstrengung, die Versorgung für PAVK-Patienten zu verbessern. 

Diese Situation sei nicht akzeptabel – zumal die Zahl der Betroffenen kontinuierlich steige und die periphere arterielle Verschlusskrankheit schwere Folgeschäden verursachen könne, so Rammos. „Die PAVK kennzeichnet eine Hochrisiko-Situation, weil mit ihr auch ein hohes Risiko für Komorbiditäten und insbesondere für einen Herzinfarkt und Schlaganfall und damit eine hohe Sterblichkeit verbunden ist.“ 

Mehr als 2 Millionen Patzienten mit PAVK allein in Deutschland

Für die Studie wurden Daten aller gesetzlich versicherten Patienten im Zeitraum von 2009 bis 2018 wurden ausgewertet, und zwar aus dem ambulanten Bereich. Das heißt: Alle Patienten, die sich im Laufe dieser 10 Jahre in einer Arztpraxis behandeln ließen, wurden erfasst.

Die Prävalenz der PAVK stieg von 1,85% im Jahr 2009 auf 3,14% im Jahr 2018. Somit litten 2018 fast 2,3 Millionen Personen in Deutschland an einer PAVK. Aufgrund des oligosymptomatischen Charakters der Erkrankung und der damit einhergehenden Unterdiagnostik sei von einer höheren Dunkelziffer auszugehen sei, schreiben die Autoren.

Angiologen und Gefäßchirurgen werden selten konsultiert

Defizite gibt es bei der fachärztlichen Versorgung. „Während mehr als die Hälfte Kontakt zu einem Internisten (55% im Jahr 2009 und 57 Prozent im Jahr 2018) hatte, wurde nur eine Minderheit von Gefäßspezialisten behandelt“, erläutert Rammos. „Von Gefäßchirurgen wurden 10% im Jahr 2009 und 11% im Jahr 2018 behandelt, von Angiologen nur 8% Prozent sowohl im Jahr 2009 als auch im Jahr 2018.“

 
Unsere Ergebnisse sind beunruhigend, vor allem für ein Land wie Deutschland, das ein hoch entwickeltes Gesundheitssystem hat. Prof. Dr. Christos Rammos
 

Trotz des belegten Nutzens erhielten nur wenige PAVK-Patienten leitliniengerechte Pharmakotherapien. „In der Studie stellten wir zwar eine steigende, aber immer noch unzureichende Verschreibungshäufigkeit mit Statinen und Plättchenhemmern bei PAVK fest“, so der Forscher. „Nur etwa die Hälfte der Patienten bekam diese Medikamente.“

Im Beobachtungszeitraum stieg der Anteil der Patienten, die Statine verschrieben bekamen, von 42,6% auf 56% Prozent. Der Anteil der Patienten, die Plättchenhemmer erhielten, stieg von 40,2% auf 48,0%. 

Verschreibungsdaten sind nicht die ganze Wahrheit

Wie viele der Verschreibungen von den PAVK-Patienten dann auch tatsächlich eingelöst werden, hat eine Studie der Klinik für Kardiologie und Angiologie des Universitätsklinikum Münster in der Region der kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) untersucht.

 
In der Studie stellten wir zwar eine steigende, aber immer noch unzureichende Verschreibungshäufigkeit mit Statinen und Plättchenhemmern bei PAVK fest. Prof. Dr. Christos Rammos
 

„Unsere Analyse zeigt, dass die Rate der eingelösten Rezepte als Indikator für die Einnahme der beiden Medikamente sogar deutlich unter der Verschreibungsrate liegt“, betont PD Dr. Nasser Malyar, Leiter der Sektion Angiologie am Universitätsklinikum Münster. Von den ca. 240.000 PAVK-Patienten erhielten weniger als ein Drittel jeweils ein Statin und einen Plättchenhemmer und fast die Hälfte aller PAVK-Patienten erhielt keine der beiden Pharmaka. Im Kern zeigten die Studien, dass die notwendigen Medikamente bei PAVK-Patienten zu wenig verschrieben und sogar noch weniger eingenommen würden, als es nötig sei. 

Defizite bei der Pharmakotherapie

Patienten mit PAVK würden oft nicht leitliniengerecht behandelt, hat auch die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin kritisiert. Die Mehrzahl der Betroffenen wisse nichts von den krankhaften Gefäßveränderungen, denn in einem frühen Stadium machten sie sich noch nicht durch Schmerzen bemerkbar, hieß es. Doch „auch ohne die charakteristischen Symptome ist eine PAVK jedoch leicht zu diagnostizieren – Hausärztinnen und -ärzte sollten ältere Patienten aktiv auf diese Erkrankung hin untersuchen“, sagte Prof. Dr. Viola Hach-Wunderle vom Krankenhaus Nordwest in Frankfurt am Mai). 

 
Diese Medikamente werden bei PAVK-Patienten jedoch noch immer viel zu selten verschrieben und eingenommen. Prof. Dr. Viola Hach-Wunderle
 

Um das Mortalitätsrisiko zu senken und um einer Progredienz der Gefäßerkrankung entgegenzuwirken, sieht die PAVK-Leitlinie eine konsequente Therapie mit Lebensstiländerungen und medikamentöser Behandlung vor. Patienten sollten immer mit Statinen behandelt werden – auch dann, wenn die Erkrankung noch keine Symptome verursacht. In fortgeschritten Stadien sollten auch Gerinnungshemmer hinzukommen, bei Bedarf auch Blutdrucksenker.

„Diese Medikamente werden bei PAVK-Patienten jedoch noch immer viel zu selten verschrieben und eingenommen“, sagt Hach-Wunderle. So habe eine Auswertung von Krankenkassendaten der BARMER aus dem Jahr 2019 gezeigt: Nur rund 40% der PAVK-Patienten erhalten eine leitliniengerechte medikamentöse Therapie. Zu einem ähnlichen Ergebnis sei eine Auswertung von Sekundärdaten aus den Jahren 2014 bis 2017 der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe gekommen: Nur gut jeder zweite PAVK-Patient erhielt mindestens eines der leitliniengerechten Medikamente. Statine erhielten nur 29% dieser Patientengruppe.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.
 

Kommentar

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