Mainzer COVID-19-Studie: Hohe Dunkelziffer, kein erhöhtes Infektionsrisiko durch Kinder, Testen als Frühwarnsystem

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

16. Juli 2021

Neue Daten der Gutenberg COVID-19 Studie (GCS) der Mainzer Universitätsklinik liefern weitere Informationen unter anderen zur Dunkelziffer des Infektionsgeschehens, zur Bedeutung der Schutzmaßnahmen und der Testungen sowie zu den sozialen und seelischen Auswirkungen der Pandemie [1]. So ist zum Beispiel gerade bei Menschen mit geringem sozioökonomischem Status die Impfquote besonders gering.

Die neuen Daten sind in der Mainzer Staatskanzlei vorgestellt worden. Ein Kern-Ergebnis der Studie ist, dass mehr als 40% aller mit SARS-CoV2 Infizierten nicht von ihrer Infektion wissen. „Wir haben in Rheinland-Pfalz sehr schnell auf flächendeckende Testangebote gesetzt. Mit unserem Projekt ‚Testen für Alle‘ hatten wir mehr als 1.700 Teststellen im ganzen Land eingerichtet. Hier konnten viele Infektionen entdeckt werden, die sonst verborgen geblieben wären, und die Ausweitung der Pandemie so gebremst werden“, so Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, bei der Vorstellung der Studien-Ergebnisse.

Eine weitere Erkenntnis der Studie ist, dass gerade die recht niedrigschwelligen Vorgaben wie die AHA-Regeln in der Praxis einen hohen Nutzen haben. Menschen, die häufiger Maske getragen oder sich häufiger an die Abstandsregeln gehalten haben, haben sich im Rahmen der Studie auffällig seltener infiziert.

Studie mit über 10.000 Teilnehmern

Die Daten der 10.250 Studienteilnehmer im Alter von 25 bis 88 Jahren der Stadt Mainz und dem Landkreis Mainz-Bingen sind repräsentativ für die Untersuchungsregion. Erfasst wurden unter anderem Informationen zur körperlichen und seelischen Gesundheit, den ergriffenen Präventionsmaßnahmen sowie über den Alltag, die Lebens-, Arbeits- und Wohnbedingungen und die Lebensqualität der Menschen während der Pandemie.

Die Studie ist Grundlage ständig wechselnder Forschungsprojekte – vom Augeninnendruck bis zum Übergewicht. Koordinierender Studienleiter ist Prof. Dr. Philipp Wild, Zentrum für Kardiologie und Centrum für Thrombose und Hämostase.

Hohe Dunkelziffer

Bei etwa 3,7% der Teilnehmer wurde bis Anfang April eine vergangene oder akute, wissentliche oder bislang nicht diagnostizierte Infektion mit SARS-CoV-2 nachgewiesen. Dies entspricht – basierend auf den schon vorliegenden Daten bis Anfang Juli – aktuell einem Anteil von ungefähr 6,3% in der Bevölkerung.

Der Lagebericht des Robert Koch-Instituts (RKI) vom 2. Juli 2021 beschreibt im Vergleich einen Anteil von 4,6% wissentlicher Infektionen in Deutschland. Etwa 42% der betroffenen Menschen wussten demnach nicht von ihrer vergangenen Infektion. Männer waren häufiger unwissend infiziert, ebenso ältere Studienteilnehmer: Der Höchstwert lag mit etwa 63% bei den 75- bis 88-Jährigen.

Der hohe Anteil an unerkannten Infektionen verdeutlicht, dass eine systematische Testung wichtig ist, um eine Ausbreitung des Virus und damit auch eine mögliche erneute Infektionswelle frühzeitig erkennen zu können.

Rückgang bei den Tests

Derzeit zeigt sich allerdings, dass sich die Bevölkerung immer seltener testen lässt. Insbesondere in den Gruppen der vollständig geimpften und genesenen Personen ist die Zahl der Testungen rückläufig: So betrug die Testrate der Personen, die bereits über einen vollständigen Impfschutz verfügten, Ende April dieses Jahres knapp 30%, aktuell sind es nur noch rund 15%.

 
Testen ist auch angesichts der vielen unwissentlichen Infektionen wie ein Frühwarnsystem. Prof. Dr. Philipp Wild
 

„Jüngere Menschen nehmen mehr am gesellschaftlichen Leben teil und nutzen daher die Tests auch öfter“, erläuterte Studienleiter Wild. Zudem seien ältere Menschen als Erste geimpft worden, und Menschen mit vollständigem Impfschutz ließen sich seltener testen. 

Trotz steigender Impfquote plädierte Wild für weiterhin systematisches Testen: „Mit einem engmaschigen Testsystem würden wir Delta gut im Blick behalten. Zudem sollten wir uns für die nächste Corona-Variante rüsten. Testen ist auch angesichts der vielen unwissentlichen Infektionen wie ein Frühwarnsystem.“

Abstand und Schutzmasken sehr effektiv

Außerdem zeigen die Studienergebnisse, dass das ständige Einhalten des Mindestabstandes eine effektive Präventionsmaßnahme ist. Für die Studienteilnehmer, die konsequent den Mindestabstand einhielten, betrug das Infektionsrisiko die Hälfte von dem der Teilnehmer, die selten oder nie die Abstandsregeln beachteten.

Förderlich für den Schutz vor einer Infektion sind der Studie zufolge auch das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes und Home-Office: Bei jenen Personen, die regelmäßig einen Mund-Nasen-Schutz trugen, fand sich ein um 34% niedrigeres Risiko für eine SARS-CoV-2-Infektion im Vergleich zu Personen, die ihn nie oder nur selten trugen. Bei Berufstätigen, die ausschließlich im Home-Office arbeiteten, zeigte sich ein um rund 31% niedrigeres Infektionsrisiko im Vergleich zu Erwerbstätigen ohne Home-Office.

Kein erhöhtes Infektionsrisiko durch Kinder im Haushalt

Das Forscherteam konnte in der Bevölkerungsstichprobe keine Anzeichen dafür finden, dass Kinder im Haushalt das Infektionsrisiko mit dem Corona-Virus erhöhen. Für dieses Risiko ist jedoch die Zahl der in einem Haushalt lebenden Personen von Bedeutung: So liegt der Anteil einer SARS-CoV-2-Infektion bei Haushalten, in denen 4 oder mehr Personen zusammenleben, um etwa 30% höher als in Zwei-Personen-Haushalten.

 
Wir sehen aber insgesamt kein höheres Risiko, sich bei Kindern anzustecken. Prof. Dr. Philipp Wild
 

 „Immer wieder wird spekuliert, dass Kinder die Viren stark verteilen. Sie können den Abstand nicht einhalten oder waschen sich nicht so häufig die Hände. Wir sehen aber insgesamt kein höheres Risiko, sich bei Kindern anzustecken“, so Wild. In den Familien selbst würden Kinder das Virus auch nicht überdurchschnittlich oft weitergeben.  Zudem seien Kinder weniger anfällig, sich selbst anzustecken.

Wenig Geld und prekäre Wohnverhältnisse: Infektionsrisiko erhöht, Impfquote gering

Menschen mit niedrigerem sozioökonomischem Status sind eine besonders schutzbedürftige Gruppe. Sie haben ein höheres Infektionsrisiko – weniger aufgrund ihres Verhaltens, sondern eher aufgrund ihrer Lebensverhältnisse. Eine Ursache hierfür sind unter anderem prekäre Wohnverhältnisse: Diese Personen weisen ein 1,6-fach erhöhtes Infektionsrisiko auf.

In diesem Kontext ist es auch von Bedeutung, dass das durchschnittliche Nettoeinkommen bei rund 16% der Bevölkerung gesunken ist und dies insbesondere wiederum die einkommensschwächeren Haushalte stärker betrifft: In der armutsgefährdeten Einkommensgruppe ist das Einkommen bei mehr als jeder 4. Person gesunken. Einkommensverluste lagen in den einkommensstarken Gruppen wiederum nur bei etwa jeder 6. Person vor – bei allerdings auch gleich häufigen Vorkommen von Einkommenssteigerungen.

Auch seien Test- und Impfbereitschaft in dieser Bevölkerungsgruppe geringer. Dies und die niedrigere Impfquote weisen auf ein Optimierungspotenzial für die Steuerung der Impfkampagne für diese Personengruppe hin. Hier könne die Politik mit speziellen Informationskampagnen gegensteuern, so Wild. 

„Sozial Schwächere tragen auch finanziell die Hauptlasten der Krise. Natürlich kann die enge Wohnsituation nicht schnell geändert werden.“ Denkbar seien aber Zuschüsse etwa für den Kauf von Masken oder Corona-Selbsttests, schließlich sei das sowieso schon knappe Haushaltsbudget dieser Menschen während der Pandemie nochmal zurückgegangen.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf  Univadis.de .
 

Kommentar

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