Nach milder COVID-19-Erkrankung: Noch mindestens 11 Monate Antikörper

Dr. Nina Mörsch

Interessenkonflikte

16. Juli 2021

Menschen, die einen milden COVID-19-Verlauf hatten, werden wahrscheinlich für den größten Teil ihres Lebens Antikörper gegen das Virus bilden. Zu diesem Schluss kommen US-Forscher, nachdem sie bei Genesenen noch Monate nach der Infektion langlebige Plasmazellen im Knochenmark sowie B-Gedächtniszellen nachweisen konnten.

Was bisher bekannt ist: Menschen, die sich von einer COVID-19-Erkrankung erholt haben, infizieren sich deutlich seltener erneut mit SARS-CoV-2. Dennoch sinken Untersuchungen zufolge die schützenden Antikörper-Titer nach einer Covid-19-Erkrankung in den ersten Monaten nach der Infektion schnell ab.

Dies ließ Zweifel an einer langanhaltenden humoralen Immunität aufkommen. Doch aus Sicht des Immunologen Dr. Ali Ellebedy von der Washington University School of Medicine in St. Louis ist dieses Absinken des Antikörperspiegels nach einer akuten Infektion ein normaler Vorgang, so eine Pressemitteilung der Washington University School of Medicine in St. Louis. Zudem würden die Antikörper nicht auf Null sinken, sondern vielmehr ein Plateau erreichen.

 
Diese Zellen leben und produzieren Antikörper für den Rest des Lebens der Menschen. Dies ist ein starker Beweis für eine langanhaltende Immunität.  Dr. Ali Ellebedy
 

Dies belegen Ergebnisse seiner kürzlich in Nature publizierten Studie [1]: Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern fand der Immunologe spezifische Antikörper-produzierende Zellen bei Menschen, die sich von einer milden COVID-19-Erkrankung erholt hatten, noch 11 Monate nach den ersten Symptomen. „Diese Zellen leben und produzieren Antikörper für den Rest des Lebens der Menschen. Dies ist ein starker Beweis für eine langanhaltende Immunität“, erklärt Ellebedy.

Wichtige Player der humoralen Immunantwort: B-Gedächtniszellen und langlebige Plasmazellen

Nach einer Virusinfektion bilden zunächst die kurzlebigen Plasmazellen spezifische Antikörper gegen den Erreger und treiben so die Antikörperspiel im Blut in die Höhe. Sie sterben jedoch ab, sobald die Infektion abgeklungen ist.

Danach kommen Immunzellen mit längerer Lebensdauer ins Spiel: Während die Gedächtnis-B-Zellen im Blut patrouillieren, wandern die langlebigen Plasmazellen ins Knochenmark, siedeln sich dort an und scheiden jahrzehntelang kontinuierlich geringe Mengen Antikörper in den Blutkreislauf aus, so eine Mitteilung von Nature .

Blut- und Knochenmark-Analysen von Genesenen

Um herauszufinden, ob auch COVID-19 zu einem langanhaltenden Immunschutz führt, muss man also das Knochenmark genauer unter die Lupe nehmen, wusste Ellebedy. Er rekrutierte mit seinem Team 77 Personen, die sich von einer zumeist milden COVID-19-Erkrankung erholt hatten. Nur 6 von ihnen waren aufgrund ihrer Erkrankung im Krankenhaus behandelt worden. Die Teilnehmenden gaben Blutproben ab: zunächst einen Monat nach der Erstinfektion, dann in 3-monatigen Abständen.

Zudem wurde 7 oder 8 Monate nach der Erstinfektion Knochenmark von 18 der Teilnehmenden gewonnen. 5 von ihnen kamen 4 Monate später wieder und stellten eine 2. Knochenmarkprobe zur Verfügung. Eine weitere Person gab separat Knochenmark ab. Zum Vergleich diente Knochenmark von 11 gesunden Personen, die nie an COVID-19 erkrankt waren.

Antikörper noch 11 Monate nach Infektion nachweisbar

Wie erwartet sanken die SARS-CoV-2-Antikörper in den 4 Monaten nach der Infektion zunächst stark ab. Doch dieser Rückgang verlangsamte sich. Bis zu 11 Monate nach der Infektion konnten die Forschenden noch Antikörper nachweisen, die das SARS-CoV-2-Spike-Protein erkannten.

Diese Antikörper-Titer korrelierten mit der Häufigkeit von langlebigen spezifischen Plasmazellen in Knochenmarkaspiraten der 18 Personen, die 7 bis 8 Monate nach der Infektion Proben abgaben. In Aspiraten von 11 gesunden Personen fanden sich hingegen keine solchen spezifischen Knochenmark-Plasmazellen.

 
Wir müssen die Studie bei Menschen mit mittelschweren bis schweren Infektionen wiederholen, um zu verstehen, ob sie wahrscheinlich vor einer Reinfektion geschützt sind.  Dr. Jackson Turner
 

Ellebedy konnte außerdem im Blut der Patienten die B-Gedächtniszellen nachweisen, aus denen sich im Falle einer erneuten Infektion rasch neue Plasmazellen bilden. Diese Zellen waren bereits 1 Monat nach der Erkrankung nachweisbar, und sie blieben es über mindestens 7 Monate.

Die Studie liefere danach den Beweis, so die Autoren, dass die durch eine milde SARS-CoV-2-Infektion ausgelöste Immunität außerordentlich langlebig ist.

Menschen, die infiziert waren und nie Symptome hatten, könnten ebenfalls eine langanhaltende Immunität haben, spekulieren die Forscher. Allerdings müssen weitere Untersuchungen zeigen, ob auch diejenigen, die eine schwerere Infektion überstanden haben, gegen einen zukünftigen Krankheitsausbruch geschützt sind.

Defekte Immunantwort bei schweren Verläufen?

„Es könnte in beide Richtungen gehen“, sagte Erstautor Dr. Jackson Turner, Dozent für Pathologie und Immunologie. „Entzündung spielt eine große Rolle bei schwerem COVID-19, und zu viel Entzündung kann zu defizitären Immunantworten führen. Andererseits ist der Grund, warum Menschen wirklich krank werden, oft, dass sie eine Menge Viren in ihrem Körper haben, und eine Menge Viren können zu einer guten Immunantwort führen. Es ist also nicht klar. Wir müssen die Studie bei Menschen mit mittelschweren bis schweren Infektionen wiederholen, um zu verstehen, ob sie wahrscheinlich vor einer Reinfektion geschützt sind.“

Ellebedy und sein Team untersuchen nun, ob auch die Impfung langlebige Antikörper-produzierende Zellen induziert.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Coliquio.de.
 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....