Offene Schulen im Herbst: Diese Maßnahmen-Pakete müssen jetzt vorbereitet werden – was Forscher für wirklich wichtig halten

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

12. Juli 2021

Offene Schulen und Präsenzunterricht im neuen Schuljahr – wie lässt sich das erreichen? Bundesgesundheitsminister Jens Spahn rief unlängst Empörung hervor, als er vor dem Hintergrund der sich ausbreitenden Delta-Variante Wechselunterricht im Herbst ins Spiel gebracht hatte.

Es besteht Einigkeit, dass Schulen auch in einer 4. Welle offengehalten werden sollten. In Großbritannien oder Israel zeigt sich aber, dass sich die ansteckendere Delta-Variante unter Ungeimpften – also Kindern und Jugendlichen – schnell verbreitet, wenngleich sie deutlich seltener schwer an COVID-19 erkranken. Deswegen bleibt auch die Nutzen-Risikokalkulation zum Impfen von 12- bis 17-Jährigen durchaus strittig.

Um die Schulen im Herbst offen zu halten, rieten Experten auf einem Press Briefing des Science Media Centers (SMC) zu einem konzertierten Vorgehen [1]: an der Inzidenz orientierte Schutzkonzepte in Schulen, regelmäßige Tests, Impfen entsprechend der STIKO-Empfehlung und eine hohe Impfrate unter Erwachsenen.

Die S3-Leitlinie für Schulen

In der im Februar von verschiedenen Fachgesellschaften veröffentlichten S3-Leitlinie „Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle der SARS-CoV-2-Übertragung in Schulen“ sind die wichtigsten Aspekte zusammen gefasst. „Einzelmaßnahmen reichen nicht aus – wir brauchen dazu Maßnahmen-Pakete“, stellte Prof. Dr. Eva Rehfuess, Leiterin des Lehrstuhls für Public Health und Versorgungsforschung an der LMU München und Korrespondentin der S3-Leitlinie klar. Rehfuess sprach von einem „Dreiklang“ aus Prävention, Umgang mit Verdachtsfällen und Teststrategien.

 
Einzelmaßnahmen reichen nicht aus – wir brauchen dazu Maßnahmen-Pakete. Prof. Dr. Eva Rehfuess
 

Die Maßnahmen zur Prävention basieren auf den AHA-L-Regeln, hinzu kommen Kohorten, Wechselunterricht bei hohem Infektionsgeschehen und Maßnahmen auf Schulwegen. Die S3-Leitlinie empfiehlt Musik- und Sportunterricht mit Schutzkonzepten, regelmäßiges Lüften und ergänzend Luftreinigungsgeräte.

Im Maßnahmen-Paket zu den Verdachtsfällen ist der Umgang mit Schülern mit Symptomen, aber ohne bekannte Kontakte und das Kontaktpersonen-Management geregelt.

Das 3. Maßnahmen-Paket – Tests und Teststrategie – wird derzeit überarbeitet und soll bis Herbst vorliegen.

Wie lüften?

Dr. Julia Hurraß von der Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventivmedizin (GHUP) und an der S3-Leitlinie federführend am Thema Lüften beteiligt, wies darauf hin, dass „im Idealfall“ über das Öffnen der Fenster gelüftet werden sollte, alle 20 Minuten für 5 Minuten; alternativ können auch gleichwertige Lüftungsanlagen eingesetzt werden. Je nach Raum und infektiologischer Lage könnten auch Luftfilter die Aerosole reduzieren.

Hurraß betonte, dass die Aufstellung solcher Geräte fachgerecht begleitet werden muss: „Wenn diese Geräte irgendwo stehen und gar nicht die ganze Klasse durch die Strömung erfassen können, nutzen sie nichts.“ Wartung und Filterwechsel müssten genauso sichergestellt sein wie eine gute Leistungsfähigkeit der Geräte (orientiert an der Clear Air Delivery Rate).

„Nicht vergessen sollte man, dass die meisten Übertragungen im Nahfeld durch die Kinder geschehen, die direkt nebeneinander sitzen, sich ansprechen, sich anhusten. Da nützen diese Geräte gar nicht so viel, sie müssen deshalb immer mit anderen Schutzmaßnahmen kombiniert werden“, betonte Hurraß.

Die Expertin verwies alternativ auf ein Belüftungssystem für Schulen, das ein Team um Prof. Dr. Ulrich Pöschl am Max Planck Institut für Chemie in Mainz entwickelt hat. Durch ein gekipptes Fenster strömt frische, kühle Luft in das Klassenzimmer ein. Die warme Atemluft der Kinder steigt nach oben, wird von Abzugshauben eingefangen und durch einen Ventilator im Fenster nach draußen befördert. Die Anlagen sollen hoch wirksam und deutlich kostengünstiger sein.

Pool-Testungen an Schulen und Kitas

Dass Tests einen wichtigen Beitrag leisten können, um Infektionen mit SARS-CoV-2 schneller zu erkennen und Infektionsketten zu unterbrechen, machte Prof. Dr. Florian Klein, Direktor des Instituts für Virologie, Uniklinik Köln deutlich. Klein berichtete von ersten Erfahrungen mit PCR-basierten gepoolten Lolli-Tests an Kitas und Schulen in NRW. Seit Mitte April werden diese Tests in Kölner Kitas und Schulen eingesetzt und seit dem 12. Mai an allen Grund- und Förderschulen in NRW. „Die Akzeptanz für diese Tests ist sehr groß, und sie sind problemlos durchführbar. In den Schulen sind sie 2-mal pro Woche Pflicht, in den Kitas ist das Testen freiwillig, trotzdem nehmen über 98% der Einrichtungen daran teil.“

 
Jede Impfung bei Erwachsenen trägt auch dazu bei, das Infektionsgeschehen zu kontrollieren und dass dies auch einen positiven Einfluss auf die Kinder hat. Prof. Dr. Florian Klein
 

In den Kitas in Köln sind bislang über 50.000 Pool-Testungen durchgeführt worden, 98 Kinder und Erzieher wurden als positiv erkannt. Bis Ende des Schuljahrs wurden eine halbe Million PCR-Untersuchungen gemacht, die Auswertungen dazu laufen noch. „Die Positivenrate hat in der Zeit, in der der Inzidenz in der Bevölkerung gesunken ist, abgenommen, es gibt einen klaren Zusammenhang mit der Gesamt-Inzidenz“, sagte Klein.

Geimpfte Erwachsene schützen auch die Kinder

Klein hob hervor, dass eine Kombination aus verschiedenen Maßnahmen dazu beitragen könne, Präsenzunterricht im Herbst zu ermöglichen. Ein wichtiger Beitrag, so Klein, sollte von den Erwachsenen selbst kommen, indem diese sich impfen lassen: „Jeder, der sich nicht impfen lassen möchte, sollte bedenken, dass jede Impfung bei Erwachsenen auch dazu beiträgt, das Infektionsgeschehen zu kontrollieren und dass dies auch einen positiven Einfluss auf die Kinder hat. Schaffen wir das, dann wird es auch bei den anderen Maßnahmen wesentlich einfacher.“

STIKO sieht aktuell keinen Grund, die Empfehlungen zu ändern

Dass es aktuell keinen Grund gibt, die Empfehlung der STIKO zur Impfung von 12- bis 17-Jährigen zu ändern, bestätigte Prof. Dr. Thomas Mertens, Vorsitzender der STIKO. Mertens erklärte, dass für die Empfehlung geklärt sein muss, ob Kinder die Impfung für ihre eigene Gesundheit brauchen und ob der Impfstoff in dieser Altersgruppe so sicher ist, dass er für alle gesunden Kinder empfohlen werden. „Dabei hängt diee Betrachtung der Sicherheit entscheidend vom Erreger ab.

Ginge es um einen Ebola-, bei dem die Hälfte der Infizierten stirbt, dann sind die Anforderungen an die Sicherheit des Impfstoffs natürlich andere als wenn man sagen muss: Es gibt praktisch keine Kinder, die an COVID-19 gestorben sind“, verdeutlichte Mertens. Er erinnerte auch daran, dass allein 7 Millionen Kinder in Deutschland überhaupt nicht geimpft werden können – denn sie sind jünger als 12 Jahre.

 
Mit dieser Anzahl von geimpften Kindern könnten mittel-seltene Nebenwirkungen nicht erfasst werden. Prof. Dr. Thomas Mertens
 

Es gebe bislang auch keine gesicherten Hinweise, dass die Deltavariante Kinder stärker erkranken lasse als die bislang zirkulierenden Virusvarianten. Es gebe eher Hinweise darauf, „dass die Pathogenität geringfügig geringer sein könnte“.

Die Zulassungsstudie ließe mit 1.130 geimpften Kindern keine gesicherte Ausage über den mRNA-Impfstoff zu: „Mit dieser Anzahl von geimpften Kindern könnten mittel-seltene Nebenwirkungen nicht erfasst werden“, sagte Mertens. Auch die hohen Impfzahlen aus den USA seien nur bedingt hilfreich, denn es handele sich um Meldezahlen, die bislang noch nicht aufgearbeitet seien.

Fraglos komme es, wenn man die Kinder nicht impfe, zu mehr Infektionen unter Kindern. „Die Frage ist, wie sich das in der Altersgruppe auf Erkrankungen, auf Hospitalisierungen und Todesfälle auswirkt und wie es auch auf Hospitalisierungen und Todesfälle in der gesamten Population auswirkt“, so Mertens. „Wir konnten zeigen, dass es eine Auswirkung gibt, die aber insgesamt gering ist und extrem von der Durchimpfungsrate der Erwachsenen beeinflusst wird.

Aus dem Grund drängen wir auch so sehr darauf, dass sich jetzt die Erwachsenen impfen lassen. Einmal, weil Erwachsene deutlich die Dynamik der Virusausbreitung beeinflussen können, und zum anderen, weil sie so geschützt sind vor einem möglichen Eintrag durch die Kinder in die Familie.“

Long-COVID: An Schutzkonzepten in den Schulen unbedingt festhalten

Zur Vorsicht, gerade auch im Hinblick auf Long-COVID bei Kindern, mahnte Rehfuess. Nicht nur schwanken die Schätzungen, wie stark Kinder von Long-COVID betroffen sind, stark – je nach Studie und nach der Einschätzung von unterschiedlichen Kinderärzten. Sie liegen zwischen 1 und 10%.

Einem Preprint aus der Schweiz nach melden 2 bis 4% der Betroffenen noch 12 Wochen nach der Infektion mindestens ein Symptom; eine Studie aus England, die Hunderttausende Haushalte einschließt, nennt hingegen 7%. Die Daten stützen sich allerdings nicht auf klinische Befunde, sondern auf erfragte Angaben.

Auch ist schwer zu unterscheiden, welche Symptome zu diesem komplexen Syndrom (u.a. Erschöpfung, Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen aber auch Muskelschmerzen, Kurzatmigkeit) gehören. „Nicht wirklich klar ist auch, was sich auf eine COVID-Erkrankung zurückführen und was eher die indirekten Folgen der Pandemie und der diversen Maßnahmen sind, Wir müssen deshalb sehr genau hinschauen“, betonte Rehfuess.

„Dass wir noch viel zu wenig über Long-COIVD wissen“, ist für Rehfuess ein „ganz wichtiger Grund, weiterhin Schutzkonzepte in Schulen aufrecht zu halten und damit der Pandemie eben nicht freien Lauf zu lassen“. Long-COVID ist aus ihrer Sicht aber auch kein Grund, per se Kinder ohne Vorerkrankungen zu impfen – „eben weil wir auch da die Auswirkungen noch nicht so genau wissen.“
 

Kommentar

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