Probleme mit Gluten? Hoffnungsvolle Therapie für Zöliakie durch Hemmung der Transglutaminase

Antje Sieb

Interessenkonflikte

8. Juli 2021

In einer randomisiert-kontrollierten Doppelblindstudie konnten Wissenschaftler um den Mainzer Gastroenterologen Prof. Dr. Dr. Detlef Schuppan nachweisen, dass der Transaminase-Hemmer ZED1227 bei Zöliakie-Patienten in der Lage ist, den Krankheitsprozess auch bei Gluten-Zufuhr zu bremsen [1].

Dazu hatten die Wissenschaftler in einer Studie mit gut 160 Patienten 3 verschiedene Dosierungen des Medikamentes gegen Placebo getestet. Sowohl die Veränderungen der Darmschleimhaut als auch die Anzahl der intra-epithelialen Lymphozyten waren in den Medikamenten-Gruppen geringer als in der Placebo-Gruppe.

„Da es bisher kein Medikament gegen Zöliakie gibt, halte ich diese Studie für sehr wichtig“, sagte die Gießener Gastroenterologin Prof. Dr. Elke Roeb im Gespräch im Medscape.

Die Studienteilnehmer waren Zöliakie-Patienten, die sich bereits längere Zeit glutenfrei ernährt hatten. Im Rahmen der 6-wöchigen Studie nahmen sie den Transglutaminase-Hemmer oder das Placebo täglich morgens vor dem Frühstück ein – jeweils eine halbe Stunde vor einer Gluten-Challenge in Form eines Kekses mit 3 g Gluten. Ansonsten sollten sie ihre glutenfreie Ernährung wie gewohnt fortsetzen.

 
Da es bisher kein Medikament gegen Zöliakie gibt, halte ich diese Studie für sehr wichtig. Prof. Dr. Elke Roeb
 

Die Patienten waren dafür in 4 Gruppen von jeweils 40 oder 41 Personen eingeteilt – eine bekam nur ein Placebo, die anderen jeweils 10, 50 oder 100 mg ZED1227. Vor und nach der Studienphase wurden anhand einer Biopsie die für Zöliakie typischen Darmveränderungen untersucht.

Schleimhautschäden verhindert

Dabei stellten die Wissenschaftler fest, dass die durch das Gluten verursachten Schäden an der Darmschleimhaut sich in allen 3 Medikamentengruppen im Vergleich zu Placebo bremsen ließen. Auch eine Zunahme der intra-epithelialen Lymphozyten konnte das Medikament dosisabhängig verringern oder verhindern.

Diese Lymphozyten zeigen entzündliche Prozesse im Gewebe an, erklärt Gastroenterologin Roeb: „Die Zunahme der intra-epithelialen Lymphozyten ist eine der ersten Veränderungen im Krankheitsprozess. Dann kommt es nach und nach zur Zottenatrophie und zur Krypten-Hyperplasie.“ Auch die Lebensqualität schien sich unter der Therapie mit ZED1227 zu verbessern.

Die Nebenwirkungen der Behandlung waren in den Studiengruppen ähnlich, und oft unspezifisch. Die meisten davon führten die Wissenschaftler auf die Gluten-Zufuhr zurück. Häufig traten Kopfschmerzen, Übelkeit, Bauchschmerzen oder Erbrechen auf. 3 Patienten in der Hochdosisgruppe bekamen einen Hautauschlag.

In einem begleitenden Editorial findet die US-Immunologin Prof. Dr. Bana Jabri von der Universität Chicago das Einordnen der Nebenwirkungen schwierig und vermutet, existierende Gluten-spezifische T-Zellen könnten auch bei Blockade der Transglutaminase möglicherweise noch eine Entzündungsreaktion auf die Gluten-Zufuhr vermitteln [2].

Blockade eines zentralen Enzyms

Das jetzt erprobte Medikament soll in einer sehr frühen Phase der Erkrankung eingreifen. Denn das Enzym Transaminase ist dafür zuständig, Aminosäuren vom Gluten abzuspalten. Dabei bildet sie mit den Gluten-Bruchstücken einen Komplex – und dieser Komplex stellt bei Zöliakie-Patienten das Neoantigen dar, gegen das der eigene Körper Antikörper bildet.

 
Dass Zöliakie-Patienten sich wieder völlig normal ernähren können, das halte ich momentan für illusorisch. Prof. Dr. Elke Roeb
 

„Das ist der krankheitsentscheidende Schritt. Die Tatsache, dass etwas, das eigentlich der Immuntoleranz unterliegen sollte, auf einmal Antikörper induziert“, erläutert Roeb.

Die Hemmung dieses Enzyms scheint nach den Studienergebnissen also ein erfolgversprechender Weg zu sein, um Zöliakie-Patienten zu behandeln. Roeb schildert andere mögliche Ansätze: „Man könnte ja auch versuchen, das Gluten zu blockieren, oder die Mukosa vor den Antikörpern zu schützen.“

Allzu hohe Erwartungen sollte man mit einer solchen zukünftig eventuell möglichen Behandlung aber nicht verknüpfen, warnt Roeb: „Dass Zöliakie-Patienten sich wieder völlig normal ernähren können, das halte ich momentan für illusorisch. Dazu bräuchte man eine Substanz, die kontinuierlich aktiv ist.“

 
Versteckte, nicht angegebene Gluten-Bestandteile in der Nahrung zu neutralisieren, das wäre sicher ein machbares Ziel. Prof. Dr. Elke Roeb
 

Trotzdem könnte ein Medikament eine wichtige Hilfe für Zöliakie-Patienten sein. Denn schon winzige Verunreinigungen von Lebensmitteln mit Gluten können den Krankheitsprozess am Laufen halten und sind manchmal schwer zu vermeiden. „Für die meisten Patienten ist es kein Problem, auf große Mengen Gluten zu verzichten. Aber versteckte, nicht angegebene Gluten-Bestandteile in der Nahrung zu neutralisieren, das wäre sicher ein machbares Ziel.“

Und etwas, das vielleicht Patienten helfen könnte, die die Erkrankung trotz Diät nicht in den Griff bekommen, hofft Roeb. Ob das Medikament die Erwartungen erfüllen kann, muss sich allerdings erst noch in weiteren Studien zeigen.
 

Kommentar

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