Schwangere, Kinder oder Senioren mit MS: So gelingt die MRT-Diagnostik bei speziellen Patientengruppen

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

8. Juli 2021

MS-Spezialisten und Neuroradiologen aus mehreren Ländern haben unter deutscher Federführung eine neue Leitlinie zur bildgebenden Diagnostik bei Multipler Sklerose erstellt. Ihr Ziel war, Empfehlungen anhand der Literatur zu überprüfen und zu vereinheitlichen. Die Ergebnisse sind jetzt in The Lancet Neurology erschienen; Erstautor ist Prof. Dr. Dr. Mike P. Wattjes von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) [1,2].

Bislang gab es weltweit mehrere Konsensus-Dokumente

Zum Hintergrund: Multiple Sklerose (MS) ist die häufigste chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems bei jüngeren Erwachsenen. In Deutschland leiden nach Angaben der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft etwa 250.000 Menschen an MS, jährlich erkranken mehr als 10.000 neu.

MS ist in den meisten Fällen gut therapierbar, eine Heilung gibt es jedoch nicht. Zu Beginn der Krankheit haben Patienten oft recht unspezifische Beschwerden. Eine gute Methode, um eine MS gesichert festzustellen und zu überwachen, ist die Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns und des Rückenmarks. Sie gilt heute für die Diagnostik, die Prognoseabschätzung und die Verlaufsbeurteilung als unverzichtbar.

Auf der ganzen Welt gibt es dazu Konsensus-Dokumente. Jetzt gelang es einer internationalen, transatlantischen Expertengruppe erstmals, alle Informationen zu überprüfen und zusammenzuführen. Ein wesentliches Ziel ist laut Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, durch standardisierte Untersuchungen bzw. Bildgebungsprotokolle Diagnostik und Behandlung weiter zu verbessern, individuell anzupassen und zu optimieren.

Die vom Europäischen Netzwerk MAGNIMS („Magnetic Resonance Imaging in MS“) und vom CMSC („Consortium of Multiple Sclerosis Centers“) bereits 2015 und 2016 veröffentlichten Leitlinien zur MRT bei MS haben einen wichtigen Beitrag hin zu einer routinemäßigen, standardisierten Anwendung der MRT in der Patienten-Versorgung geleistet. Seitdem gibt es erhebliche Fortschritte, einschließlich einer Revision der diagnostischen McDonald-Kriterien und der Bewertung der spinalen MRT-Bildgebung. Hinzu kommen neue Sicherheitsüberlegungen hinsichtlich der wiederholten Gabe Gadolinium-basierter Kontrastmitteln (GBCAs) wegen deren potenzieller zerebraler Akkumulation.

Standardisierung von MRT-Protokollen

Alle wichtigen Entwicklungen werden jetzt berücksichtigt. „Diese erstmals international einheitlichen Richtlinien sind ein Meilenstein in der Versorgung von MS-Patientinnen und -Patienten“, betont Wattjes. Die Leitlinie sei auch für behandelnde Ärzte eine Erleichterung. Sie erhielten einen konkreten Anwendungsleitfaden für unterschiedliche Patientengruppen und verschiedene Krankheitsstadien – von Kindern mit MS über Schwangere bis hin zu älteren Patienten, bei denen die Krankheit nicht mehr in den typischen Schüben, sondern schleichend verlaufe.

 
Diese erstmals international einheitlichen Richtlinien sind ein Meilenstein in der Versorgung von MS-Patientinnen und -Patienten. Prof. Dr. Dr. Mike P. Wattjes
 

Ein besonderer Fokus liegt auf der Standardisierung von MRT-Protokollen, sowohl für die Diagnostik, für die Einschätzung der Prognose als auch für das Therapie-Monitoring. Es werden Indikationen und Zeitpunkte der Untersuchungen genannt, einschließlich definierter Bedingungen (Scanner, Sequenzen, Schichtdicken). Empfohlen wird die 3D-FLAIR-Bildgebung als wichtigste Pulssequenz der zerebralen Untersuchung – mit der höchsten Diagnosegenauigkeit und mit der sichersten Erkennung neuer Läsionen, auch zur Überwachung der Therapieeffektivität. Spinale MRT-Untersuchungen bieten sich bei der initialen Diagnostik zur Erfassung der ZNS-Verteilung und im Verlauf bei gezielter Indikation an – aufgrund der technischen Herausforderung bei schwacher Evidenz jedoch nicht für das Routine-Monitoring im Rahmen einer MS-Therapie.

Die Standardisierung erlaubt eine bessere Interpretation und Vergleichbarkeit interindividuell Patienten in Studien, aber auch intraindividuell für exakte Verlaufsbeurteilungen. Oft ist das ohne Kontrastmittel möglich.

Die Experten geben auch weitere Ratschläge zum sinnvollen Einsatz Gadolinium-haltiger Präparate je nach Fragestellung. Anders als in früheren Leitlinien wird empfohlen, wiederholte Gaben bei fehlender klinischer Konsequenz zu vermeiden. Für die Routinediagnostik eignet sich ein zerebrales Kontroll-MRT ohne Kontrastmittel 3 bis 6 Monate nach Therapiebeginn mit jährlichen Kontrollen im Anschluss.

Eine Besonderheit ist die Erweiterung der internationalen Empfehlungen zur MS-Bildgebung bei speziellen Situationen und Indikationen wie progredienter Verlaufsform, Schwangerschaft und Wochenbett sowie bei Kindern mit MS.

Relevant auch für neue MS-Therapien

Abschließend werden vielversprechende neue Konzepte, Methoden und MRT-Techniken diskutiert, die eine klinische Relevanz haben könnten und die baldige Implementierung in die Routinediagnostik verdienen. Von besonderem Interesse sind dabei Methoden zur Bestimmung der Krankheitsaktivität und zur Beurteilung der Effektivität von Behandlungsmaßnahmen unter Berücksichtigung von Aspekten der Medikamentensicherheit. Aufgrund der ständig wachsenden Zahl an Substanzen für die krankheitsmodifizierende Therapie der MS und deren möglicher Nebenwirkungen kommt den MR-Techniken zur Vorhersage des individuellen Therapieansprechens eine besondere Bedeutung zu.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de .
 

Kommentar

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