Erst Aromatasehemmer, dann Tamoxifen bei Jüngeren mit Brustkrebs; Langzeit-Überlebende fühlen sich besser als Menschen ohne Krebs

Dr. Susanne Heinzl

Interessenkonflikte

6. Juli 2021

Im Onko-Blog dieser Woche geht es um die endokrine Therapie des Mammakarzinoms bei jüngeren Frauen und um Faktoren, die das Langzeitüberleben nach Brustkrebs begünstigen. Eine DKFZ-Studie untersuchte die Lebensqualität bei Langzeit-Überlebenden nach Krebserkrankungen. Und: Bei Patienten, die an Herzinsuffizienz leiden, wurde eine Assoziation mit einem erhöhten Krebsrisiko festgestellt.

  • Brustkrebs: Bei jüngeren Frauen erst Aromatasehemmer, dann Tamoxifen

  • Brustkrebs: Faktoren, die Langzeitüberleben begünstigen

  • Langzeit-Überlebende: Mehr Lebensqualität trotz Symptomen

  • Krebsrisiko: Herzinsuffizienz mit erhöhtem Krebserkrankungs-Risiko verbunden

Brustkrebs: Bei jüngeren Frauen erst Aromatasehemmer, dann Tamoxifen

Die beste adjuvante endokrine Behandlung für mit Chemotherapie-behandelte Hormonrezeptor-positive Brustkrebspatientinnen im Alter von 45 bis 50 Jahren bei Diagnosestellung besteht aus Aromataseinhibitoren gefolgt von Tamoxifen. Dies schlussfolgert eine niederländische Arbeitsgruppe aus einer großen retrospektiven Analyse.

Wie im Journal of the National Cancer Institute berichtet, identifizierte sie mit Hilfe des niederländischen Krebsregister alle Frauen, die eine adjuvante Chemotherapie und endokrine Behandlung für ein Hormonrezeptor-positives  Mammakarzinom im Stadium I bis III erhielten, das zwischen 2004 und 2007 diagnostiziert worden war.

Die endokrine Behandlung dauerte im Mittel 5,5 Jahre. Von den 2.295 analysierten Frauen hatten 82,9% ihre endokrine Therapie mit Tamoxifen begonnen. Die Mehrzahl der Patientinnen wechselte die endokrine Behandlung. Nur 34,7% der Frauen wechselten nicht, und zwar 56,3% unter Tamoxifen und 43,7% unter Aromataseinhibitor (AI).

Nach einem Follow-Up von 7,6 Jahren waren 377 Rezidive aufgetreten, davon in 71,1% der Fälle distante Metastasen. Die Frauen wurden in 3 Gruppen kategorisiert:

  1. vorwiegend Tamoxifen-behandelt (AI < 25% Therapiedauer)

  2. vorwiegend AI-behandelt (AI > 75%)

  3. ähnlich häufig mit Tamoxifen und AI behandelt (AI 25 – 75%).

Ergebnisse:

Bei Frauen mit AI > 75% verbesserte sich das rezidivfreie Überleben (Hazard-Ratio 0,63) und das Gesamtüberleben (HR 0,50) im Vergleich zu Frauen mit AI < 25%.

Bei einem AI 25-75% war das rezidivfreie Überleben ähnlich wie bei einem AI < 25%.

Mit jeder Erhöhung des AI-Werts um 10 % verringerte sich das Risiko für ein Ereignis des rezidivfreien Überlebens um 5 %, für das Risiko zu versterben um 10%.

Brustkrebs: Faktoren, die Langzeitüberleben begünstigen

Tumorgröße und Tumorgrading sind bei postmenopausalen Frauen nach Hormonrezeptor-positivem, HER2-negativem Mammakarzinom ohne Lymphknotenbefall mit dem Langzeitüberleben assoziiert. Von Tamoxifen profitieren vor allem Frauen mit größeren Tumoren, niedrigem Grading und Progesteron-positiven Tumoren. Dies ergab eine sekundäre Analyse der Daten der Stockholm Tamoxifen Studie STO-3, deren Ergebnisse eine schwedische Arbeitsgruppe in JAMA Netw Open publiziert hat.

Sie analysierte die Daten von 565 postmenopausalen Frauen, die an der STO-3-Studie teilgenommen hatten. Die Daten zum 25-Jahres-Follow-Up entnahm sie schwedischen Registern.

In der Studie waren die Frauen randomisiert über 2 Jahre mit Tamoxifen im Vergleich zu keiner endokrinen Therapie behandelt worden. War kein Rezidiv aufgetreten, wurden die Frauen weitere 3 Jahre endokrin bzw. nicht endokrin behandelt.

Tumorgröße und Tumorgrading war mit dem Metastasen-freien Überleben assoziiert. Frauen mit einem T1a/b-Tumor überlebten signifikant länger ohne distante Metastasen als Frauen mit einem T1c- oder T2-Tumor. Bei einem Tumorgrading von 1 war das Überleben besser als bei einem Tumorgrading von 2 oder 3.

Frauen mit großen Tumoren, niedrigen Tumorgraden und Progesteron-positiven Tumoren hatten einen signifikanten Langzeit-Nutzen von Tamoxifen.

Langzeit-Überlebende: Mehr Lebensqualität trotz Symptomen

Langzeitüberlebende bewerten 14 bis 24 Jahre nach der Krebsdiagnose ihre gesundheitsbedingte Lebensqualität erstaunlicherweise sogar etwas besser als gleichaltrige Menschen, die nie an Krebs erkrankt waren – obwohl sie gleichzeitig mehr gesundheitliche Beeinträchtigungen angaben als die Vergleichsgruppe.

Die Langzeitüberlebenden litten unter mehr Symptomen und geringerer Funktionsfähigkeit. Die Unterschiede waren zwar gering, aber statistisch signifikant, so Wissenschaftlicher aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in ihrer Publikation in cancers.

Sie sind deshalb der Ansicht, dass solche Patienten in einem umfassenden, an die individuellen Bedürfnisse angepassten Programm betreut werden müssen.

Die Gruppe der Cancer Survivors wächst. Ursachen sind z. B. verbesserte Krebstherapien und die gestiegene Lebenserwartung. Liegt die Krebsdiagnose länger als 5 Jahre zurück, spricht man von Langzeitüberlebenden. Doch oftmals ist der Krebs nach dieser Zeitspanne nicht wirklich „vorbei" – sondern beeinträchtigt weiterhin das Leben und die Lebensqualität der Betroffenen.

An 2.700 Krebs-Langzeitüberlebenden untersuchten die DKFZ-Forscher nun das Befinden im Vergleich zu 1.700 nicht an Krebs erkrankten Personen vergleichbaren Alters. Die Teilnehmer waren an Brust-, Darm- oder Prostatakrebs erkrankt, ihre Diagnosen lagen 14 bis 24 Jahre zurück.

Über ein Jahrzehnt nach ihrer Diagnose bewerteten die Langzeitüberlebenden ihre gesundheitsbezogene Lebensqualität bzw. ihren allgemeinen Gesundheitsstatus sogar etwas besser als Menschen der Kontrollgruppe.

Bei einem genaueren Blick auf einzelne Untergruppen zeigte sich, dass diese positivere Einschätzung vor allem von Männern, von Teilnehmern älter als 70 Jahre und von Personen ohne aktive Krebserkrankung stammte.

Bei der Beurteilung der Leistungsfähigkeit in verschiedenen Lebensbereichen beklagten jedoch Langzeitüberlebende mehr Einschränkungen in den sozialen Kontakten als Personen aus der Kontrollgruppe. Dies betraf vor allem Teilnehmer mit aktiver Erkrankung, was sich durch die psychischen Belastungen eines Krebsrückfalls und den damit einhergehenden Therapien erklären lässt.

Mehr Langzeitüberlebende als Personen der Kontrollgruppe litten unter Durchfällen und Verstopfung – unabhängig davon, an welcher Krebsart sie erkrankt waren.

Frauen klagten häufiger über Fatigue, Schlaflosigkeit, Kurzatmigkeit oder Appetitverlust als Frauen ohne Krebs. Bei den langzeitüberlebenden Männern standen dagegen häufig finanzielle Probleme im Vordergrund, insbesondere, wenn ihre Erkrankung noch aktiv war und wenn sie im erwerbsfähigen Alter waren.

„Die Einschätzung der allgemeinen Lebensqualität ist subjektiv und steht nicht unbedingt im direkten Verhältnis zu den vorliegenden Symptomen", so Studienleiter Dr. Volker Arndt, in einer Pressemitteilung. „Es ist insgesamt erfreulich, dass die überwiegende Mehrheit der Langzeitüberlebenden ihre Krebserkrankung so gut bewältigt hat. Die meisten Unterschiede zwischen Langzeitüberlebenden und Kontrollen sind geringfügig und betreffen nur Personen in bestimmten Altersgruppen."

Krebsrisiko: Herzinsuffizienz mit erhöhtem Krebserkrankungs-Risiko verbunden

Eine Herzinsuffizienz ist mit einem erhöhten Risiko für eine Krebserkrankung assoziiert, so das Ergebnis einer retrospektiven Kohortenstudie einer Arbeitsgruppe des Universitätsklinikums Düsseldorf, publiziert in ESC Heart Failure .

Prognose und Lebensqualität von Patienten mit Herzinsuffizienz werden von einer Vielzahl von Komorbiditäten mitbestimmt. Die Düsseldorfer Gruppe untersuchte nun in einer großen retrospektiven Studie die Assoziation zwischen Herzinsuffizienz und Krebsinzidenz.

Basierend auf den Daten des IMS Disease Analyzer analysierte sie die Daten von 100.124 Patienten mit Herzinsuffizienz und 100.124 Kontrollpatienten ohne Herzinsuffizienz aus 1.274 Hausarztpraxen in Deutschland.

Innerhalb des 10-jährigen Beobachtungszeitraums erkrankten 25,7% der Patienten mit Herzinsuffizienz und 16,2 % der Patienten ohne Herzinsuffizienz an Krebs. Von den Frauen waren 28,6 bzw. 18,8% betroffen, von den Männern 23,2 bzw. 13,8%.

Herzinsuffizienz war signifikant mit der Krebsinzidenz assoziiert (Odds Ratio 1,76 insgesamt; 1,85 bei Frauen; 1,69 bei Männern). Die Assoziation war am stärksten für Lippen-, Mundhöhlen- und Rachenkrebs, gefolgt von Atemwegen und Genitalien bei Frauen (Odds-Ratio 2,10, 1,91 bzw. 1,86). Die Odds-Ratio bei Hauttumoren betrug 1,83, Krebs des lymphatischen und hämatopoetischen Systems 1,77, Krebs im Gastrointestinaltrakt 1,75, Brustkrebs 1,67, Urogenitalkrebs 1,67 und Krebs der männlichen Geschlechtsorgane 1,52.

„Die Daten belegen keinen kausalen Zusammenhang, sondern zeigen einen statistischen Zusammenhang zwischen Herzinsuffizienz und Krebs. Dennoch lassen diese Ergebnisse vermuten, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen Herzinsuffizienz und einer erhöhten Krebsrate geben könnte“, so die Autoren.
 

Kommentar

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