"Drosten-Studie“ bestätigt Relevanz von Superspreadern bei COVID-19

Michael Simm

Interessenkonflikte

1. Juli 2021

Die nunmehr vollständige Auswertung der Daten von 25.381 SARS-CoV-2-Infizierten aus Berlin unter der Leitung von Prof. Dr. Christian Drosten bestätigt, dass es zwischen den Altersgruppen keine großen Unterschiede in der Übertragbarkeit des Virus gibt – und ein relativ kleiner Personenkreis das Infektionsgeschehen anzutreiben scheint.

Die Ausbreitung von SARS-CoV2 wird von einer Vielzahl von Parametern beeinflusst. 2 davon sind die Viruslast (die z.B. anhand der Anzahl der viralen Genome pro Volumeneinheit in einem Abstrich bestimmt wird) und die Replikationsfähigkeit des Virus, die in Zellkulturen gemessen wird.

Die Bestimmung dieser Parameter über verschiedene Altersgruppen hinweg gilt auch als bedeutsam für die Frage, ob Kinder genauso ansteckend sind wie Erwachsene und deshalb strenge Schutzmaßnahmen in den Schulen gerechtfertigt sind.

Daten zu mehr als 25.000 Infizierten

Für die Studie wurden die Daten des diagnostischen Labors am Institut für Virologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin bezüglich der Viruslast, Isolierbarkeit in Zellkulturen und Genomsequenzen analysiert.

Unter 415.935 Personen im Alter zwischen 0 und 100 Jahren, die zwischen 24. Februar 2020 und 2. April 2021 routinemäßig 936.423 PCR-Tests erhalten hatten, war der Test bei 25.381 (6,1%) mindestens einmal positiv. Die Daten von 4.344 Individuen mit mindestens 3 Tests – davon 2 positiv – wurden für eine Zeitserienanalyse herangezogen.

Die 25.381 positiv getesteten Personen (davon 1.533 mit der „britischen“ Variante Alpha) wurden 3 Gruppen zugeteilt:

  • Krankenhausaufenthalt mit positivem Test an einem beliebigen Zeitpunkt der Infektion (37,5%). Dies war mit durchschnittlich 63,2 Jahren die älteste Gruppe.

  • Präsymptomatische, asymptomatische und mild-symptomatische Individuen (PAMS) mit positivem Test in einem von 24 Berliner Testzentren (24,1%). Hier lag der Altersdurchschnitt bei 38,0 Jahren, und nur 0,8% mussten später ins Krankenhaus.

  • Sonstige (38,4%), mit einem Altersdurchschnitt von 49,1 Jahren.

Viruslast unterscheidet sich kaum zwischen den Altersklassen, aber zwischen Individuen

Es gab keine substanziellen Unterschiede zwischen den Altersklassen über 20 Jahren bezüglich der Viruslast beim 1. positiven Test. Bei einem Durchschnitt von 6,39 log10 RNA-Kopien pro Abstrich für die gesamte Gruppe lagen die Viruslast bei Kindern um 0,49 und bei Jugendlichen um 0,16 unter dem der 20- bis 65-Jährigen.

Die Wahrscheinlichkeit, das Virus nach einem positiven PCR-Test erfolgreich zu kultivieren, betrug für die gesamte Gruppe 0,35 und war für PAMS mit 0,44 höher als für hospitalisierte Patienten (0,32), für Kinder bis 5 Jahren 0,329 und für 20- bis 65-Jährige 0,441.

Zwischen den Individuen fanden sich große Unterschiede bei der Viruslast. Mit einer Kopienzahl von mindestens 9,0 log10 waren 8,78% hochinfektiös, mit einer geschätzten Wahrscheinlichkeit eines Kulturerfolges von 0,92 bis 1,0. In dieser Gruppe waren PAMS mit 36,09% überrepräsentiert, bei den Hospitalisierten dagegen die Altersgruppe von 80 bis 100.

Die Analyse des Zeitverlaufs der Infektion ergab einen Schätzwert von durchschnittlich 4,31 Tagen zwischen der Freisetzung der Viren aus den Wirtszellen (Shedding) und der höchsten Viruslast. Das war 1 bis 3 Tage vor dem Auftreten der ersten Symptome.

Klinische Bedeutung

Die Studie unter Leitung von Drosten sorgte bereits für intensive Debatten, als sie in Form eines weniger umfangreichen Vorabdruckes erschien und Drosten daraus ableitete, dass Kinder genauso ansteckend seien wie Erwachsene. Dieses Argument wurde auch zur Schließung von Schulen und Kitas genutzt.

„Mein anfänglicher Eindruck einer ungefähr gleich großen Infektiosität aller Altersgruppen hat sich bestätigt, nicht nur hier, sondern auch in anderen Studien“, sagt Drosten nun in einer Mitteilung der Charité

 
Mein anfänglicher Eindruck einer ungefähr gleich großen Infektiosität aller Altersgruppen hat sich bestätigt, nicht nur hier, sondern auch in anderen Studien. Prof. Dr. Christian Drosten
 

Abseits dieses Streits liefert die Untersuchung eine Fülle von Fakten und Details, deren Kenntnis zu einer präziseren Risikoabschätzung beitragen könnte.

Eingeschränkt wird die Aussagekraft dadurch, dass es sich „nur“ um eine 14 Monate alte Momentaufnahme handelt. Die taugt auch die wegen des Auftretens neuer Virusmutanten einerseits und der wachsenden Zahl Geimpfter andererseits nur bedingt zur Rechtfertigung politischer Maßnahmen.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.

 

Kommentar

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