Studien, die die Krebsbehandlung sicherer machen: Intensive Betreuung auch bei oraler Therapie, Neues zu PPI und DOAC

Dr. Susanne Heinzl

Interessenkonflikte

22. Juni 2021

Im Onko-Blog dieser Woche geht es vor allem um Nebenwirkungen und Wechselwirkungen der Krebsbehandlung. Apotheker und Ärzte aus Erlangen haben demonstriert, dass sich eine intensivierte pharmazeutisch-pharmakologische Betreuung bei Patienten mit oraler Krebstherapie auszahlt: Medikationsfehler und Nebenwirkungen sind seltener. Die häufig verordneten Protonenpumpenhemmer (PPI) können aufgrund von Wechselwirkungen die Wirksamkeit verschiedener Krebstherapeutika beeinträchtigen. Cyclophosphamid zur GvDH-Prophylaxe nach Stammzell-Transplantation löst möglicherweise vermehrt kardiale Nebenwirkungen aus. Und: Bei Hirntumoren haben sich direkt wirkende orale Antikoagulanzien (DOAC) in einer retrospektiven Analyse als sicher erwiesen.

  • Orale Krebstherapie: Intensive pharmazeutische Betreuung zahlt sich aus

  • PPI: Mögliche Wechselwirkungen mit Krebstherapeutika

  • Hämatopoetische Stammzell-Transplantation: Vermehrt kardiale Ereignisse unter Cyclophosphamid zur GvDH-Prophylaxe

  • Brustkrebs: Depression und schlechte Verfassung begünstigen frühen Abbruch der adjuvanten endokrinen Therapie

  • Hirntumoren: DOAC sind sicher

  • Seltener Krebs: Bessere Therapie dank molekularer Analyse

Orale Krebstherapie: Intensive pharmazeutische Betreuung zahlt sich aus

Eine intensivierte pharmazeutisch-pharmakologische Betreuung reduziert Medikationsfehler und schwere Nebenwirkungen durch oral eingenommene Krebstherapeutika. Die Patient-reported Outcomes besserten sich ebenfalls signifikant. Dies ergab die randomisierte AMBORA-Studie, deren Ergebnisse eine Arbeitsgruppe aus Apothekern und Ärzten der Universitätsklinik Erlangen im Journal of Clinical Oncology publiziert hat.

Die orale Tumortherapie hat in den letzten 2 Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung gewonnen. Oral einzunehmende Arzneimittel sind für die Patienten im Vergleich zu einer intravenösen Applikation angenehmer. Verschiedene Faktoren können jedoch ihren Nutzen beeinträchtigen, so z. B. schlechte Adhärenz, gleichzeitige Nahrungsaufnahme, Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten oder die unzureichende Prävention, Erkennung und Behandlung von Nebenwirkungen.

Apotheker und Ärzte prüften deshalb in der offenen, randomisierten, multizentrischen AMBORA-Studie (Arzneimitteltherapiesicherheit bei der Behandlung mit neuen oralen Antitumor-Wirkstoffen) den Nutzen einer intensivierten pharmazeutisch-pharmakologischen Betreuung in 11 Ambulanzen und Praxen.

Die Patienten der Kontrollgruppe wurden nach dem derzeitigen Standard mit regelmäßigen ambulanten Terminen und Kontrollen betreut. In der Interventionsgruppe erhielten die Patienten über 12 Wochen 4 zusätzliche strukturierte Beratungen durch klinische Pharmakologen oder Pharmazeuten mit hämatologisch-onkologischer Erfahrung.

Bei den insgesamt 202 Patienten senkte die intensivierte Betreuung Arzneimittel-bedingte Probleme nach 12 Wochen signifikant von 5,81 auf 3,85 pro Patient (p < 0,001). Die Patienten der Interventionsgruppe waren nach 3 Monaten mit ihrer Behandlung signifikant zufriedener als die der Kontrollgruppe (p < 0,001).

Nebenwirkungen und Medikationsfehler waren in der Interventionsgruppe ebenfalls deutlich seltener. So traten z.B. Neutropenie, Hypertonie, Lymphopenie und Mukositis bei intensivierter Betreuung seltener auf.

In der Interventionsgruppe mussten 3% der Patienten, in der Kontrollgruppe 14%  wegen Problemen mit der oralen Krebstherapie hospitalisiert werden. In der 3-monatigen Behandlungszeit brachen 19% der Interventions- und 31% der Kontrollpatienten die Therapie ab.

Aufgrund der positiven Studienergebnisse ist seit Februar 2021 die intensive klinisch-pharmazeutische/pharmakologische Therapiebegleitung bei oraler Tumortherapie am Comprehensive Cancer Center Erlangen-EMN als Versorgungsmodell in die Routine-Patientenversorgung integriert.

PPI: Mögliche Wechselwirkungen mit Krebstherapeutika

Mehr als 25% der Krebspatienten nehmen gleichzeitig Protonenpumpenhemmer (PPI), wodurch sich bei etwa einem Drittel potenziell die Wirksamkeit der Krebsbehandlung ändert. Diese Ergebnisse einer Querschnittsstudie berichtet eine französische Arbeitsgruppe in einem Research Letter in JAMA Netw Open.

PPI gehören zu den am häufigsten verordneten Arzneimitteln. Sie können jedoch durch pH-Verschiebungen die Absorption anderer oraler Substanzen verändern und zu Veränderungen im Darmmikrobiom führen, und damit die Wirksamkeit z.B. von Checkpoint-Inhibitoren beeinträchtigen.

In einer Querschnittstudie in 4 französischen Krebszentren wurden die mit Fragebögen erhobenen Daten von 566 Frauen und 306 Männern analysiert. Von den 872 Patienten nahmen 229 (26,3%) Protonenpumpenhemmer. Die meisten (71,1%) nahmen den PPI regelmäßig und in normaler Dosierung (67,2%). Gründe für die Einnahme waren epigastrische Schmerzen (50%), retrosternale Schmerzen (14%), nachgewiesenes Ösophagus- oder Magenulkus (8%) oder Gastroprotektion (15%).

Einen PPI nahmen z.B. 25,6% der Patienten, die mit Checkpoint-Inhibitor behandelt wurden, 33,3% die Tyrosinkinase-Inhibitoren einnahmen und 23,8% unter Capecitabin-Therapie.

Die Autoren schlagen vor, bei Krebspatienten auf die gleichzeitige Einnahme von PPIs zu achten und diese möglicherweise zu ersetzen. Bei Sodbrennen oder Oberbauchbeschwerden schlagen sie ersatzweise Antazida oder H2-Rezeptorantagonisten vor. Tyrosinkinase-Inhibitoren sollten auf jeden Fall 2 Stunden vor oder 10 Stunden nach Einnahme von H2-Antagonisten eingenommen werden.

Wenn auf einen PPI nicht verzichtet werden kann, müssen Tyrosinkinase-Inhibitoren morgens 2 Stunden vor dem PPI oder mit einem sauren Getränk eingenommen werden. Antazida sind für Patienten unter Checkpoint-Inhibitoren nach Aussage der Autoren die beste Option.

Hämatopoetische Stammzell-Transplantation: Vermehrt kardiale Ereignisse unter Cyclophosphamid zur GvDH-Prophylaxe

Frühe kardiale Ereignisse nach einer hämatopoetischen Stammzell-Transplantation (HSCT) traten bei 19% der Patienten, die Cyclophosphamid zur Prophylaxe einer Graft-versus-Host-Reaktion (GvHD) erhielten im Vergleich zu 6% ohne Cyclophosphamid-Prophylaxe auf. Unter Cyclophosphamid-Prophylaxe kam es häufiger zu linksventrikulärer systolischer Dysfunktion (LVSD), akutem Lungenödem, Perikarditis, Arrhythmie und akutem Koronarsyndrom. Dies zeigte eine retrospektive französische Studie, publiziert in JACC: Oncology.

Die Forscher analysierten die Daten von Patienten einer Pariser Klinik, von denen 136 Cyclophosphamid und 195 kein Cyclophosphamid nach HSCT erhalten hatten.

Innerhalb von 100 Tagen nach der HSCT waren in der Cyclophosphamid-Gruppe 41, in der Vergleichsgruppe 20 kardiale Ereignisse aufgetreten (HR 2,7, p = 0,002). Meist klangen die kardialen Ereignisse im Median 110 Tage nach der HSCT wieder ab. Die 2-Jahres-Überlebensrate war jedoch bei Patienten mit frühem kardialem Ereignis mit 31% signifikant schlechter als bei Patienten ohne kardiales Ereignis mit 64% (p = 0,001).

Die Autorinnen des begleitenden Editorial weisen allerdings darauf hin, dass mit dieser Studie keineswegs eine Kausalität belegt sei, denn es gäbe eine ganze Reihe weiterer Faktoren, die bei diesen Patienten zu kardialen Ereignissen führen könnten. Deshalb seien dringend weitere Studien zur Pathogenese, zu Risikofaktoren, Biomarkern und einer möglichen präventiver Therapie erforderlich.

Brustkrebs: Depression und schlechte Verfassung begünstigen frühen Abbruch der adjuvanten endokrinen Therapie

Schlechte soziale und körperliche Verfassung sowie Depressionen waren eindeutige Risikofaktoren für einen frühen Abbruch einen adjuvanten endokrinen Therapie bei Frauen mit Brustkrebs– so eine Post-hoc-Analyse der Daten von 954 Frauen aus der randomisierten TAILORx-Studie. Die Ergebnisse hat eine US-amerikanische Arbeitsgruppe nun in JAMA Oncology publiziert.

Die Analyse der Daten von 954 Frauen im mittleren Alter von 56,6 Jahren zeigte, dass 106 Teilnehmerinnen die endokrine adjuvante Therapie innerhalb von 4 Jahren abbrachen.

Eine schlechtere körperliche Verfassung ging im Vergleich zu guter körperlicher Verfassung mit einer höheren Rate von Therapieabbrüchen einher (HR: 2,12, p = 0,002). Ähnlich war das Ergebnis bei schlechterer sozialer Verfassung im Vergleich zu guter sozialer Verfassung (HR: 1,94, p = 0,006). Auch eine Depression in der Anamnese erhöhte das Abbruchrisiko signifikant (HR 1,82, p = 0,005). Dazu passte, dass die Einnahme von Antidepressiva bei Studienbeginn mit einer höheren Abbruchrate der endokrinen Therapie assoziiert war (HR: 1,87, p = 0,003).

Diese Befunde erlauben es nach Ansicht der Autoren, diese Risikofaktoren gezielt anzugehen, um die Adhärenz der endokrinen Therapie zu verbessern.

Hirntumoren: DOAC sind sicher

Patienten mit Hirntumoren haben ein hohes Risiko für thromboembolische Komplikationen und müssen daher häufig antikoaguliert werden. Eine retrospektive Analyse von 125 Patienten in Pittsburgh ergab nun, dass schwere sowie intrakranielle Blutungen bei Patienten unter direkten oralen Antikoagulanzien (DOAC) seltener waren als bei einer Thromboseprophylaxe mit niedermolekularen Heparinen (LMWH).

Fazit der Autoren in The Oncologist : „Die Anwendung von DOAC bei Patienten mit Hirntumoren ist im Vergleich zu LMWH nicht mit vermehrten schweren Blutungen assoziiert und stellt eine sichere und wirksame Option dar.“

In Leitlinien werden bei Patienten mit primären oder metastasierten ZNS-Karzinomen LMWH, Rivaroxaban oder Edoxaban empfohlen, wobei unklar ist, welche Substanz am nützlichsten ist. Derzeit gibt es keine randomisierten Studien, die verschiedene Antikoagulanzien bei Patienten mit Hirntumoren verglichen haben.

Die US-amerikanische Arbeitsgruppe untersuchte daher retrospektiv anhand der Daten von 125 Patienten der Hillman Cancer Centers in Pittsburgh die Häufigkeit von Blutungen unter einer Antikoagulation. Insgesamt kam es zu 22 schweren Blutungen, wovon es sich in 14 Fällen um eine intrakranielle Blutung handelte. Von den schweren Blutungen waren 5/52 Patienten (9,6%) unter DOAC-Behandlung und 15/57 Patienten (26%) unter LMWH betroffen. Unter DOAC kam es in 5,8% der Fälle, unter LMWH in 15% zu intrakraniellen Blutungen.

Seltener Krebs: Bessere Therapie dank molekularer Analyse

Patienten mit seltenen Tumorerkrankungen können von einer umfassenden molekularen Analyse profitieren. Wissenschaftler des Deutschen Konsortiums für Translationale Krebsforschung (DKTK) am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg und Dresden konnten dies erstmals belegen ( Cancer Discovery ).

Sie untersuchten die molekularen Profile und klinischen Daten von insgesamt 1.310 Patienten, von denen 75,5% an seltenen Krebsarten litten. Auf der Basis von 472 einzelnen und 6 zusammengesetzten Biomarkern gab ein Ärzteteam in 88% der 1.310 Fälle Empfehlungen zu teilweise neuen, experimentellen Therapien. Bei rund einem Drittel der Patienten wurden die Empfehlungen umgesetzt und führten zu signifikant verbesserten Gesamtansprech- und Krankheitskontrollraten im Vergleich zu Standardtherapien.

„Unsere Daten belegen den Nutzen der sogenannten molekularen Stratifizierung bei seltenen Krebsarten. Dies bildet die Basis für neue klinische Studien und erleichtert die Zulassung von Medikamenten in dieser unterversorgten Patientenpopulation", so Prof. Dr. Stefan Fröhling, Geschäftsführender Direktor am NCT Heidelberg, in einer Pressemitteilung.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....