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Eriksens Kollaps bei der Fußball-EM: Sportärztin bescheinigt vorbildhaftes Vorgehen

Christoph Renninger

Interessenkonflikte

23. Juni 2021

Während des EM-Spiels Dänemark-Finnland bricht der dänische Spieler Christian Eriksen plötzlich aufgrund eines Herzstillstands zusammen. Medienberichten zufolge konnte er nach der Erstversorgung im Krankenhaus stabilisiert werden; Eriksen hat bald darauf einen implantierbaren Kardioverter-Defibrillator (ICD) erhalten. Als recht wahrscheinliche Ursache gilt eine hypertrophe Kardiomyopathie. Die Kardiologin und Sportmedizinerin Dr. Kathrin Stelzer bewertet das Vorgehen der Ärzte.

Stelzer ist nach 11 Jahren im klinischen Setting seit Anfang des Jahres in ihrer eigenen Praxis für Sport- und Präventivmedizin niedergelassen. Als Hygienebeauftragte des 1. FSV Mainz 05 unterstützt sie den Verein im Rahmen der COVID-19-Pandemie.

©fotografiecorinnamamok
Dr. med. Kathrin Stelzer

Medscape: Wie kann bei einem mutmaßlichen Herzstillstand eines Spielers vorgegangen werden? Wie schätzen Sie das Vorgehen im Fall von Christian Eriksen ein?

Dr. Stelzer: Der Ablauf war hervorragend, wirklich vorbildlich. Beginnend beim Schiedsrichter, der sofort reagiert und Hilfe gerufen hat, über die Spieler, die abgeschirmt haben, bis hin zum medizinischen Personal.

 
Der Ablauf war hervorragend, wirklich vorbildlich. Dr. Kathrin Stelzer
 

Wie auf der Pressekonferenz berichtet wurde, hat der Spieler bei der „Ankunft“ des medizinischen Personals noch geatmet, war jedoch bereits bewusstlos. Er wurde direkt an den AED angeschlossen, so dass gesehen werden konnte, als der Herzstillstand eintrat. Entsprechend konnte ohne zeitliche Verzögerung die lebensnotwendige Herz-Druck-Massage sowie die Schockabgabe eingeleitet werden.

Medscape: Welche Vorkehrungen gibt es für derartige Notfälle auf dem Spielfeld? Gibt es spezielle Trainings für Mannschaftsärzte?

Dr. Stelzer: Im Stadion ist in der Regel mindestens ein Notarzt inkl. Rettungswagen mit kompletter Besatzung (personell als auch apparativ) anwesend, des Weiteren gibt es zahlreiche Notfallsanitäter und Rettungsassistenten. Zudem verfügen die Mannschaften über je einen Arzt. Im Rahmen der Nationalmannschaften sind in Deutschland sowohl ein Orthopäde als ein Internist vor Ort und beim Spiel anwesend.

Meine Beobachtungen in der Fußball-Bundesliga zeigen, dass nahezu jede Mannschaft zusätzlich einen eigenen Notfallkoffer sowie AED am Spielfeldrand hat.

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat in den vergangenen Jahren Notfalltrainings für die medizinische Abteilungen der Vereine angeboten – eine sehr gute Entwicklung. Denn das wichtigste in derartigen Situationen ist der Umgang mit der eigenen Angst. Umso mehr es geübt ist, umso sicherer fühlt man sich.

Medscape: Was sind mögliche Auslöser für einen Herzstillstand bei Profisportlern? Haben Sie ein erhöhtes Risiko?

Dr. Stelzer: Hier gibt es eine Unterscheidung nach dem Alter. Unter 35-Jährige leiden zu mehr als einem Drittel an einer hypertrophen Kardiomyopathie. Im einstelligen Prozentbereich liegt hingegen die Myokarditis. Dies zeigt, dass bei den jüngeren vor allem angeborene Herzerkrankungen als Auslöser des plötzlichen Herztodes fungieren.

Zudem haben unter 35-Jährige ein 2,8-fach erhöhtes Risiko im Vergleich zu Nichtsportlern. Vor allem in Sportarten mit hohen Burst-Belastungen (schnelle Beschleunigung und/od. abruptes Abbremsen) ist das Risiko erhöht; Fußball gehört zu diesen Sportarten.

Bei den über 35-Jährigen ist zumeist das Vorliegen einer relevanten koronaren Herzerkrankung die Ursache.

Medscape: Welche Faktoren/Risiken werden bei Kontrolluntersuchungen erhoben?

Dr. Stelzer: In einem sehr schön zusammengefassten Artikel „Plötzlicher Herztod“ von meinem Kollegen PD Dr. Post und mir in der Sportärztezeitung sind die Untersuchungen aufgeführt.

Seitens der DFL sind mindestens einmal jährlich Anamnese, körperliche Untersuchung, Ruhe-EKG und Labor vorgeschrieben, im Profibereich auch inklusive Echokardiografie und Belastungs-EKG. Insbesondere durch eine spezifische Anamnese kann man bereits Hinweise auf mögliche zugrundeliegende Grunderkrankungen finden.

 
Es ist absolut zu empfehlen, bei einer positiven Anamnese … , Auffälligkeiten im EKG oder in der körperlichen Untersuchung eine weiterführende Abklärung in die Wege zu leiten. Dr. Kathrin Stelzer
 

Es ist absolut zu empfehlen, bei einer positiven Anamnese (bereits ein unklarer Schwindel zählt für mich hier dazu), Auffälligkeiten im EKG oder in der körperlichen Untersuchung eine weiterführende Abklärung in die Wege zu leiten. Leider werden auch heute noch zu häufig Sporttauglichkeitsbescheinigungen ohne eine Untersuchung ausgestellt. Auch aufgrund des Drucks von außen (Eltern, Sportler selbst oder Berater/Vereine).

Medscape: Haben Sie einen ähnlichen Vorfall schon selbst erlebt?

Dr. Stelzer: Zum Glück noch nicht. Ich habe immer gesagt: „Wenn ich einmal aufs Feld laufen muss, ist jemand tot.“ Das klingt drastisch, ist aber so.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf  Coliquio.de .
 

Kommentar

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