5 Besonderheiten der Delta-Variante, die klar machen, warum sie gefährlich ist – und was sich dagegen tun lässt

Daniela Ovadia - Zoe Agency

Interessenkonflikte

18. Juni 2021

Die Delta-Variante (B.1.617.2), die ursprünglich im vergangenen Dezember in Indien entdeckt wurde, ist heute der besorgniserregendste Stamm von SARS-CoV-2, der weltweit im Umlauf ist. Jüngste Daten zeigen, dass es sich möglicherweise um die bisher am besten übertragbare Variante handelt. 

Auch in Deutschland bereitet sie Sorge: Ihr Anteil an den Neuinfektionen hatte sich zuletzt laut RKI binnen einer Woche deutlich gesteigert und liegt nun bei 6,2% (Vorwoche 3,7%). In einem Interview hat der Vorsitzende des Weltärztebundes, Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, gewarnt: „Das Tückische bei dieser Variante ist, dass Infizierte sehr schnell eine sehr hohe Viruslast im Rachen haben und damit andere anstecken können, bevor sie überhaupt merken, dass sie sich infiziert haben."

Bei der aktuellen Bundespressekonferenz haben Gesundheitsminister Jens Spahn und RKI-Chef Prof. Dr. Lothar Wieler ebenfalls vor der Delta-Variante gewarnt: „Die Frage ist nicht ob, sondern wann die Delta-Variante die dominierende ist."

Es könne trotzdem ein „guter Sommer werden", sagte Spahn. Die Delta-Variante breite sich vor allem unter Jüngeren aus und unter Menschen, die nur einmal geimpft sind. Das Tragen von Masken bleibe nach wie vor wichtig, etwa in Innenräumen, in öffentlichen Verkehrsmitteln und allgemein, wenn man anderen nahekomme. Derzeit ist laut Spahn rund jeder 2. in Deutschland mindestens einmal geimpft, knapp 30% haben einen vollen Impfschutz.

B.1.617.2 hat sich bereits auf mindestens 62 Länder ausgebreitet und zu der massiven Fallwelle beigetragen, die Indien in den letzten Monaten in die Knie gezwungen hat. Die Variante macht über 60% der Neuinfektionen in Großbritannien und 6% der Neuinfektionen in den USA aus. Portugal macht über das Wochenende die Hauptstadt Lissabon dicht, weil es dort zu einer besorgniserregenden Ausbreitung der Variante gekommen ist.

Delta ist auch besser als andere Stämme in der Lage, teilweise geimpfte Menschen und möglicherweise sogar Menschen zu infizieren, die vollständig geimpft sind. 5 Fragen und die Antworten darauf, zeichnen ein klareres Bild der Variante.

1. Wie unterscheidet sich die Delta-Variante von den anderen?

Die Delta-Variante hat mehr Mutationen als die B.1.617-Variante, von der sie stammt – Mutationen, die ihr einen Vorteil bei der Übertragbarkeit gegenüber anderen Stämmen zu geben scheinen. 2 Berichte des britischen Gesundheitssystems weisen darauf hin, dass die Variante eine bis zu 50% höhere Übertragbarkeit besitzen könnte als Variante B.1.1.7 (englische Variante oder Alpha). 

Prof. Dr. Neil Ferguson, Epidemiologe am Imperial College London und führender britischer Regierungsberater, sagte am 4. Juni, dass die „im Moment beste Schätzung“ ist, dass Delta 60% übertragbarer ist als Alpha, das selbst wiederum übertragbarer ist als der ursprüngliche Stamm: Dieser entstand Ende 2019 in China und war lange (oder ist noch) die weltweit dominierende Variante.

Die indische Regierung hat festgestellt, dass dort inzwischen Delta bei weitem die dominierende Variante geworden ist. Und die chinesische Provinz Guangdong hat ihre Grenzen blockiert, um die Ausbreitung von Infektionen mit dieser einzudämmen.

Wenn die vorläufigen Daten verlässlich sind, könnte die Delta-Variante wohl bald schon der weltweit am weitesten verbreitete Stamm werden und in Ländern mit niedrigen Impfraten größere Ausbrüche auslösen.

2. Verursacht die Delta-Variante schwerere Erkrankungen?

Die Forschung dazu ist nicht schlüssig. Laut Public Health England deuten frühe Daten darauf hin, dass Delta mehr Krankenhauseinweisungen verursacht als Alpha.

Eine Analyse von 38.805 sequenzierten Fällen in England zeigte, dass Delta mit einem 2,61-fach höheren Risiko für einen Krankenhausaufenthalt verbunden war als Alpha und mit einem 1,67-fach höheren Risiko, innerhalb von 14 Tagen nach der Diagnose in die Notaufnahme zu kommen. Diese Zahlen berücksichtigen Faktoren wie Alter, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Wohngebiet und Impfstatus. 

In die gleiche Richtung weisen Daten aus Schottland, die ebenfalls auf ein mehr als doppelt so hohes Risiko für Krankenhauseinweisungen für Personen mit der Delta-Variante im Vergleich zur Alpha-Variante hinweisen.

Die Delta-Variante scheint zudem andere und schwerere Symptome hervorzurufen, wie Magenschmerzen, Übelkeit und Erbrechen, Hörverlust und Gelenkschmerzen (wie Medscape berichtete).

3. Wie wirken die Vakzine bei der Delta-Variante?

Laut Daten aus dem Vereinigten Königreich ist eine vollständige Impfung mit der Biontech/Pfizer- oder der AstraZeneca-Vakzine gegen den Delta-Stamm immer noch weitgehend wirksam, kann jedoch etwas weniger wirksam sein als gegen andere Varianten – und nach einer Einzeldosis noch weniger.

So bot jeweils eine Dosis der Vakzine nur 33% Schutz gegen eine symptomatische B.1.617.2-Infektion (verglichen mit 51% Schutz gegen B.1.1.7). Dies bedeutet, dass die Einzeldosis gegen B.1.617.2 um 35% weniger wirksam ist als gegen B.1.1.7. Delta könnte daher für teilgeimpfte Menschen die bedrohlichste Variante sein.

Auch wenn eine vollständige Impfung wohl auch gegen den Delta-Stamm wirksam ist, gibt es doch Anzeichen für eine besorgniserregende Entwicklung, insbesondere für Länder, die Schwierigkeiten haben, ihre Bevölkerung insgesamt zu impfen und gegen die Ausbreitung vorzugehen.

4. Was passiert derzeit in Großbritannien?

Die Delta-Variante ist in Großbritannien bereits dominant geworden: In KW 21 machte sie etwa 75% aller Neuerkrankungen aus. Aus diesem Grund hat die britische Regierung am 14. Juni beschlossen, die für den 21. Juni geplanten Wiedereröffnungen und damit die weitgehende Rückkehr in einen „normalen Alltag“ um einen Monat zu verschieben. Bei den Ungeimpften – und zahlreichen nur einfach Geimpften – könnte im Land bereits eine 3. Infektionswelle im Gange sein, so dass versucht wird, die Impfkampagne zu beschleunigen, insbesondere was die Gabe von Zweitdosen angeht.

Positiv ist aber, dass bereits 44% der britischen Bevölkerung vollständig geimpft sind, dass die Zahl der Menschen, die mit der Delta-Variante infiziert sind, noch gering bleibt und es keinen Anstieg der Krankenhauseinweisungen gibt. Darüber hinaus ist Großbritannien weltweit führend bei der Sequenzierung des Genoms von Varianten und liefert anderen Ländern ein klareres Bild davon, was auf viraler Genomebene passiert.

5. Was sollten wir in Zukunft erwarten?

B.1.617.2 ist ein weiterer Beweis dafür, wie sich SARS-CoV-2 weiterentwickelt und wie diese Evolution weiterhin gefährlichere Varianten hervorbringt als die Vorgänger.

Das vietnamesische Gesundheitsministerium hat kürzlich bekannt gegeben, dass es eine Variante entdeckt hat, die eine Mischung aus B.1.1.7 und B.1.617.2 zu sein scheint. Bisher konnte das Land nur 1% seiner Bevölkerung mindestens eine Dosis eines Impfstoffs verabreichen: Es ist daher sehr anfällig dafür, dass sich dort neue Varianten herausbilden. Jetzt führt Vietnam weitere Tests durch, um zu sehen, wie weit sich die neue Hybrid-Variante bereits verbreitet hat und wie sie sich von ihren Vorgängern unterscheidet.

Der beste Weg, die Entwicklung neuer Varianten zu verhindern, besteht daher darin, dem Coronavirus weniger Entwicklungsmöglichkeiten zu geben: indem man Ausbrüche mit sozialer Distanzierung verhindert und eindämmt, Menschen möglichst schnell vollständig impft und so viele Abstriche wie möglich sequenziert.

Warum heißt Variante B.1.617.2 jetzt Delta?

Am 31. Mai kündigte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) an, den besorgniserregenden Varianten neue Bezeichnungen mit dem griechischen Alphabet zu geben, um das Kodierungssystem zu vereinfachen und zu verhindern, dass sie basierend auf dem Ort, an dem sie zuerst entdeckt wurden, benannt werden. Dies könnte einige Länder stigmatisieren und Verwirrung stiften, wenn mehrere Varianten an derselben Stelle auftauchen. Die WHO hat die Variante B.1.617.2 aus Indien dabei als Delta bezeichnet.

Wissenschaftler werden weiterhin alphanumerische Namen verwenden, aber die WHO hofft, dass griechische Buchstaben in der Kommunikation mit der Öffentlichkeit üblich werden.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de

 

Kommentar

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