Die Aufrüstung etwa des neuen iPhone 12 mit stärkeren Magneten macht Sorgen – drohen Störungen bei Herzschrittmachern?

Patrice Wendling

Interessenkonflikte

17. Juni 2021

Kardiale elektronische Implantate (cardiac implantable electronic devices, CIED) können von starken Magneten, wie sie auch in manchen iPhones der Firma Apple verbaut werden, gestört werden. Das belegt jetzt eine kleine Studie, die auch aufzeigt, dass einige Geräte für solche Effekte anfälliger sind als andere. Die Ergebnisse wurden im Journal of the American Heart Association veröffentlicht [1].

Das iPhone 12 Pro Max mit MagSafe-Technologie störte CIED, die bei 3 Patienten in einem Herzkatheterlabor implantiert wurden, sowie 8 von 11 implantierbaren Kardioverter-Defibrillatoren (ICD) und Herzschrittmachern (72,7 %), die sich noch in ihren Originalverpackungen befanden.

Die kürzlich publizierten Ergebnisse passen zu einem veröffentlichten klinischen Fallbericht vom Februar dieses Jahres sowie zu Hinweisen auf elektromagnetische Interferenzen bei Fitness-Armbändern und E-Zigaretten.

Die MagSafe-Technologie unterstützt das kabellose Laden durch eine ringförmige Anordnung von Magneten. Obwohl gezeigt wurde, dass der Magnetmodus in CIED bei einem Magnetfeld von nur 10 Gauß (G) aktiviert werden kann, beträgt die Feldstärke des iPhone 12 Pro Max bei direktem Kontakt mitunter über 50 G, stellten die Untersucher fest.

 
Wenn dies zum Standard in neuen Smartphones wird oder Firmen immer stärkere Magnete verwenden ..., dann werden wir immer häufiger elektromagnetische Interferenzen zwischen derlei Geräten und den CIED beobachten können. Dr. Michael Wu
 

„Wenn dies zum Standard in neuen Smartphones wird oder Firmen immer stärkere Magnete verwenden ..., dann werden wir immer häufiger elektromagnetische Interferenzen zwischen derlei Geräten und den CIED beobachten können“, sagte der Seniorautor der Studie Dr. Michael Wu von der Brown University in Providence, Rhode Island, gegenüber Medscape.

Die FDA (Food and Drug Administration) der USA warnte in einem Gutachten aus dem vergangenen Mai davor, dass die Zahl elektrischer Kleingeräte mit starken Magneten in Zukunft zunehmen werde.

Dieser Trend scheint bereits in vollem Gange zu sein. So schrieb das Wirtschaftsmagazin Forbes im Februar, dass die MagSafe-Batterien im Rahmen von Upgrades für das iPhone 13 stärker würden. Und bei Bloomberg wurde im Vorfeld der kürzlich abgehaltenen jährlichen Entwicklerkonferenz von Apple berichtet, dass eine verbesserte Version von MagSafe für das kabellose Laden des iPads in Arbeit sei. Bislang wurde das MagSafe-System nicht in iPads eingesetzt.

Apple empfiehlt Mindestabstand

Wenngleich Apple eingeräumt hat, dass das iPhone 12 mehr Magnete enthält als frühere iPhone-Modelle, erklärte das Unternehmen, dass „ein größeres Risiko für elektromagnetische Interferenzen mit medizinischen Geräten im Vergleich zu früheren iPhone-Modellen nicht zu erwarten sei“. Apple unterhält eigens eine Seite, die ausdrücklich vor den möglichen Wechselwirkungen warnt und Verbrauchern rät, einen Mindestabstand von 15 cm zwischen einem iPhone oder MagSafe-Zubehör und medizinischen Geräten einzuhalten.

Bei iPhones der älteren Generation gab es dieses Risiko nicht. In 1.352 Tests bei 148 Patienten wurde nur in einem Fall ein Störeinfluss zwischen einem iPhone 6 oder einer Apple Watch und den CIED von 4 verschiedenen Herstellern beschrieben.

Wie das iPhone 12 Pro Max verschiedene Geräte beeinflusst

In der vorliegenden Studie wurde der Magnet-Reversion-Modus bei allen 3 Patienten ausgelöst, wenn das iPhone 12 Pro Max über dem Gerät auf die Haut gelegt wurde. Diese Funktion findet sich praktisch in allen implantierbaren Schrittmachern und ICD. Früher diente dieser Modus der Kontrolle des Batterieladezustandes und zur Einleitung des Datenaustausches mit dem kardialen Gerät über einen Reedschalter. Neuere Systeme kommen auch ohne Reedschalter aus, operieren aber dennoch mit ferromagnetischen Sensoren, die entsprechend durch Magnetfelder in der Nähe gestört werden können.

So hemmte das iPhone beim Amplia MRI Quad CRT-D von Medtronic und beim 1231-40 Fortify VR-Gerät von Abbott die Registrierung einer Tachykardie.

Das Boston Scientific V273 Intua CRT-P hingegen „schien weniger anfällig zu sein, da wir nur eine vorübergehende asynchrone Stimulation, aber keine anhaltende Reaktion durch den Magneten des iPhone 12 Pro Max hervorrufen konnten“, schreiben Wu und seine Kollegen.

Bei der Platzierung des iPhone 12 Pro Max direkt über eines der 11 noch verpackten CIED wurde die Tachytherapie im Visia AF MRI ICD von Medtronic sowie in den Abbott-Geräten Fortify Assura DR ICD und Ellipse DR ICD gehemmt.

Das Smartphone erzeugte auch eine asynchrone Stimulation in den Herzschrittmachern Azure, Advisa MRI und Adapta von Medtronic sowie im Assurity MRI-Schrittmacher von Abbott.

Auch hier schienen die Geräte von Boston Scientific wiederum „weniger anfällig zu sein, da keine eindeutige Magnetinterferenz“ beim Dynagen ICD, beim Emblem MRI S-ICD oder beim Accolade MRI festgestellt wurde, so Wu weiter. Bei dem Valitude-Schrittmacher U125 des Unternehmens kam es zu einer vorübergehenden asynchronen Stimulation, aber zu keiner anhaltenden Reaktion.

Beim Visia AF MRI ICD von Medtronic konnten die Untersucher den Magnet-Reversion-Modus in bis zu 1,5 cm Entfernung von der Vorderseite des Geräts in der Verpackung über das iPhone 12 Pro Max auslösen.

Die unterschiedliche Reaktion der Geräte auf das Smartphone lässt sich wahrscheinlich auf die unterschiedliche Empfindlichkeit der Hall-Sensoren (zur Messung von Magnetfeldern) zurückführen, da alle Geräte auf einen Standard-Testmagneten in Ringform zur Kontrolle von Herzschrittmachern reagierten, bemerkte Wu. Der Accolade MRT-Schrittmacher von Boston Scientific benötigt z.B. laut Handbuch einen Magneten, der stärker als 70 Gauß ist, um den Magnetmodus zu aktivieren.

„Trotzdem ließ sich in unseren Versuchen manchmal eine kurze Reaktion auslösen“, erklärte er, „die Reaktionen waren nicht so nachhaltig wie bei manchen anderen Produkten, doch kann ich angesichts der kleinen Stichprobe auch nur spekulieren und vermuten, dass es vielleicht möglich ist. Aber wir wollen lieber eine formale Studie durch den Hersteller selbst oder andere Einrichtungen, um genau zu ermitteln, welche Geräte wirklich anfällig sind.“

Öffentlichkeit sollte sensibilisiert werden

Auf die Frage, ob die CIED-Hersteller Geräte bauen sollten, die weniger anfällig für die heutzutage stärkeren Magneten sind, sagte Wu, dass dies eine sinnvolle Untersuchung wäre, doch gäbe es dabei Vor- und Nachteile.

 
Diese Arbeit unterstreicht, wie wichtig es ist, die Öffentlichkeit für die möglichen Interferenzen zwischen CIED und modernsten Smartphone-Modellen mit magnetischen Ladefunktionen zu sensibilisieren. Dr. Michael Wu
 

Magnete haben in Consumer-Geräten zwar das Potenzial, lebensrettende Therapien zu behindern, sind in bestimmten medizinischen Bereichen allerdings sehr nützlich. So bieten sie etwa eine schnelle Möglichkeit, das Pacing aufrechtzuerhalten, ohne sich um die Effekte des Elektrokauters während einer Operation sorgen zu müssen, oder während eines Eingriffes einen Defibrillator zu deaktivieren, wenn unerwünschte Entladungen ausgelöst werden.

„In der Zukunft müssten viele Geräte überarbeitet werden. Ich glaube, dass es lohnend ist, dies weiter zu untersuchen – vor allem da jetzt so viele Geräte WLAN, Bluetooth oder andere Übertragungsstandards verwenden“, sagte er.

Auch wenn es sich nur um eine kleine Studie handele, repräsentiere sie doch viele der verfügbaren Geräte und habe zugleich eine konkrete klinische Relevanz, da viele Menschen ihre Smartphones in einer Brusttasche z.B. in Jacken mit sich führten.

„Diese Arbeit unterstreicht, wie wichtig es ist, die Öffentlichkeit für die möglichen Interferenzen zwischen CIED und modernsten Smartphone-Modellen mit magnetischen Ladefunktionen zu sensibilisieren“, sagten Wu und sein Team zum Abschluss.

Die Firma Apple wurde um einen Kommentar zu diesem Thema gebeten, doch erreichte uns bis Redaktionsschluss leider noch keine Antwort.

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.
 

Kommentar

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