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Impfstoff falsch verteilt? „Man hätte sozial Schwache eher impfen müssen“ – ein Medizinethiker über Gerechtigkeit und Impfneid

Christian Beneker

Interessenkonflikte

16. Juni 2021

Sind Sie privilegiert und können schon mit dem digitalen Impfausweis in den Urlaub starten? Wie gerecht wird und wurde der SARS-CoV2-Impfstoff verteilt? Medscape sprach mit Prof. Dr. Georg Marckmann, an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität Vorstand des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, über die Fragen von Impfneid und Impfgerechtigkeit.

Prof. Dr. Georg Marckmann

Medscape: Am 7. Juni wurde die Priorisierung aufgehoben - prompt sind die Hausarztpraxen überlaufen von Impfwilligen. Erwarten Sie jetzt eine Art Verteilungskampf, wo jeder nur noch sich selbst der Nächste ist?

Marckmann: Ich mahne zur Gelassenheit. Die Frage der Impfpriorisierung ist etwas dramatisiert worden, als ginge es um den Zugang zu lebensnotwendigen Maßnahmen. Das Infektionsrisiko ist inzwischen sehr niedrig und auch derjenige, der noch keine Impfung bekommen hat, kann sich weiter mit den üblichen Maßnahmen wie Mund-Nase-Schutz oder Abstand halten schützen.

Der Impfneid ist im Übrigen vor allem deshalb entstanden, weil wir so intensiv über die Rücknahme von Freiheitsbeschränkungen für Geimpfte diskutiert haben. Das ist für mich die falsche Frage gewesen.

Wir hätten eher diskutieren müssen, ob es noch gerechtfertigt ist, die Freiheiten der Menschen insgesamt weiter einzuschränken angesichts einer zunehmenden Durchimpfung der Hochrisikogruppen, angesichts sinkender Inzidenzzahlen, angesichts möglicher Alternativen zum Impfen, wie zum Beispiel Schelltests. Es war nicht mehr gut nachvollziehbar, warum die Geimpften bestimmte Freiheiten bekommen, aber die Ungeimpften nicht.

Medscape: Sie kritisieren, dass man bei der Impfpriorisierung mehr soziale Aspekte mitberücksichtigen hätte sollen. Hat man Arme, Obdachlose und Migranten vergessen?

Prof. Marckmann: Es ist ethisch geboten, schlechter Gestellte und sozial Schwache eher zu impfen. Dafür sehe ich 3 gute Gründe: Sie haben aufgrund ihrer oft beengten Lebenssituation ein erhöhtes Infektionsrisiko, sie können zum Beispiel oft nicht im Homeoffice arbeiten. Außerdem ist erwiesen, dass zum Beispiel Langzeitarbeitslose ein höheres Risiko für schwere Verläufe einer Corona-Infektion haben.

 
Man hätte arme, benachteiligte Bevölkerungsgruppen eher impfen müssen.  Prof. Dr. Georg Marckmann
 

Sozial Schwache, die ohnehin schlechtere Gesundheitschancen haben, haben zudem auch noch einen schlechteren Zugang zu den Impfungen. Man hätte arme, benachteiligte Bevölkerungsgruppen eher impfen müssen.

Medscape: Ist so etwas wie Impfgerechtigkeit überhaupt möglich?

Prof. Marckmann: Ja, aber es bleibt ein Ideal, das wir nie vollkommen erreichen. Impfstoffe sollen so eingesetzt werden, dass möglichst viel gesundheitlicher und sozio-ökonomischer Schaden abgewendet wird. Wesentliche Aspekte wurden bisher bei der Priorisierung ja auch berücksichtig. Die Anwendung der Kriterien führt zwar zu einer Ungleichverteilung, aber zu einer ethisch gerechtfertigten Ungleichverteilung. Mein Ziel wäre eine „ausreichende Gerechtigkeit.“

Es liegt übrigens im Interesse aller, dass Menschen, die in armen Verhältnissen enger zusammenleben und ein höheres Infektionsrisiko haben, schnell geimpft werden. Denn dies verhindert Infektionsausbrüche, die sich weiter auf andere Bevölkerungsgruppen ausbreiten können.

Medscape: Inzwischen sind ja Impfteams etwa in Hochhaus-Siedlungen unterwegs.

Marckmann: Ja, das ist ein wichtiger erster Schritt. Allerdings: Saisonarbeiter, Migranten oder Obdachlose sind oft nicht leicht zu identifizieren, um ihnen ein Impfangebot zu unterbreiten. Wir wissen nicht genau, wo sie leben.

In den USA gibt es Indizes, die systematisch erfassen, welche Regionen und Stadtbezirke am meisten benachteiligt sind. Den dort lebenden Menschen kann man dann gezielt Impfangebote machen. Meines Wissens werden solche Instrumente bei uns bislang nicht angewendet.

Medscape: Jetzt werden verschiedentlich auch Kinder geimpft …

Prof. Marckmann: Ob es richtig ist, Kinder und Jugendliche jetzt zu impfen, finde ich fraglich. Das wäre eine egalitäre Gerechtigkeit, die alle gleich behandelt, aber insgesamt wenig hilft, da sie die individuelle Bedürftigkeit nicht berücksichtigt. Kinder und Jugendliche haben nun einmal ein sehr geringes Risiko für schwerwiegende COVID-19-Verläufe.

 
Ob es richtig ist, Kinder und Jugendliche jetzt zu impfen, finde ich fraglich.  Prof. Dr. Georg Marckmann
 

Zudem gibt es bislang nur wenig wissenschaftliche Evidenz zur Corona-Impfung bei Kindern. Insofern sollten wir nicht alle Kinder impfen, sondern nur diejenigen, die beispielsweise aufgrund von Vorerkrankungen ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe haben. Dies wäre wieder eine eher bedürfnisorientierte Gerechtigkeit.

Medscape: Bei der internationalen Verteilung der Impfstoffe werden ebenfalls die armen Länder benachteiligt. Da wiederholt sich auf internationaler Ebene, was schon national nicht funktionierte.

Prof. Marckmann: Die internationale Verteilung der Impfstoffe ist bislang noch unzureichend geregelt. Dabei ist die Pandemie eine internationale Herausforderung, wir müssen entsprechend global agieren.

 
Länder, die nur etwa 16% der Weltbevölkerung ausmachen haben sich über 70% der im Jahr 2021 weltweit verfügbaren Impfstoffe gesichert. Prof. Dr. Georg Marckmann
 

Doch es haben sich Länder, die nur etwa 16% der Weltbevölkerung ausmachen, über 70% der im Jahr 2021 weltweit verfügbaren Impfstoffe gesichert. Hier haben die reichen Länder eine moralische Pflicht entsprechend gegenzusteuern. Auch die ärmeren Länder müssen unbedingt ausreichenden Zugang zu den SARS-CoV-2-Impfungen erhalten.

Medscape: Auch zu Ungunsten der reichen Länder?

Prof. Marckmann: Wir stehen nicht unter Druck, sehr schnell 70% oder 80% der Gesamtbevölkerung zu impfen. Vor allem müssen die Risikogruppen geschützt werden, und das ist ja auch weitgehend erfolgt. Die Impfung der verbleibenden vor allem jüngeren Menschen hat keine so hohe Priorität mehr. Von den knapp 90.000 Menschen, die in Deutschland im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion gestorben sind, waren nur knapp 1.000 unter 50 Jahre alt.

Vor diesem Hintergrund wäre es durchaus vertretbar, der internationalen Verteilung der Impfstoffe eine höhere Priorität einzuräumen. Es wäre ethisch gerechtfertigt, global zu denken und den ärmeren Ländern mehr Impfstoffe zukommen zu lassen.

Natürlich muss dann auch über globale Verteilungskriterien nachgedacht werden: Vorrang sollte die Vermeidung von vorzeitigen Todesfällen durch COVID-19 haben, dann wären schwerwiegende soziale und wirtschaftliche Auswirkungen zu berücksichtigen und schließlich die Rückkehr zu einem normalen gesellschaftlichen Leben.

Medscape: Ist das in Deutschland vermittelbar?

Marckmann: Zumindest sollte man versuchen, dafür zu werben. Dies muss ja nicht notwendig bedeuten, dass wir viel weniger Impfstoffe für die eigene Bevölkerung zur Verfügung haben. Vielleicht sollten wir sogar vorrangig versuchen, ausreichende Produktionskapazitäten in ärmeren Ländern zu schaffen. Astra Zeneca produziert zum Beispiel Impfstoffe in Brasilien.

Aber so lange die Impfstoffe global noch knapp sind, wäre es ratsam, in den reichen Ländern zunächst nur die Risikogruppen zu impfen, um international mehr Impfstoff zur Verfügung stellen zu können.
 

Kommentar

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