MEINUNG

„ACE Hemmer oder ARBS sollte man bei COVID-19 pausieren“ – keine Gefahr aber man ist schneller gesund, zeigt eine Studie

PD Dr. Nikolaus Sarafoff

Interessenkonflikte

8. Juli 2021

ACE-Hemmer und Angiotensin-II-Rezeptoren-Blocker bei COVID-19 für 30 Tage pausieren? PD Dr. Nikolaus Sarafoff stellt die Ergebnisse der randomisierten ACEI-COVID-Studie vor.

Transkript des Videos:

Mein Name ist Nikolaus Sarafoff und ich bin Kardiologe in München.

Ich möchte heute die ACEI-COVID-Studie vorstellen, die gerade in Lancet Respiratory Medicine publiziert worden ist.

Das Corona-Virus SARS-COV-2 tritt über das Angiotensin-Converting-Enzym 2 (ACE2) in die Zellen ein. Dieses Enzym ist ein wichtiger Regulator im Renin-Angiotensin-System (RAS), es wird in vielen Organen des Körpers exprimiert. Das erklärt auch, warum COVID-19 eine systemische Erkrankung ist, die neben der Lunge viele weitere Organsysteme wie das Herz, den Gastrointestinaltrakt oder das Nervensystem befallen kann.

Vermehrte Expression von ACE2?

Es gibt Hinweise, dass eine Therapie mit ACE-Hemmer oder Angiotensin-II-Rezeptorblocker (ARB) zu einer vermehrten Expression von ACE2 im Körper führen kann. Deshalb besteht die Sorge, dass dies den Verlauf von COVID-19 negativ beeinflusst, da mehr Zielrezeptoren für SARS-CoV-2 zur Verfügung stehen.

Diese Sorge wird verstärkt durch die Tatsache, dass schwere Verläufe von COVID-19 deutlich häufiger bei älteren Patienten mit Komorbiditäten auftreten, die typischerweise mit einem ACE Hemmer oder ARB behandelt werden.

Randomisierte Studie zur Therapiepause des RAS-Inhibitors

In der multizentrischen randomisierten ACEI-COVID-Studie wurden an 35 Zentren in Deutschland und Österreich insgesamt 204 Patienten im Zeitraum von April 2020 bis Januar 2021 eingeschlossen. In der Studiengruppe wurden ACE- Hemmer oder ARB für 30 Tage pausiert und in der Kontrollgruppe weitergegeben.

Einschlusskriterien waren ein positiver SARS-CoV-2-PCR-Test in den letzten 5 Tagen, eine chronische Therapie mit ACE-Hemmer oder ARB und stabile Herz-Kreislauf-Verhältnisse.

Ausschlusskriterien waren akutes Koronarsyndrom in den letzten 3 Monaten, schwere arterielle Hypertonie, Herzinsuffizienz im Stadium NYHA III oder IV, linksventrikuläre Ejektionsfraktion unter 30% oder Patienten, die nicht in der Lage waren, ambulant ihren Blutdruck eigenständig zu messen.

Die Patienten waren im Median 75 Jahre alt. 33% hatten einen Diabetes mellitus, 22 % eine koronare Herzerkrankung und 9% eine Herzinsuffizienz. Mehr Patienten in der Kontrollgruppe litten an einer COPD (22 vs. 10%) im Vergleich zur Studiengruppe, in der ACE Hemmer und ARB pausiert wurden.

Die Patienten wurden im Mittel 4 Tage nach dem Auftreten von Symptomen und 2 Tage nach dem positivem PCR-Test randomisiert.

Primärer Endpunkt war der maximale mediane „Sequential Organ Failure Assessment“ Score (SOFA-Score) innerhalb von 30 Tagen. Dieser Score erfasst 6 Organsysteme, und zwar Lungenfunktion, kardiovaskuläre Integrität, Leberfunktion, Blutgerinnung, Nierenfunktion und neurologischen Status. Der Score reicht von 0 (sehr gut) bis 24 (sehr schlecht). Ambulante Patienten hatten entweder einen Score von 0 oder von 24, wenn sie gestorben waren.

Ergebnisse

Der primäre Endpunkt war nicht unterschiedlich zwischen beiden Gruppen. In der Studiengruppe starben 8% der Patienten, in der Kontrollgruppe 12%, aber dies war nicht signifikant unterschiedlich.

Es zeigte sich aber, dass der mittlere SOFA-Score und die Fläche unter dem SOFA-Score in der Studiengruppe signifikant niedriger war. Der SOFA-Score war auch nach 30 Tagen in der Studiengruppe niedriger.

Die Erholung in der Kontrollgruppe war verzögert und 23% vs. 11% in der Studiengruppe waren nach 30 Tagen entweder verstorben oder hatten einen SOFA-Score über 1.

Es zeigte sich kein signifikanter Unterschied im kombinierten Endpunkt bestehend aus Aufnahme auf die Intensivstation, künstliche Beatmung oder Tod (26% vs. 20% in der Studiengruppe).

Rasche Planung und Umsetzung unter schwierigen Bedingungen

Die Autoren müssen zu dieser Studie beglückwünscht werden. Der erste COVID-19-Fall war in Deutschland am 27. Januar 2020 diagnostiziert worden und Mitte Februar waren in Deutschland nur wenige Menschen wissentlich infiziert.

Die ersten Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus (z.B. Verbot von Großveranstaltungen mit mehr als 1.000 Personen) erfolgten Anfang März 2020 und ab 16.März 2020 traten die ersten Lockdown-Maßnahmen in Kraft.

Gleichzeitig wurde diese Studie während des Ausbruchs einer Pandemie von sehr beschäftigten Krankenhausärzten  geplant und organisiert. Alle notwendigen Genehmigungen wurden sehr schnell eingeholt, so dass bereits im April der erste Patient eingeschlossen werden konnte.

Vorteile dieser Studie waren der schnelle Einschluss der Patienten (nur 4 Tage nach Symptombeginn und 2 Tage nach positivem PCR-Test), die lange Dauer der Intervention von 30 Tagen und der Einschluss von Hochrisikopatienten mit einem mittleren Alter von 75 Jahren.

Limitationen waren das offene Design und der primäre Endpunkt, der eventuell  nicht optimal war. Insgesamt zeigte sich im primären Endpunkt kein Vorteil, wenn man bei Patienten mit COVID-19 die Medikation mit ACE-Hemmer oder ARB pausiert.

In den sekundären und den explorativen Analysen zeigt sich jedoch, dass sich Patienten schneller und besser erholen wenn man die Substanzen während der Erkrankung pausiert.

Fazit.

Aktuell gibt es erfreulicherweise wenig neue Fälle mit COVID-19 in Deutschland. Aber auch diese wenigen Fälle sollten optimal behandelt werden.

Ich schließe mich den Autoren an und empfehle, dass man für 30 Tage ACE-Hemmer oder ARB pausieren sollte, wenn es klinisch vertretbar ist und die Patienten alternative Substanzklassen erhalten können.

Mein Name ist Nikolaus Sarafoff aus München und ich freue mich, sie bald wieder hier bei Medscape begrüßen zu dürfen.
 

Kommentar

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