Bundesweite Erhebung zeigt die Krankheitslast von Kindern durch COVID-19 – Impfung wegen sozialer Aspekte?

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

14. Juni 2021

Corona und Kinder – ein viel diskutiertes Thema: „Kinder erkranken nicht oder nur sehr leicht, deshalb ist eine Impfprävention nicht notwendig – diese einfache Formel ist so nicht richtig“, stellte Prof. Dr. Markus Knuf auf der Online-Pressekonferenz zum 15. Kongress für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin (KIT 2021) klar [1]. Er ist Chefarzt der Kinderklinik des Klinikums Worms und Mitglied im Vorstand der DGPI (Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie e. V.).

Der KIT wird von der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI), der Deutschen Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie (DGPI) und der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin (DGT) veranstaltet.

Zwar erkranken Kinder und Jugendliche deutlich weniger schwer an SARS-CoV-2-Infektionen als Erwachsene. „Eine Morbidität liegt aber vor“, sagte Knuf. Er berichtete von ersten Ergebnissen einer bundesweiten DGPI-Erhebung, an der sich bislang 178 Zentren beteiligt haben (Stand: 6. Juni 2021).

1.603 Kinder und Jugendliche wurden stationär aufgenommen, 5% (n=80) mussten intensivmedizinisch betreut werden. Über 50% der aufgenommenen Patienten waren Säuglinge und Kleinkinder. Fieber, Atemwegssymptome, Komplikationen im Magen-Darm-Trakt sowie neurologische und Herzkreislauf-Symptome traten am häufigsten auf.

Die meisten der auf der Normalstation behandelten Patienten wiesen keine Begleiterkrankungen auf; die Patienten, die intensivmedizinisch behandelt werden mussten, litten hingegen überwiegend an Vorerkrankungen. Die meisten Kinder (73%) konnten vollständig gesund entlassen werden, ein Viertel wies Restsymptome auf.

154 Zentren haben 342 Fälle des „Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome“ (PIMS) gemeldet. Im Gegensatz zu COVID-19 sind bei PIMS vor allen Dingen Schulkinder und Jugendliche (7 bis 15 Jahre) betroffen. Nur 46,2% der Kinder und Jugendlichen konnten vollständig gesund aus der Klinik entlassen werden, 42,8% wiesen Restsymptome auf. Daten zu Long-COVID liegen bislang nur vereinzelt vor, ein differenziertes Bild dazu gebe es noch nicht.

Langzeitfolgen bei Impfempfehlungen für Kinder zu wenig berücksichtigt

Aufgrund eines wahrscheinlich höheren Risikos für einen schweren Verlauf empfiehlt bekanntlich nun die STIKO, 12- bis 17-Jährige mit Vorerkrankungen mit der mRNA-Vakzine von BioNTech/Pfizer zu impfen. Zusätzlich sollten Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren geimpft werden, die Angehörige oder andere Kontaktpersonen mit hoher Gefährdung für einen schweren CPVID-19-Verlauf haben und selbst nicht geimpft werden können, oder bei denen der Verdacht besteht, dass die Impfung nicht ausreichend schützt.

 
Ein Jahr ist für die Entwicklung eines Kindes sehr bedeutsam, das kann man nicht mit einem Jahr bei Erwachsenen vergleichen. Prof. Dr. Markus Knuf
 

Knuf betonte, dass neben Aspekten wie Individualschutz und Herdenimmunität gerade bei Kindern soziale Aspekte wie Teilhabe nicht vergessen werden dürften. „Ein Jahr ist für die Entwicklung eines Kindes sehr bedeutsam, das kann man nicht mit einem Jahr bei Erwachsenen vergleichen“, erklärte Knuf. „Schließungen und Herausnahmen aus Peer Groups, Schulen, Vereinen – das sind gerade für Kinder sehr eingreifende Maßnahmen.“

Er kritisierte, dass Langzeitfolgen wie Long-COVID, psychiatrische Erkrankungen und Entwicklungsstörungen in Folge der Schließungen von Gemeinschaftseinrichtungen bei der Formulierung von Impfempfehlungen nahezu gar nicht berücksichtigt wurden. Das sei wohl eine Folge der Fokussierung auf den unmittelbaren „Individualschutz“.

Knuf betonte, dass Kinder und Jugendliche „Teil der Pandemie“ seien. Auch in dieser Altersgruppe läge eine Morbidität vor, vereinzelt komme es zu schweren Verläufen, vor allem Patienten mit chronischen Krankheiten scheinen ein erhöhtes Risiko dafür zu haben.

 
Die sehr große Gruppe der ebenfalls als gefährdet anzusehenden chronisch kranken Kinder im Säuglings-, Kleinkindes- und Schulalter müssen bislang ohne Impfangebot bleiben. Prof. Dr. Markus Knuf
 

Knuf nannte es bedauerlich, dass die Impfung erst ab dem 12. Lebensjahr möglich sei. „Die sehr große Gruppe der ebenfalls als gefährdet anzusehenden chronisch kranken Kinder im Säuglings-, Kleinkindes- und Schulalter müssen bislang ohne Impfangebot bleiben“, sagte er.

Dramatische Kollateralschäden durch COVID-19 in armen Ländern

Die Kollateralschäden in Ländern mit mittlerem und niedrigem Einkommen durch COVID-19 sind dramatisch, berichtete Prof. Dr. Frank Mockenhaupt, Kommissarischer Leiter des Instituts für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit an der Charité Berlin. COVID-19 scheint Afrika bislang weniger hart direkt zu treffen als Europa. Ob dies primär an der jungen und somit häufig leicht oder asymptomatisch infizierten Bevölkerung liegt, an unzureichender Diagnostik und Berichterstattung oder an anderen Gründen, sei unklar.

Doch die Gesundheitssysteme in afrikanischen Ländern sind häufig schwach und mit dem Management von Malaria, Tuberkulose, HIV/AIDS oft ausgelastet. Auch ist der Zugang der Bevölkerung zu Gesundheitseinrichtungen häufig eingeschränkt. Die jährlichen staatlichen Gesundheitsausgaben in Afrika südlich der Sahara liegen durchschnittlich bei 30 US-Dollar pro Person.

Anstieg akuter Unterernährung bei Kindern zwischen 10 und 50%

Für das subsaharische Afrika wird mit einer pandemiebedingten Senkung des Bruttosozialprodukts von 2% bis 4% gerechnet. Schätzungen gehen davon aus, dass pandemiebedingt 190 Millionen Menschen zusätzlich unter die absolute Armutsschwelle von 1,90 US-Dollar pro Tag fallen werden. Aufgrund von Lockdowns ist das tägliche Einkommen, das primär die Ernährung sichert, erheblich reduziert worden oder ganz weggefallen.

Das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen geht deshalb davon aus, dass sich die Zahl der Menschen – vor allem junger Kinder –, die von akuter Ernährungsunsicherheit bedroht sind, auf 265 Millionen verdoppelt. Als Ursachen werden die eingeschränkte Lebensmittelproduktion und der eingeschränkte Handel genannt, die Unterbrechung oder Aussetzung von humanitärer Hilfe und auch die Schließung von Schulen und damit der Wegfall von Schulspeisungen.

UNICEF schätzt, dass pandemiebedingt die Versorgung mit Ernährungsprogrammen um 30% gesunken ist; bei einem konkreten Lockdown sogar um 75 bis 100%. Modellierungen prognostizieren einen Anstieg akuter Unterernährung bei Kindern um 10% bis 50%.

Die Weltbank geht davon aus, dass 6,7 Millionen Kinder in Afrika und Asien pandemiebedingt nicht genug zu essen haben und dass in den ersten 12 Monaten der Pandemie 10.000 Kinder pro Monat verhungert sind. Vorhersagen gehen davon aus, dass rund 20% der indirekten Pandemie-Todesfälle bei Kindern durch Unterernährung verursacht sein werden.

Rückgang der Impfungen für Kinder um 25 bis 66%

COVID-19 hat weltweit die Priorisierungen im Gesundheitssystem geändert: UNICEF berichtet, dass sich die Lieferung von Impfstoffen gegen „normale“ Infektionskrankheiten um 70 bis 80% verringert hat, in manchen Regionen seien Kinder-Impfungen um 25 bis 66% zurückgegangen.  

Lockdowns und Handelsbeschränkungen führen dazu, dass Präventionsmaßnahmen zurückgefahren werden – so werden in einigen afrikanischen Ländern weniger Moskitonetze verteilt und weniger Insektizide eingesetzt.

Befürchtet wird, dass – wie bei der Ebola-Epidemie in Westafrika – Patienten, wenn sie erkranken, aus Furcht vor Infektion seltener eine Klinik aufsuchen, dass die erhöhte Sterberate von Gesundheitsmitarbeitern an COVID-19 die Systeme weiter schwächt, zunehmende Lieferengpässe auch Malariamedikamente betreffen und Geldgeber den Fokus zu sehr auf COVID-19 legen.

Ein Drittel der Länder in Subsahara-Afrika erwartet für 2020 eine höhere Malaria-Inzidenz als 2015. Modellierungen der WHO gehen in einem Worst-Case-Szenario (75% weniger Verteilung von Moskitonetzen, 75% reduzierte Verfügbarkeit von Malariamedikamenten) davon aus, dass sich binnen eines Jahres die Malariasterblichkeit auf 769.000 Tote pro Jahr verdoppelt. Aus Kamerun und Sambia würden bereits Zahlen berichtet, die in diese Richtung gehen, so Mockenhaupt.

Pandemiebedingt mehr Tote durch Tuberkulose und AIDS

COVID-19 wirkt sich auch direkt auf die Zahl der Tuberkulose-Fälle aus. Bislang wird ein Drittel der rund 10 Millionen Tuberkulose-Neuerkrankungen pro Jahr weltweit nicht diagnostiziert. Die Pandemie aber verschärft die Situation. Im ersten Halbjahr 2020 wurden rund ein Viertel weniger Tuberkulose-Fälle entdeckt als sonst üblich, geschätzt traten 13% mehr Todesfälle auf.

 
Die indirekten Schäden der COVID-19-Pandemie in Afrika sind erheblich. Prof. Dr. Frank Mockenhaupt
 

In Nigeria etwa wurden Gelder von der TB-Diagnostik abgezogen und zur Pandemie-Eindämmung eingesetzt. Modellierungen legen nahe, dass durch eingeschränkte Tuberkulose-Maßnahmen weltweit zwischen 2020 und 2025 zusätzlich 6,3 Millionen Fälle und 1,3 Millionen TB- assoziierte Todesfälle auftreten können.

Auch die Bekämpfung von HIV/Aids wird durch die Pandemie erheblich beeinträchtigt: UNAIDS (das gemeinsame Programm der Vereinten Nationen für HIV/AIDS) gibt an, dass in 17 afrikanischen Ländern die Testungen auf HIV deutlich zurückgegangen sind (teilweise bis zu 75%) und dass in einer ähnlich großen Zahl von Ländern der Zugang von Schwangeren mit HIV zu antiretroviraler Therapie verringert ist.

Für Länder, die stark von HIV betroffen sind, schätzt UNAIDS, dass für 40% der Menschen, die kontinuierlich antiretrovirale Medikamente einnehmen, zeitweise kein Zugang mehr dazu besteht. Modellierungen prognostizieren deshalb auch für HIV/AIDS einen pandemiebedingten Anstieg der Sterblichkeit.

„Die indirekten Schäden der COVID-19-Pandemie in Afrika sind erheblich“, so Mockenhaupt. In einem Modell für Uganda, einem Land mit einer sehr jungen Bevölkerung, liegen die indirekten Schäden von COVID-19 hinsichtlich Malaria, HIV/AIDS und Müttersterblichkeit jeweils (!) über den direkten COVID-19-Schäden. Mockenhaupt erinnerte daran, dass die chronisch unterfinanzierten Gesundheitssysteme in Afrika bislang kaum die Möglichkeit hatten, der Pandemie etwas entgegen zu setzen, ohne Ressourcen aus anderen Bereichen abzuziehen.

 
Die dazu sehr akut notwendigen Mittel müssen in einer globalen Initiative bereitgestellt werden. Prof. Dr. Frank Mockenhaupt
 

Neben der Bekämpfung von COVID-19 müssten die bisherigen Prioritätsprogramme wieder in Kraft gesetzt werden, um die Fortschritte bei der Bekämpfung der Infektionskrankheiten oder der Müttersterblichkeit nicht zunichtezumachen. Aus humanitären und langfristig ökonomischen Gründen und wegen der weltweiten Pandemie-Bekämpfung (Vermeiden von Virusvarianten) müsse ein Zusammenbrechen der Systeme vermieden werden. „Die dazu sehr akut notwendigen Mittel müssen in einer globalen Initiative bereitgestellt werden“, schloss Mockenhaupt.

 

Kommentar

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