COVID-19: Die Impfempfehlung der STIKO für Kinder und Jugendliche – und was Experten dazu sagen

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

11. Juni 2021

Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren sollen nur gegen COVID-19 geimpft werden, wenn bei ihnen besondere Risikofaktoren vorliegen. Entsprechende Details hat die Ständige Impfkommission (STIKO), wie berichtet, im Epidemiologischen Bulletin des Robert Koch-Instituts (RKI) veröffentlicht [1].

„Die Empfehlung ist eine gute Basis für einen verantwortungsbewussten Umgang von uns Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzten mit der freiwilligen Impfung nun auch in dieser Altersgruppe“, betont Dr. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. „Gemeinsam mit unseren Patientinnen und Patienten und ihren Eltern werden wir nach umfassender Beratung und Aufklärung in unseren Praxen die Impfentscheidungen treffen.“

Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands, begrüßt die STIKO-Entscheidung ebenfalls: „Unser aller Ziel sollte es weiterhin sein, diejenigen vorrangig zu schützen, die ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf bei einer COVID-19-Erkrankung haben. Die heutige Empfehlung unterstützt genau diesen Weg.“

 
Es war unbegreiflich, warum die Politik das Thema so früh in die öffentliche Diskussion gebracht hat. Ulrich Weigeldt
 

In den Zusammenhang wird aber auch Kritik an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn laut: „Angesichts der Tatsache, dass es noch immer an Impfstoff mangelt und vor dem Hintergrund, dass die bisherige Datenlage noch sehr dünn ist, war es unbegreiflich, warum die Politik das Thema so früh in die öffentliche Diskussion gebracht hat“, sagt Weigeldt. Spahn hatte die Impfpriorisierung aufgehoben; seit 7. Juni dürfen Ärzte Kinder ab 12 Jahren gegen COVID-19 impfen.

Empfehlungen der STIKO im Überblick

Im Epidemiologischen Bulletin raten Experten jedoch, nur 12- bis 17-Jährigen mit Risikofaktoren das Vakzin zu geben. Dazu gehören

  • Adipositas (> 97. Perzentile des Body Mass Index)

  • Angeborene oder erworbene Immundefizienz oder relevante Immunsuppression

  • Angeborene zyanotische Herzfehler (O2-Ruhesättigung < 80%)

  • Schwere Herzinsuffizienz

  • Schwere pulmonale Hypertonie

  • Chronische Lungenerkrankungen mit einer anhaltenden Einschränkung der Lungenfunktion

  • Chronische Niereninsuffizienz

  • Chronische neurologische oder neuromuskuläre Erkrankungen

  • Maligne Tumorerkrankungen

  • Trisomie 21

  • Syndromale Erkrankungen mit schwerer Beeinträchtigung

  • Diabetes mellitus (erhöhtes Risiko bei nicht gut eingestelltem Diabetes mellitus mit HbA1c-Werten > 9,0%)

Laut Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (ZI) haben immerhin 11% aller Kinder und Jugendlichen mindestens eines dieser Risikomerkmale. Das entspricht 452.000 Kindern und Jugendlichen. Rund 45% von ihnen leiden an asthmatischen Erkrankungen.

Neben diesen Vorerkrankungen nennt die STIKO noch 2 weitere Gruppen, bei denen sie zu COVID-19-Impfungen rät:

  • Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren mit Kontakt zu Personen mit erhöhtem Risiko für schweres COVID-19, die nicht selbst geimpft werden können oder bei denen eine Impfung wahrscheinlich nicht zum notwendigen Schutz führt (etwa Patienten unter einer Immunsuppression)

  • Jugendliche mit beruflich bedingtem erhöhtem Expositionsrisiko – hier gilt die Einstufung wie bei Erwachsenen

Ein Blick auf die Daten

Grundlage der STIKO-Empfehlung sind Daten von BioNTech/Pfizer. In die Studie wurden 2.260 Jugendliche im Alter von 12 bis 15 Jahren eingeschlossen; 1.131 erhielten BNT162b2 und 1.129 bekamen ein Placebo. Daten zur Immunogenität in der jüngeren Population zeigten eine Nichtunterlegenheit gegenüber 16- bis 25-jährigen Teilnehmern. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse traten nicht auf.

In die Analyse zur Wirksamkeit wurden 1.983 Teilnehmer ohne Hinweise auf eine frühere SARS-CoV-2-Infektion einbezogen. Unter Verum trat kein Fall von COVID-19 auf; unter Placebo waren es 16 Fälle. Das entspricht einer Effektivität von 100% (95%-Konfidenzintervall 75,3% bis 100%).

Ende Mai hat der Ausschuss für Humanarzneimittel der Europäischen Arzneimittelagentur EMA wie berichtet empfohlen, Comirnaty® für Kinder zwischen 12 und 15 Jahren zuzulassen; weitere Einschränkungen hat die EMA derzeit nicht formuliert. Zuvor war der Einsatz erst ab 16 Jahren möglich.

Sicherheit und Wirksamkeit in jüngeren Populationen

Bei einem Pressebriefing des Science Media Center Germany (SMC) haben Experten sowohl die Daten als auch die Empfehlungen kommentiert [2].

„Die Kinderstudie ist gut gemacht und sehr professionell; die Daten sind konsistent überzeugend“, lobt der STIKO-Vorsitzende Prof. Dr. Thomas Mertens. „An der Wirksamkeit besteht kein Zweifel in der Gruppe der Kinder und Jugendlichen.“ Allerdings sei es in der gesamten Kohorte nur zu wenigen COVID-19-Fällen gekommen.

Mertens: „Die Sicherheit ist eine andere Geschichte, denn die Zahlen aus der Zulassungsstudie sind zu gering, um Ereignisse zu erfassen, die seltener als 1:100 auftreten.“ In den USA würden zwar viele Kinder und Jugendliche geimpft. Man brauche aber Daten und keine Medienberichte, um weitere Informationen zu gewinnen.

STIKO präzisiert EMA-Zulassung

Genau darin liege eine wichtige Aufgabe der STIKO, kommentiert Prof. Dr. Fred Zepp, Mitglied der Ständigen Impfkommission. „Hersteller legen Daten vor, und Zulassungsbehörden prüfen sie“, so der Experte. „Auftrag der STIKO ist eine Güterabwägung, für wen der Impfstoff interessant ist und welche Impfziele wir verfolgen.“ Dem stünden Fragen zur Risikoabwägung gegenüber. Für solche Fragen habe man in der Vergangenheit 5 bis 10 Jahre Zeit gehabt. In der Gruppe der Kinder und Jugendlichen seien es lediglich 3 Monate gewesen.

 
Den Impfstoff nur zu empfehlen, um Dritte zu schützen, führt nicht zum Ziel. Prof. Dr. Fred Zepp
 

„Wir müssen einordnen, wo wir individuell und gesellschaftlich den besten Effekt erzielen“, so Zepp weiter. „Bislang sind dem RKI 20 validierte COVID-19-Todesfälle bei unter 20-Jährigen übermittelt worden“, heißt es im Situationsbericht des RKI vom 8. Juni. „Diese Kinder und Jugendlichen waren zwischen 0 und 19 Jahre alt, bei allen 15 Fällen mit Angaben hierzu, sind Vorerkrankungen bekannt.“

Zum Effekt auf Populationsebene erklärt der Experte: „Den Impfstoff nur zu empfehlen, um Dritte zu schützen, führt nicht zum Ziel.“ Derzeit habe man nur begrenzte Mengen, und Vakzine der älteren Bevölkerung vorzuenthalten, erhöhe deren bekanntes Risiko.

Auch Prof. Dr. Reinhard Berner, Leiter der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, Dresden, und externer Sachverständiger der STIKO, hält Personen unter 18 für wenig gefährdet durch eine COVID-19-Erkrankung. Er nennt auf Grundlage von Registerdaten beim pädiatrischen inflammatorischen Multiorgan-Syndrom (PIMS) eine Häufigkeit von 1 pro 5.000 bis 10.000 Personen Im Alter zwischen 12 und 17 nach Corona-Infektionen.

„Über Long-COVID bei Kindern und Jugendlichen wissen wir noch zu wenig“, so seine Einschätzung. Gleichzeitig warnt er vor möglichen Risiken: „Kinder mitten in der Pubertät sind aufgrund der hormonellen Umstellung keine ganz unsensible Gruppe. Deshalb war die STIKO gut beraten, diese Gruppe genau zu bewerten.“

Ärzten, aber auch Eltern rät Berner zu individuellen Entscheidungen. Jugendliche mit angeborenem Herzfehler beispielsweise sollten geimpft werden, Jugendliche mit gut eingestelltem Diabetes oder Asthma jedoch eher nicht.

 
Kinder mitten in der Pubertät sind aufgrund der hormonellen Umstellung keine ganz unsensible Gruppe. Prof. Dr. Reinhard Berner
 

Zepp weist darauf hin, alle Ratschläge der STIKO seien „dynamisch“. Gebe es weitere Daten, könnten neue Empfehlungen folgen, etwa vor Beginn des Schuljahres 2021/2022.

 

Kommentar

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