Alzheimer-Krankheit: FDA lässt umstrittenen Anti-Amyloid-Antikörper Aducanumab zu – fraglicher Patienten-Nutzen

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

8. Juni 2021

Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) hat den monoklonalen Antikörper Aducanumab des Unternehmens Biogen zur Therapie von Patienten mit der Alzheimer-Erkrankung zugelassen [1]. Aducanumab soll den kognitiven Verfall bei Menschen mit leichten Gedächtnis- und Denkproblemen verlangsamen. Das Unternehmen muss allerdings eine Phase-4-Studie (Post-Marketing-Studie) vornehmen. Bei negativem Verlauf kann die Zulassung entzogen werden.

Biogen hat auch bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) einen Antrag für eine Zulassung gestellt, teilt die Alzheimer Forschung Initiative (AFI) in einer Presseinformation mit. Eine Entscheidung werde bis Ende des Jahres erwartet.

Zulassung trotz negativer Empfehlung externer Berater

Der Antikörper wurde von der FDA im Rahmen eines sogenannten beschleunigten Zulassungsverfahrens zugelassen, das darauf abzielt, einen früheren Zugang zu potenziell wertvollen Therapien für Patienten mit schweren Krankheiten zu ermöglichen, bei denen ein großer ungedeckter Therapie-Bedarf besteht.

Der gegen pathogene Amyloid-Bildung gerichtete Antikörper ist der erste zugelassene Wirkstoff, der die Amyloid-Pathogenese der Alzheimer-Krankheit beeinflusst, statt nur symptomatisch zu wirken. Aducanumab (Markenname Aduhelm) wird einmal monatlich intravenös verabreicht.

Der Wirkstoff ist außerdem seit fast 2 Jahrzehnten das erste neue Medikament, das die FDA für Patienten mit der neurodegenerativen Erkrankung zugelassen hat.

Die Behörde erteilte die Zulassung trotz einer negativen Empfehlung ihres externen Beratergremiums und inhomogener Studiendaten. Patienten-Organisationen hatten sich vehement für die Zulassung des Medikaments eingesetzt, da die bislang verfügbaren pharmakotherapeutischen Optionen bei der Erkrankung sehr eingeschränkt sind. 10 von 11 Mitgliedern des externen Beratergremiums der FDA hatten sich im vergangenen November hingegen ebenso wie einige Demenz-Experten gegen eine Zulassung ausgesprochen, da ihrer Ansicht nach die Beweise für einen Nutzen in Relation zu den Risiken – insbesondere Hirnödeme und zerebrale Blutungen – zu gering seien. 

Wegen dieser Risiken sei eine aufwändige und engmaschige ärztliche Begleitung nötig, so die AFI. Teilnehmer der Zulassungsstudien wurden in regelmäßigen Abständen mit bildgebenden Verfahren wie MRT untersucht, bei Hirnschwellungen wurde die Dosis ausgesetzt. „Solche Begleituntersuchungen müssten auch regelmäßig bei Patientinnen und Patienten durchgeführt werden“, sagt Astrid Marxen, Sprecherin der AFI.

Problem: Reduktion der Amyloid-Belastung, aber kein Patienten-Nutzen

Sowohl Kritiker als auch Befürworter der Zulassung sind sich einig, dass der Antikörper die zerebrale Amyloid-Konzentration deutlich reduziert. Das Problem dabei ist allerdings: Eine Reduktion der Amyloid-Konzentration bedeutet nicht automatisch, dass der Erkrankungsprozess gebremst, gestoppt oder gar rückgängig gemacht werden kann. Anders formuliert: Die Amyloid-Belastung wird zwar reduziert, aber die Demenz-Symptome bleiben und schreiten weiter voran.

So ist in den vergangenen Jahren für viele Antikörper ein Effekt auf die Amyloid-Konzentration und die Plaque-Bildung gezeigt worden; aber wenn es um den Nutzen für die Patienten ging, hat kein Anti-Amyloid-Wirkstoff die großen Erwartungen und Versprechungen wirklich erfüllt.  

Der Knackpunkt der Kontroverse um Aducanumab waren 2 Phase-3-Studien mit widersprüchlichen Ergebnissen: Eine Studie deutete darauf hin, dass das Medikament den kognitiven Abbau leicht verlangsamt, die andere Studie zeigte hingegen keinen Nutzen. Die Studien wurden vorzeitig abgebrochen, da Aducanumab keinen Nutzen zu zeigen schien. Infolgedessen konnte mehr als ein Drittel der 3.285 Studienteilnehmer diese Studien nie abschließen. 

 
Es gibt so wenig Beweise für die Wirksamkeit. Prof. Dr. Leon Schneider
 

Biogen erklärte später, dass es zusätzliche Daten analysiert habe und zu dem Schluss gekommen sei, dass in einer der Studien eine hohe Dosis Aducanumab den kognitiven Verfall um 22% oder etwa 4 Monate über 18 Monate verzögern könne. „Überraschend“ habe das Unternehmen „neue Studiendaten aus dem Hut gezaubert“, hieß es damals – kommentierend – in der Neuen Zürcher Zeitung.

„Es gibt so wenig Beweise für die Wirksamkeit“, so Prof. Dr. Leon Schneider, Direktor des California Alzheimer's Disease Center an der University of Southern California und einer von vielen Prüfärzten der Aducanumab-Studien. „Ich weiß nicht, was die FDA hier ins Schwärmen gebracht hat“, wird Schneider in der New York Times zitiert.

Einen Preis für das Medikament habe Biogen noch nicht bekannt gegeben, aber er könnte in der Größenordnung von 10.000 bis 50.000 Dollar pro Patient und Jahr liegen, prognostizierten Wall Street-Analysten dem Bericht der New York Times zufolge. Darüber hinaus würden höchstwahrscheinlich Zehntausende von US-Dollar an Kosten für diagnostische Tests und bildgebende Untersuchungen (MRT) anfallen.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.
 

Kommentar

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