Gesetz zur bedarfsgerechten Versorgung bei Psychotherapien: Verbände laufen Sturm – das sind ihre Kritikpunkte

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

2. Juni 2021

„Rasterpsychotherapie“, „holzschnittartig“, „Rationierung“ und „Behandlung nach Tabelle“ – psychotherapeutische Verbände laufen Sturm gegen den  Änderungsantrag 49 zum Gesetz zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung (GVWG). Der Antrag sieht vor, dass der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) prüft, wie die Behandlung von psychisch kranken Menschen orientiert am Schweregrad der Erkrankung bedarfsgerecht sichergestellt werden kann. Abhängig von der Diagnose könnte möglicherweise vorab festgelegt werden, wie lange eine Psychotherapie dauert.

Voraussichtlich Anfang Juni wird im Bundestag über den Gesetzentwurf abgestimmt. Kritiker befürchten, dass Therapien damit stärker reglementiert und der Zugang erschwert werden könnte. Die Wogen um diese Pläne schlagen hoch, die Petition „Keine #Rasterpsychotherapie, Herr Spahn“ des Schriftstellers und Autors von „Depression abzugeben“, Uwe Hauck, hat bislang mehr als 187.000 Unterzeichner.

Bereits der 2. Anlauf der Reform

„Mich lässt das etwas ratlos zurück. Das ist der zweite Versuch des Bundesgesundheitsministeriums die psychotherapeutischen Ressourcen – die ja nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen – bedarfsgerecht zu steuern. Und jedes Mal verursacht das einen riesigen Proteststurm“, sagt Prof. Dr. Thomas Pollmächer, Direktor des Zentrums für Psychische Gesundheit am Klinikum Ingolstadt und Präsident der DGPPN.

 
Das ist der zweite Versuch des Bundesgesundheitsministeriums die psychotherapeutischen Ressourcen – die ja nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen – bedarfsgerecht zu steuern. Prof. Dr. Thomas Pollmächer
 

Bereits 2018 hatte das BMG im Rahmen des Termin- und Servicegesetzes (TSVG) versucht, die Versorgung für psychisch kranke Menschen zu steuern. Eine im Oktober 2018 von den Psychotherapeuten-Verbänden initiierte Petition an den Bundestag hatte das verhindert.

Der Änderungsantrag 49 sieht nun vor, dass der G-BA bis 31. Dezember 2022 die psychotherapeutische Versorgung dahingehend prüfen soll, dass die Behandlung der psychisch kranken Versicherten orientiert am Schweregrad der Erkrankung bedarfsgerecht sichergestellt wird. „Da kann doch eigentlich keiner etwas dagegen haben“, sagt Pollmächer.

Gestuftes Konzept für die psychotherapeutische Versorgung

Denn klar sei: Die Psychotherapie als Behandlungsmethode stehe nicht grenzenlos zur Verfügung. Dabei wurden die Kapazitäten deutlich aufgestockt. Gab es im Jahr 2012 rund 20.000 Psychotherapeuten, waren es 2019 über 28.000. „Das ist eine Zunahme um 63%“, so Pollmächer. Entspannt hat sich die Situation allerdings nicht, die Wartezeiten auf eine Psychotherapie sind nach wie vor lang: „Man sieht auch: Wo es viele Psychotherapeuten gibt, da gibt es auch eine große Nachfrage nach Psychotherapie“, berichtet Pollmächer.

 
Wo es viele Psychotherapeuten gibt, da gibt es auch eine große Nachfrage nach Psychotherapie. Prof. Dr. Thomas Pollmächer
 

Er hält ein gestuftes Versorgungskonzept für unabdingbar. Eine Steuerung des Angebots, das die Krankheitsschwere berücksichtige, sei gerade wegen der Schwächsten, die sich nicht gut durchsetzen könnten notwendig. „Patienten, die gar nicht die Kraft oder die Zeit haben, sich um eine Psychotherapie zu kümmern, fallen oft durch das Raster und bekommen keinen Therapieplatz“, sagt der Experte. „Erfolgreich sind die, die am lautesten sind. Das sind aber in der Regel nicht die, die am schwersten krank sind und am dringendsten eine Psychotherapie brauchen.“

Viele Menschen bräuchten Beratung, aber nur ein Teil davon sei so schwerer betroffen, dass eine wirkliche Behandlung notwendig sei, erklärt Pollmächer. Wenn aber die überwältigende Mehrheit der ambulanten Patienten (84%) an Anpassungsstörungen, einfachen und wiederholt auftretenden Depressionen leide, hingegen nur 0,7% an einer bipolaren Störung, 0,5% an Schizophrenie und 1,3% an Verhaltensstörungen aufgrund von Alkohol, dann zeige dass wie stark schwer erkrankte Menschen unterrepräsentiert seien.

 
Patienten, die gar nicht die Kraft oder die Zeit haben, sich um eine Psychotherapie zu kümmern, fallen oft durch das Raster und bekommen keinen Therapieplatz. Prof. Dr. Thomas Pollmächer
 

Dass die derzeitige Versorgungssituation Patienten, die dringend auf einen Therapieplatz angewiesen sind, nicht gerecht wird, verdeutlicht Pollmächer an einem Beispiel. „Es müsste ja eigentlich naheliegen, dass ein Patient, der in unserer Klinik wegen eines Suizidversuchs eingeliefert wurde und sich nach 2 Wochen soweit stabilisiert hat, dass er aus der Klinik entlassen werden könnte, prioritär einen Termin bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten bekommt.“ Das Problem sei aber: „Einen Mechanismus, der dies sicherstellt, gibt es nicht.“

Psychotherapeutische Verbände befürchten Behandlung nach der Tabelle

Ein breites Bündnis psychotherapeutischer Verbände spricht sich „gegen jede Rationierung von Leistungen ambulanter Richtlinienpsychotherapie” aus. Die Verbände sehen im Änderungsantrag eine „Beschneidung der bisherigen Psychotherapie-Leistungen”. Eine Behandlung „nach Tabelle“, die Patienten eine Anzahl an Therapiestunden zuweist, dürfe es auf keinen Fall geben. Der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten (bvvp), die Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT), die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT), die Deutsche Psychotherapeuten-Vereinigung (DPtV) und die Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten (VAKJP) fordern daher, die geplante Änderung in § 92 Absatz 6a SGB V zu streichen.

Schon jetzt würden psychotherapeutische Leistungen der ambulanten Richtlinientherapie bedarfsgerecht und am Schweregrad orientiert eingesetzt, schreiben die Verbände in einem Brief an den Gesundheitsausschuss des Bundestags. Dazu seien kontingentbezogene Anzeige- und Genehmigungsschritte gegenüber den Kostenträgern festgeschrieben. Daten zeigten zudem, dass die Therapielängen erheblich variierten, sodass individuell dosiert und bedarfsgerecht indiziert und behandelt werde.

Auch die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) kritisiert die geplanten Eingriffe in die Therapiehoheit in der Psychotherapie. An die Stelle von individueller Diagnose und Behandlung soll künftig in der Psychotherapie eine Versorgung nach groben Rastern treten, die festlegen, wie lange ein Patient je nach Erkrankung behandelt werden darf. „Das ist holzschnittartige Psychotherapie, oberflächlich und lückenhaft“, sagt Dr. Dietrich Munz, Präsident der (BPtK). Und Christina Jochim, Psychotherapeutin in Berlin kritisiert: „Es ist fast so, als ob ein Chirurg die OP beendet, auch wenn er nicht fertig ist.” Es könne, so Jochim, von vornherein „ein massiver Leistungsdruck für Patienten entstehen, nicht genug Zeit zu haben, ihr Leid ausreichend zu schildern, weil sie das Gefühl haben, dass das Problem sowieso vorzeitig beendet wird.”

Hauck fordert Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zur Annahme der Petition auf: „Gerade jetzt in der Corona-Pandemie steigt die Zahl der Menschen, die unter einer psychischen Belastung leiden. Das lässt der Minister hier offensichtlich vollkommen außer Acht. Daher besteht aus unserer Sicht dringender Handlungsbedarf.“

Auch Schauspielerin Nora Tschirner und der Comedian Kurt Krömer, die beide wegen Depressionen in Behandlung waren, mobilisieren unter dem Hashtag #GesichtGegenRastertherapie für Haucks Petition. Die Deutsche Depressions Liga e.V. (DDL) schließt sich ebenfalls an. „Es heißt immer Volkskrankheit Depression. Die Behandlung durch die Politik und die Versorgungslage sind aber alles andere als einer Volkskrankheit würdig. Bei jeder psychischen Erkrankung geht es um Menschen – das scheint so mancher Politiker zu vergessen“, kommentiert Armin Rösl, Vorstandsmitglied der DDL.

 
Das ist holzschnittartige Psychotherapie, oberflächlich und lückenhaft. Dr. Dietrich Munz
 

Dass eine bedarfsgerechte Steuerung notwendig ist, sehen aber auch manche psychologischen Psychotherapeuten so. Rolf Wachendorf und Jan Glasenapp betonen in einem Diskussionsbeitrag im Ärzteblatt, dass soziale Gerechtigkeit und Versorgungsverantwortung Priorisierung, Begrenzung und Nachhaltigkeit beinhalten. Sie schreiben, dass eine „klare Trennung von Sozialarbeit, Beratung und Krankenbehandlung anzustreben“ ist. Wenn die Lebensbegleitung Einzelner dazu führe, dass die Behandlung von Krankheiten anderer verhindert werde, „dann stimmt die Gewichtung der sozialen Gerechtigkeit nicht mehr”, schließen sie.
 

Kommentar

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