Ambulantes Follow-up von SPRINT: 120 vs 140 mmHg als Limit zahlt sich in weniger kardiovaskulären Ereignissen aus

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

27. Mai 2021

Neues von der SPRINT-Studie: Ein Blutdruck-Zielwert von systolisch unter 120 mmHg zahlte sich bei Patienten mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko in weniger schweren kardiovaskulären Ereignissen und einer niedrigeren Gesamtmortalität aus – dies im Vergleich zu einem Zielwert unter 140 mmHg. Und dies galt nicht nur während des eigentlichen Studienzeitraums, sondern auch über ein Follow-up von im Median mehr als 3 Jahren unter ambulanter Betreuung, wie Forscher der SPRINT Research Group jetzt im NEJM berichten [1].

Allerdings wurde der stärkere Schutz vor kardiovaskulären Ereignissen und Tod unter der intensivierten Therapie mit mehr Nebenwirkungen erkauft. Die Raten an Herzinsuffizienz unterschieden sich beim Follow-up in beiden Gruppen nicht mehr.

 
Von den jetzt veröffentlichten Ergebnissen bin ich nicht überrascht. Prof. Dr. Ulrich Wenzel
 

„on den jetzt veröffentlichten Ergebnissen bin ich nicht überrascht“, kommentiert Prof. Dr. Ulrich Wenzel im Gespräch mit Medscape. Er ist Vorstandsvorsitzender der Hochdruckliga und Oberarzt am Zentrum für Innere Medizin, III. Medizinische Klinik und Poliklinik Nephrologie/Rheumatologie mit Sektion Endokrinologie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Wenzel: „Dass wir auch nach der eigentlichen Blutdrucksenkung Effekte bei den meisten Endpunkten sehen, ist logisch, denn die Wirkung der Intervention persistiert eine gewisse Zeit.“

Dies habe man auch bei anderen großen Studien wie der United Kingdom Prospective Diabetes Study (UKPDS) gesehen. Warum es bei Herzinsuffizienz keinen Unterschied gebe, sei unklar.

Alles in allem sei SPRINT eine gute Studie, sagt Wenzel: „Die Daten sind beeindruckend.“ Mit der aggressiven Blutdrucksenkung seien verschiedene Endpunkte, selbst Todesfälle, weniger häufig aufgetreten.

 
Den Blutdruck von 120 mmHg aus SPRINT muss man eben übersetzen in 125 mmHg unter europäischen Verhältnissen. Prof. Dr. Ulrich Wenzel
 

Als bekannten Kritikpunkt nennt er die Methode der Blutdruckmessung – bei SPRINT mit einem speziellen Gerät in Ruhe in einem separaten Raum, „was allein schon zu niedrigen Werten führt“, so der Experte. „Welche Praxis hat schon die entsprechenden Räumlichkeiten, aber auch an der Zeit scheitert es oft.“

Wenzel: „Den Blutdruck von 120 mmHg aus SPRINT muss man eben übersetzen in 125 mmHg unter europäischen Verhältnissen.“ US-amerikanische Leitlinien seien bekanntlich nach den SPRINT-Ergebnisse geändert und die Zielwerte gesenkt worden; in Europa gelte als Grenze zur Hypertonie weiterhin 140/90 mmHg bei Messungen in der Praxis, 135/85 mmHg bei Messungen zu Hause oder 130/80 mmHg bei 24-Stunden-Messungen.

 
Wir sehen Therapieziele mittlerweile niedriger, nämlich unter 130 mmHg, falls Patienten dies tolerieren. Prof. Dr. Ulrich Wenzel
 

Dennoch habe man auch in Europa Konsequenzen aus SPRINT gezogen, erklärt Wenzel. „Wir sehen Therapieziele mittlerweile niedriger, nämlich unter 130 mmHg, falls Patienten dies tolerieren.“ Wichtig sei ebenfalls: SPRINT ist von den National Institutes of Health (NIH) finanziert worden, sprich ohne Interessen der Industrie.

Ein kurzer Rückblick auf die SPRINT-Studie

Zu den Details: Bekanntlich wurde die Studie „Systolic Blood Pressure Intervention Trial“ (SPRINT) initiiert, um herauszufinden, ob ein systolisches Blutdruckziel von weniger als 120 mmHg (intensive Behandlung) mit einer geringeren Rate an klinischen Ereignissen verbunden ist als ein systolisches Blutdruckziel von weniger als 140 mmHg (Standardbehandlung). Medscape hat darüber berichtet.

Das zentrale Ergebnis sorgte bei Kardiologen weltweit für Gesprächsstoff: Patienten mit arterieller Hypertonie im Alter von über 50 Jahren mit mindestens einem zusätzlichen kardiovaskulären Risikofaktor oder einer Nierenerkrankung profitierten von der intensivierten Therapie. Bei einem systolischen Ziel von unter 120 statt unter 140 mmHg nahm ihr Risiko für ein kardiovaskuläres Ereignis um relativ 30% ab, ihr Sterberisiko verringerte sich um nahezu ein Viertel.

Einige Jahre später folgten Sekundäranalysen von SPRINT, über die Medscape ebenfalls berichtet hat. Dadurch wurden ursprüngliche Angaben präzisiert. Nach den Daten kann ein systolischer Blutdruck-Zielwert unter 120 mmHg statt unter 140 mmHg die Lebenserwartung um 6 Monate bis 3 Jahre verlängern, je nachdem, wie alt die Behandelten sind, wenn sie mit der Therapie beginnen. Beide Veröffentlichungen basieren auf Daten, die bis 20. August 2015 erhoben worden sind.

Follow-up unter Real-World-Bedingungen

„Wir setzten die Beurteilung potenzieller Studienereignisse fort und sammelten Daten während eines Beobachtungszeitraums nach der Intervention“, schreiben die Autoren. „Wir berichten über eine aktualisierte Analyse aller Ereignisse, die bis zum 20. August 2015 auftraten, sowie über eine Analyse der Daten bis zum 29. Juli 2016, einschließlich der Daten aus den Abschlussbesuchen nach Studienende.“

Nach dem 20. August 2015 begann eine Beobachtungsphase, in der niedergelassene Kollegen anstelle von Studienärzten Patienten weiter begleiteten und ihre Medikation – falls erforderlich – veränderten. Sie konnten auch die Behandlungsziele nach eigenem Ermessen definieren.

Daten kommen von 9.361 Teilnehmer, die ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen hatten. Personen mit Typ-2-Diabetes oder mit einem Schlaganfall wurden jedoch ausgeschlossen.

Alle Patienten wurden randomisiert einem Studienarm mit intensiviertem Behandlungsziel (systolischer Blutdruck < 120 mmHg) oder einem Arm mit Standardtherapie (< 140 mmHg) zugeordnet. Als zusammengesetzten primären Endpunkt definierten die Forscher Myokardinfarkte, das akute Koronarsyndrom, Schlaganfälle, akute dekompensierte Herzinsuffizienzen oder Todesfälle durch kardiovaskuläre Ursachen.

Als mediane Nachbeobachtungszeit geben die Autoren 3,33 Jahre an. Dabei kam es im Studienarm mit intensivierter Therapie zu signifikant weniger Ereignissen des primären Komposit-Endpunkts (1,77% pro Jahr vs. 2,40% pro Jahr; Hazard Ratio 0,73; 95%-Konfidenzintervall 0,63 bis 0,86). Auch die Rate an Todesfällen war signifikant niedriger (Gesamtmortalität 1,06% pro Jahr vs. 1,41% pro Jahr, Hazard Ratio 0,75; 95%-Konfidenzintervall 0,61 bis 0,92).

Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse wie Hypotonien, Elektrolytanomalien, akute Nierenschäden, akutes Nierenversagen oder Synkopen traten allerdings in der intensiv behandelten Gruppe etwas häufiger auf. Bei der Kombination von Studien- und Nachbeobachtungsdaten (insgesamt 3,88 Jahre) waren Nutzen und Risiken vergleichbar. Die Raten an Herzinsuffizienz unterschieden sich jedoch nicht mehr zwischen den Gruppen.
 

Kommentar

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