Nach erfolgreicher Therapie der 1. Psychose: Weiterbehandeln oder Absetzen? Was Studien und was Experten dazu sagen

Dr. Jürgen Sartorius

Interessenkonflikte

27. Mai 2021

Patienten äußern oft den Wunsch, nach erfolgreicher Behandlung ihrer 1. Psychose die Pharmaka abzusetzen. Aber viele Leitlinien empfehlen, dass die Therapie noch mehrere Jahre nach der Stabilisierung weitergeführt werden sollte. In The Lancet Psychiatry diskutieren Dr. Jurjen Luykx vom Utrecht Brain Center, Niederlande, und Prof. Dr. Jari Tiihonen vom Karolinska-Institut in Stockholm mögliche Strategien [1].

 
Etwa 15-20% der PatientInnen brauchen wahrscheinlich keine langfristige Therapie. Das Problem ist, diese zu finden. Prof. Dr. Gerhard Gründer
 

„Dieses Dilemma hat in den letzten Jahren zunehmend an Relevanz gewonnen“, bestätigt Prof. Dr. Gerhard Gründer vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim, der vor einigen Jahren ein BMBF-gefördertes Projekt begonnen hat, um die Frage zu untersuchen. „Etwa 15 bis 20% der Patienten brauchen wahrscheinlich keine langfristige Therapie“, sagt Gründer. „Das Problem ist, diese zu finden.“

Kompromisslose Erhaltungstherapien sind umstritten

Dazu ein Blick in die Literatur. Eine finnische Studie mit mehr als 8.700 Patienten und mit 20-jährigem Follow-Up zeigte, dass das Risiko, erneut schwer an Schizophrenie zu erkranken, auch dann nicht abnimmt, wenn eine erfolgreiche Therapie nach über 5 Jahren abgesetzt wird. Im Gegenteil: Das Rezidivrisiko steigt sogar. Die Schlussfolgerung der Autoren, dass eine Erhaltungstherapie immer langfristig durchgeführt werden sollte, ist jedoch umstritten. 

Eine andere Forschergruppe aus Kopenhagen berichtet von der Erfahrung, dass viele Patienten ihre Psychosen ganz ohne Medikation oder mit nur einer kurzen Therapie überwinden, ohne einen Rückfall zu erleiden. Die Wissenschaftler sind dabei, Studien aufzulegen, um dieses Phänomen in Zahlen zu fassen und um evidenzbasierte Daten für individuelle therapeutische Empfehlungen bereitzustellen.

Wissenschaftliche Konzepte werfen in der Praxis Probleme auf

Allerdings berichten Forscher von verschiedenen Schwierigkeiten. Bereits die Randomisierung der Patienten ist ethisch problematisch, und ihre Adhärenz kann in der Praxis nicht gewährleistet werden. Deshalb fordern sie alternative Studiendesigns: Aufgrund retrospektiver Studien sollte ein internationales Expertengremium gemeinsam versuchen, Kriterien zu definieren, nach denen Patienten in die unterschiedlichen Arme eingeteilt werden können, in denen eine Nicht-Adhärenz eher unwahrscheinlich ist. Weiterhin schlagen sie sogenannte „n = 1“-Studien vor, in denen der Outcome desselben Individuums ohne und mit Medikation verfolgt wird.

„Diese Schwierigkeiten ergeben sich zwangsläufig“, berichtet auch Gründer. „Die Rekrutierung verläuft zäh, und die Randomisierung wird bereits im Kreis der beteiligten Kollegen kontrovers diskutiert. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum es bisher keine verlässlichen Daten gibt, die wir eigentlich dringend brauchen.“

In ihrem Kommentar beziehen sich die Autoren auf diese Problematik. Sie plädieren dafür, Patienten in die Entscheidung, nach Abklingen der Symptome die Medikation weiterzuführen oder abzusetzen, mit einzubeziehen.

Dosisreduktionen bieten attraktive Möglichkeiten

Luykx und Tiihonen weisen auch darauf hin, dass Verringerungen der Dosis der verwendeten Medikamente eine gute Option sind, um Dauertherapien individuell zu gestalten. Diese Möglichkeit treffe allerdings in großangelegten prospektiven Studien auf Probleme, da hier das Protokoll vorher festgelegt sein müsse und für eine Individualisierung nicht genug Raum böte.

 
Die Zeiten, dass jemand jahrelang ohne Hinterfragung z.B. 20 mg Haloperidol täglich einnimmt, sollten endgültig vorbei sein. Prof. Dr. Gerhard Gründer
 

Das sei völlig richtig, unterstreicht auch Gründer: „Die Zeiten, dass jemand jahrelang ohne Hinterfragung z.B. 20 mg Haloperidol täglich einnimmt, sollten endgültig vorbei sein. Denn dadurch werden langfristige Hirnveränderungen induziert, die den langfristigen Krankheitsverlauf ungünstig beeinflussen können.“

Differenzierung ist notwendig

Beide Forschergruppen sind sich einig, dass trotz allen Einwänden die Aufrechterhaltung der antipsychotischen Medikation bei den meisten Betroffenen zu einer Verringerung der Rezidivrate führt. Doch sei das allgemein gültige Vorgehen, eine frühere Therapieentscheidung unreflektiert weiterzuführen, künftig in Frage zu stellen. Sinnvoll wäre also, schon bei Therapiebeginn zu erkennen, welche Personen von einer Fortführung Ihrer Medikation nach einer 1. psychotischen Episode nicht weiter profitieren oder beim Absetzen nicht mit Nebenwirkungen rechnen müssen.

 
Antipsychotika führen zu Adaptionen der Gehirnfunktion: umso mehr, je länger und höherdosiert sie gegeben werden. Prof. Dr. Gerhard Gründer
 

„Antipsychotika führen zu Adaptionen der Gehirnfunktion“, bemerkt Gründer abschließend. „Umso mehr, je länger und höherdosiert sie gegeben werden. Das kann eine ganze Reihe von negativen Folgen haben, zum Beispiel die Entwicklung tardiver Dyskinesien, die Erhöhung des Rezidivrisikos oder auch die Entwicklung einer Therapieresistenz. Das alles sind Gründe, Patienten langfristig aufmerksam zu begleiten und Nutzen und Risiken der Therapie regelmäßig gegeneinander abzuwägen.“

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....