„Negativ-Empfehlung“ für Musiktherapie in S3-Leitlinie Autismus: Musiktherapeuten wehren sich – das sind ihre Argumente

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

26. Mai 2021

2 Negativempfehlungen zur Musiktherapie in der S3-Leitlinie „Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter“ [1] könnten dazu führen, dass Patienten künftig nicht mehr von Musiktherapie profitieren, fürchtet die Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft (DMtG).  

In der S3-Leitlinie heißt es, dass improvisationsbasierte individuelle Musiktherapie und Musiktherapie, die Eltern und Familie miteinbeziehe, künftig nicht mehr berücksichtigt werden sollte. Denn solche Ansätze förderten die soziale Interaktion und die adaptiven und kognitiven Fähigkeiten nicht ausreichend genug und sollten – da es effektivere Therapien gäbe – deshalb nicht eingesetzt werden.

Kritik an Leitlinienempfehlungen

Die DMtG fordert eine Korrektur der Bewertung von Musiktherapie unter Berücksichtigung der „ganzen Breite der wissenschaftlichen Evidenz“. Als beteiligte Fachgesellschaft hält sie mit 2 Sondervoten in ihrer Stellungnahme fest,  dass die „Soll nicht”-Empfehlungen für Musiktherapie dazu führen könnten, sie per se in der Behandlung und Förderung von Menschen mit Erkrankungen des Autismus-Spektrums auszuschließen.

 
Mir ist unerklärlich, warum die Leitlinien-Kommission angesichts vielfältiger Behandlungsmethoden allein lerntheoretische Verfahren favorisiert. Prof. Dr. Lutz Neugebauer
 

„Musiktherapie baut auf nonverbaler musikalischer Interaktion auf, bietet einzigartige Möglichkeiten auf der wichtigen emotionalen Ebene“, “, erklärt Prof. Dr. Lutz Neugebauer, Vorstandsvorsitzende der DMtG, in einer Pressemitteilung. Sie unterstütze dabei, basale Entwicklungschancen zu verbessern und einen Zugang zu Kindern mit kognitiven und sprachlichen Einschränkungen zu finden. „Musiktherapie hilft Kindern und Jugendlichen, ihre psychomotorische Anspannung zu regulieren und ihre Wahrnehmung besser zu koordinieren“, ergänzt Neugebauer. „Das ist doch die Voraussetzung dafür, dass verhaltenstherapeutische Verfahren, die gemäß den Leitlinien primär empfohlen werden, überhaupt angewendet werden können.“

Sein Kritikpunkt: „Mir ist unerklärlich, warum die Leitlinien-Kommission angesichts vielfältiger Behandlungsmethoden allein lerntheoretische Verfahren favorisiert.“ Musiktherapeutische Methoden wie Singen, Klatschen und Trommeln zur Sprachförderung würden empfohlen, die Musiktherapie selbst solle aber nicht zum Zuge kommen.

Heterogene Ergebnisse rechtfertigen keine Negativ-Empfehlung

Aus Sicht der DMtG sind die beiden Negativ-Empfehlungen nicht gerechtfertigt. Musiktherapie habe eine lange Tradition in der Behandlung von Menschen mit Entwicklungsstörungen, weise eine große Methodenvielfalt auf und sei eine geeignete Interventionsmethode zur Entwicklungsförderung und zur Steigerung der Lebensqualität von Betroffenen und ihrer Familien, so die Fachgesellschaft.

Die DMtG kritisiert, dass Negativempfehlungen zu improvisationsbasierter individueller Musiktherapie allein auf dem Ergebnis einer einzigen randomisiert-kontrollierten Studie aus 2017 basierten. Ergebnisse von randomisiert-kontrollierten Studien, die in einem Cochrane Review von 2014 analysiert wurden, seien ausgeschlossen worden.

In der Metaanalyse konnte ein moderater Effekt auf die soziale Interaktion gezeigt werden. Die DMtG argumentiert, dass aufgrund der heterogenen Ergebnisse noch keine Empfehlung ausgesprochen werden könne.

 
Wir brauchen … weitere Forschung, um die Potenziale von Musiktherapie richtig einordnen zu können. Prof. Dr. Lutz Neugebauer
 

„Diese gemischte Ergebnislage lässt eine Negativ-Empfehlung nicht zu. Wir brauchen deshalb weitere Forschung, um die Potenziale von Musiktherapie richtig einordnen zu können“, sagt Neugebauer.

Auch die Negativ-Empfehlung zur familienbasierten Musiktherapie ist aus Sicht der DMtG „nicht schlüssig“. Eine randomisiert-kontrollierte Studie aus 2013 habe eine hohe Effektstärke auf soziale Interaktion und Motivation bei Kindern mit fehlender oder eingeschränkter Sprache gezeigt. Hier liege eine Fehlinterpretation der Studie vor, die bei methodischen Schwächen sehr wohl positive Effekte gezeigt habe, so die Fachgesellschaft. Die Daten erlaubten eine „Kann-Empfehlung“.

Unkritische Rezeption von Negativ-Empfehlungen ethisch fragwürdig

 „Mit der offiziellen Stellungnahme wie auch mit den Sondervoten sollen für Patientinnen und Patienten, die von musiktherapeutischer Förderung profitieren, Nachteile vermieden werden“, sagt Neugebauer. „Kostenträger wie Leistungsempfänger können somit die Empfehlungen der neuen Leitlinien besser interpretieren und einordnen.“

 
Mit der offiziellen Stellungnahme wie auch mit den Sondervoten sollen für Patientinnen und Patienten, die von musiktherapeutischer Förderung profitieren, Nachteile vermieden werden. Prof. Dr. Lutz Neugebauer
 

Es sei „ethisch fragwürdig“, wenn eine unkritische Rezeption der Negativ-Empfehlungen dazu führe, dass Musiktherapie neben anderen Verfahren jenseits der Verhaltenstherapie für diese Gruppe von Menschen mit hohem Hilfebedarf nicht mehr zugänglich sein sollte, schreibt die DMtG und kritisiert, dass die Sondervoten nicht in den Leitlinien selbst, sondern nur im Methodenreport lesbar sind.

Neugebauer nennt das „bedenklich“ und fügt hinzu: „Damit werden Zusatzinformationen vorenthalten. Solch eine eingeschränkte medizinische Sichtweise kann man sich heute im interdisziplinären Kontext nicht mehr leisten!”

Die DMtG jedenfalls ist davon überzeugt, dass sich musiktherapeutische Interventionen bei Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung weiterhin in der Praxis bewähren. Sie wünscht sich entsprechende Empfehlungen.
 

Kommentar

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