Ein Preview von ASCO-Studien zu Lungenkrebs, Zervix-Ca und Melanom – und ein früherer Start fürs Darmkrebs-Screening in USA

Dr. Susanne Heinzl

Interessenkonflikte

25. Mai 2021

Im Onko-Blog dieser Woche stellen wir erste Studien vom ASCO-Kongress 2021 vor, die auf einer Vorab-Pressekonferenz präsentiert worden sind, und zwar zu Atezolizumab beim frühen NSCLC, zur Inzidenz von HPV-assoziierten Karzinomen sowie zum neuen LAG3-Immuncheckpoint-Hemmer Relatlimab beim Melanom. Und in den USA hat man sich entschlossen, das Screening auf ein Kolonkarzinom nun 5 Jahre früher, nämlich schon ab einem Alter von 45 Jahren, zu empfehlen.

  • Lungenkrebs im Frühstadium: Mit Atezolizumab länger krankheitsfrei

  • Melanom: Immuntherapie mit neuem Angriffspunkt verlängert PFS

  • Kolonkarzinom-Früherkennung: In den USA ist 45 das neue 50

  • Zervixkarzinom: Inzidenz in USA sinkt – dank Impf- und Screening-Vorgaben?

  • Pankreaskarzinom: PRMT1 als Zeichen besserer Prognose

Lungenkrebs im Frühstadium: Mit Atezolizumab länger krankheitsfrei

Die Behandlung mit dem PD-L1-Hemmer Atezolizumab verlängerte bei über 1.000 Patienten mit reseziertem nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom (NSCLC) im Frühstadium das krankheitsfreie Überleben (DFS) im Vergleich zur „Best Supportive Care“ (BSC) – dies insbesondere dann, wenn der PD-L1-Spiegel über 1% lag.

Diese Interims-Ergebnisse der Phase-3-Studie IMpower010 stellte Prof. Dr. Heather Wakelee, Leiterin der Abteilung für Onkologie am Stanford University Medical Center, Stanford, Kalifornien, bei einer Vorab-Pressekonferenz zur Jahrestagung der ASCO im Juni vor.

Bei Patienten mit einer Expression von PD-L1 ≥ 1% im Tumorgewebe, die nach einer Operation und Chemotherapie noch Atezolizumab erhalten hatten, sank das Risiko für ein Wiederauftreten der Erkrankung oder zu sterben (DFS) um 34% im Vergleich zu BSC. Der Unterschied war signifikant (p = 0,004). Unter Atezolizumab ist das mittlere DFS bislang noch nicht erreicht, für BSC betrug dieser Zeitraum 35,3 Monate.

Bei allen randomisierten Teilnehmern reduzierte Atezolizumab das Risiko eines erneuten Auftretens der Erkrankung oder von Tod nach einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 32,2 Monaten um 21%. Der PD-L1-Hemmer verlängerte das DFS um 7 Monate im Median auf 42,3 Monate (im Vergleich zu 35,3 Monaten unter BSC). Der Unterschied war bei der Interimsanalyse nicht signifikant.

Unter der Behandlung mit Atezolizumab wurden keine neuen bislang nicht bekannte Sicherheitssignale gesehen.

Melanom: Immuntherapie mit neuem Angriffspunkt verlängert PFS

Der neue Immuncheckpoint-Hemmer Relatlimab, der am Lymphozyten-Aktivierungsgen 3 (LAG3) angreift, verlängerte in Kombination mit Nivolumab bei Patienten mit fortgeschrittenem Melanom das progressionsfreie Überleben (PFS) signifikant von 4,6 Monaten unter Nivolumab allein auf 10,1 Monate. „Relatlimab und Nivolumab sind damit eine potenzielle neue Therapieoption für diese Patienten“, so Dr. Evan Lipson, Sidney Kimmel Comprehensive Cancer Center, Johns Hopkins Hospital, Baltimore, bei einer Vorab-Pressekonferenz zur diesjährigen Jahrestagung der ASCO.

Erstmals konnte damit in einer Phase-3-Studie gezeigt werden, dass die Hemmung des LAG3-Immuncheckpoints als therapeutische Strategie funktioniert. Damit gibt es nach CTLA4 und PD-1 einen 3. Signalweg der Immuncheckpoint-Blockade, der einen klinischen Nutzen haben könnte.

RELATIVITY-047 ist eine internationale, multizentrische, doppelblinde, randomisierte Phase-2/3-Studie. Insgesamt wurden 714 Patienten mit zuvor unbehandeltem, nicht resezierbarem oder metastasiertem Melanom randomisiert entweder mit der Kombination aus Nivolumab und Relatlimab oder nur mit Nivolumab behandelt.

Der primäre Endpunkt, das PFS, war unter der Kombination mit 10,1 Monaten signifikant länger als unter Monotherapie mit 4,6 Monaten ((HR 0,75, p = 0,0055). Nach einem Jahr lebten in der Kombigruppe 47,7% der Patienten ohne Progression, unter Nivolumab allein waren es 36,0%.

Schwere therapieassoziierte Nebenwirkungen waren unter der Kombination häufiger (18,9%) als unter der Monotherapie (9,7%). In der Nivolumab-plus-Relatlimab-Gruppe traten 3, in der Monotherapie-Gruppe 2 therapiebedingte Todesfälle auf.

Kolonkarzinom-Früherkennung in den USA: 45 ist das neue 50

Aufgrund der deutlichen Zunahme von Kolorektal-Karzinomen bei Personen vor dem 50. Lebensjahr empfiehlt die US-amerikanische USPSTF (U.S. Preventive Services Task Force) nun 45 Jahre als Eintrittsalter für die Darmkrebsvorsorge.

Die neue Empfehlung lautet:

  • Screening auf Darmkrebs bei allen Erwachsenen im Alter von 50 bis 75 Jahren (A-Empfehlung).

  • Screening auf Darmkrebs bei Erwachsenen im Alter von 45 bis 49 Jahren (B-Empfehlung).

  • Selektives Screening auf Darmkrebs bei Erwachsenen im Alter von 76 bis 85 Jahren unter Berücksichtigung des allgemeinen Gesundheitszustands und der Anamnese (C-Empfehlung).

Zum Screening können, wie schon zuvor empfohlen, verschiedene Methoden eingesetzt werden. Die Koloskopie ist in den USA zwar die am häufigsten verwendete Methode. In randomisierten Studien wurde jedoch nur dann eine verringerte Sterblichkeit im Vergleich zu keinem Screening gesehen, wenn das Screening mit dem gFOBT mit nachfolgender Koloskopie bei Nachweis von Blut im Stuhl oder mit flexibler Sigmoidoskopie gefolgt von einer Koloskopie bei Nachweis präkanzeröser Polypen erfolgte.

Die aktualisierten modellbasierten Schätzungen zu Nutzen, Belastung und Schaden durch das Screening kamen zu dem Ergebnis, dass eine Senkung des Alters für den Beginn des Screenings von 50 auf 45 Jahre pro 1.000 Personen 22 bis 27 zusätzliche gewonnene Lebensjahre, 161 bis 784 zusätzliche Koloskopien und 0,1 bis 2,0 zusätzliche Komplikationen bedeutet.

Die aktualisierten Empfehlungen, der dazu gehörende Evidenzreport und Modellberechnungen sind online am 18. Mai 2021 in JAMA publiziert worden.

Zervixkarzinom: Inzidenz in USA sinkt – dank Impf- und Screening-Vorgaben?

Die Inzidenz des Zervixkarzinoms hat in den USA in den letzten Jahren um 1% pro Jahr abgenommen – zugeschrieben wird der Erfolg den Screening- und Impf-Empfehlungen für diese Krebsart. Diesen Schluss zogen Dr. Cheng-I Liao, Kaohsiung Veterans General Hospital, Kaohsiung, Taiwan, bei der Vorab-Pressekonferenz aus einer populationsbasierten Studie, die ebenfalls bei der Jahrestagung der ASCO vorgestellt wird. 

Anhand der Daten von über 657.000 Personen (60% Frauen, 40% Männer) aus dem US Cancer Statistics Program analysierten die Forscher, dass 52% der HPV-assoziierten Karzinome bei Frauen Zervixkarzinome waren, bei Männern waren 80% oropharyngeales Karzinome.

Der Kampf gegen Gebärmutterhalskrebs sei eine Erfolgsstory: Bei den Frauen sank die Inzidenz über die Beobachtungsdauer von nun 17 Jahren um 1,03% pro Jahr, wobei die Abnahme in der Altersgruppe von 20-24 Jahren mit 4,63% pro Jahr im Vergleich zu älteren Frauen überproportional stark war.

Im Gegensatz dazu hat die Inzidenz von anderen HPV-assoziierten Karzinomen bei den Frauen deutlich zugenommen. Dies galt insbesondere für oropharyngeale Karzinome sowie Vulva-, Anal- und Rektalkarzinome. Bei Männern stieg in den letzten 17 Jahren die Inzidenz HPV-assoziierter Karzinome um 2,36% pro Jahr. Dass hier die Erfolgsmeldungen ausgeblieben sind, führen die Autoren auf das Fehlen standardisierter Screening-Richtlinien für diese Krebsarten zurück.

Ihr Fazit: „Diese Daten zeigen, dass wir noch viel zu tun haben, um die steigenden Inzidenzraten anderer HPV-assoziierter Karzinome umzukehren“, kommentierte Prof. Dr. Lorij Pierce, Universität von Michigan, Präsidentin der ASCO, bei der Pressekonferenz.

Pankreaskarzinom: PRMT1 als Zeichen für bessere Prognose

Das Enzym Protein-Arginin-Methyltransferase 1 (PRMT1) zeigt an, wie gut die Überlebenschancen für Patienten mit Pankreaskarzinom sind. Liegt viel PRMT1 im Tumorgewebe vor, so verbessert dies die Langzeitprognose der Betroffenen nach einer Operation und Chemotherapie deutlich. Forscher von der Universität Marburg haben diese Ergebnisse im EMBO Journal publiziert.

    Das Protein p14ARF kann in Zellen ein Programm zur Tumorsuppression aktivieren, das zum Zelltod führt. Die Marburger Forscher entdeckten, dass p14ARF mit dem Enzym PRMT1 zusammen wirkt. „Unsere Daten belegen einen bislang unbekannten Mechanismus, mit dem die beiden Moleküle bei zellulärem Stress, beispielsweise Chemotherapie, den programmierten Tod von menschlichen Zellen steuern“, so Studienleiterin Prof. Dr. Uta-Maria Bauer in einer Pressemitteilung.

    Molekulare und klinische Untersuchungen ergaben, dass das Enzym PRMT1 zu einem Therapieerfolg beim Pankreaskarzinom beitragen kann, indem es die Funktion des Proteins p14ARF unterstützt. PRMT1 verändert das Protein chemisch an 4 Stellen, woraufhin dieses aus dem Zellkern ins Zytoplasma der Zelle gelangt und den Zelltod auslöst.

    Weitere Analysen an Gewebeproben von Tumorpatienten ergaben, dass eine hohe PRMT1-Konzentration mit einem längeren Überleben assoziiert war. Bei Patienten, die nach einer Operation länger als 2 Jahre überlebten, wiesen 80% einen erhöhten Enzymgehalt im Tumorgewebe auf.

     

    Kommentar

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