Leitlinien-Update zu Multipler Sklerose und anderen Neuroimmunerkrankungen: Neues in Diagnostik und Therapie

Andrea Hertlein

Interessenkonflikte

25. Mai 2021

Unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) wurde jüngst die S2k-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie verschiedener Neuroimmunerkrankungen aktualisiert und erweitert. Sie umfasst die Multiple Sklerose (MS), Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen und MOG-Antikörper-assoziierte Erkrankungen. Neben zahlreichen Fachgesellschaften und Berufsverbänden haben erstmals auch Patientenvertreter daran mit­ge­arbeitet [1].

„Diese neuen, handlungsorientierten Empfehlungen waren dringend notwendig, um die optimale Versorgung der MS-Patienten nach aktuellem Wissensstand zu gewährleisten“, kommentieren Prof. Dr. Helmuth Steinmetz, Frankfurt, und Prof. Dr. Dr. Oliver Kastrup, Essen. Sie sind Vorsitzende der Leitlinienkommission. Durch die schnelle Entwicklung der neurologischen Forschung und Implementierung der Studienergebnisse in die tägliche Routine könne ein Verlust an Lebensqualität der Betroffenen zunehmend besser aufgehalten oder sogar verhindert werden, erklären die Experten.

 
Diese neuen, handlungsorientierten Empfehlungen waren dringend notwendig, um die optimale Versorgung der MS-Patienten nach aktuellem Wissensstand zu gewährleisten. Prof. Dr. Steinmetz und Prof. Dr. Kastrup
 

Leitlinie hat „beratenden Charakter“

Durch die intensive MS-Forschung in den letzten Jahren gebe es neue Erkenntnisse zur Diagnostik und zahlreiche neue Therapieoptionen, so dass eine Aktualisierung der Leitlinie von 2012 erforderlich geworden sei, heißt es in einer Mitteilung der DGN. So können durch neue, innovative Medikamente die Schubfrequenz und die messbare Krankheitsaktivität erfolgreich gesenkt werden.

„Die heute verfügbaren Optionen erlauben daher eine individuelle, nach Verlauf, Krankheitsaktivität und persönlichem Risikoprofil adaptierte Therapie“, erläutert Prof. Dr. Bernhard Hemmer. Der Neurologe aus München ist federführender Autor und Koordinator der Leitlinie. Hemmer betont den beratenden Charakter deren beratenden Charakter „ohne der ärztlichen Therapiefreiheit zu enge Grenzen zu setzen“. 

 
Die heute verfügbaren Optionen erlauben daher eine individuelle, nach Verlauf, Krankheitsaktivität und persönlichem Risikoprofil adaptierte Therapie. Prof. Dr. Bernhard Hemmer
 

Neuerungen betreffen die MS-Diagnostik. Sie wurde durch eine Revision der McDonald-Diagnosekriterien 2017 vereinfacht. Dazu zählen Liquoruntersuchungen sowie MRT-Untersuchungen mit definierten Sequenzen. Zur erweiterten Labordiagnostik raten Experten nur bei klinischem Verdacht.

Darüber hinaus wurden Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen und MOG-IgG-assoziierten Erkrankungen erstmalig als eigenständige Entitäten in die Leitlinie aufgenommen.

Neue Einteilung krankheitsmodifizierender Therapien

Anstelle des bisherigen Stufenschemas zur Pharmakotherapie werden verlaufsmodifizierende MS-Medikamente (DMT, disease modifying therapies) in der überarbeiteten Fassung in 3 Wirksamkeitskategorien eingeteilt, wobei eine höhere Kategorie eine stärkere Wirksamkeit bedeutet. Die Eingruppierung erfolgte anhand der Schubratenreduktion aus Zulassungsstudien:

  • Zur Wirksamkeitskategorie 1 gehören Betainterferone, Dimethylfumarat, Glatirameroide und Teriflunomid,

  • zur Kategorie 2 Cladribin, Fingolimod sowie Ozanimod und

  • zur Kategorie 3 Alemtuzumab, CD20-Antikörper (Ocrelizumab, off label Rituximab) und Natalizumab.

Mit zunehmender Wirksamkeit nähmen allerdings auch die seltenen unerwünschten schweren Arzneimittelwirkungen zu, so die Leitlinienautoren.

Neu ist auch, dass die immuntherapeutische Behandlung der Erkrankungsaktivität zugeordnet wird. Zudem werden definierte Einstiegs-, Wechsel- und auch Ausstiegsszenarien vorgestellt, und es wird auf spezielle Situationen eingegangen. Dazu gehören etwa Schwangerschaft und Stillzeit sowie MS bei Älteren und bei Kindern oder Jugendlichen.

Neue Substanzen in der täglichen Praxis

Die Leitlinie benennt explizit Medikamenten-Neuzulassungen. Dazu gehören 3 Sphingosin-1-Phosphat-(S1P-)Rezeptormodulatoren.

  • Fingolimod (auf dem Markt seit 12/2018) ist jetzt auch für Jugendliche und Kinder ab 10 Jahren mit hochaktiver, schubförmige MS zugelassen.

  • Bei aktiver, sekundär progredienter MS (SPMS; Nachweis durch Schübe und MRT) steht Siponimod seit 1/2020 zur Verfügung.

  • Ozanimod kann seit 5/2020 zur Behandlung bei aktiver schubförmig-remittierender MS (RRMS) verordnet werden.

Weitere Neuerungen betreffen Ocrelizumab, einen humanisierten monoklonaler Antikörper gegen CD20. Er richtet sich gegen ein Antigen auf B-Lymphozyten. Ocrelizumab ist seit 2/2018 als 1. Therapie der frühen PPMS (primär progrediente MS) zugelassen.

Für schubförmige Erkrankungen des Neuromyelitis-optica-Spektrums (NMOSD) mit positiven AQP4-Antikörpern wird der humanisierte monoklonale Antikörper Eculizumab empfohlen. Er ist seit 8/2019 verfügbar.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de

 

Kommentar

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