6 Subtypen des Prädiabetes identifiziert – neue Chancen für eine individualisierte Prävention

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

21. Mai 2021

Auch beim Prädiabetes gilt nicht das Prinzip: Alle Patienten sind gleich. Vielmehr existieren wie beim manifesten Typ-2-Diabetes 6 verschiedene Subtypen, 3 mit erhöhtem und 3 mit niedrigerem Risiko, nicht nur für Diabetes, sondern auch für dessen Folgeerkrankungen.

„Prädiabetes war bislang eine dubiose Diagnose und wurde lediglich sehr ungenau über die Blutglukose definiert. Man wusste nicht genau, welche Patienten wirklich Diabetes und wer Diabeteskomplikationen entwickeln wird“, erklärte Prof. Dr. Andreas Fritsche auf der 55. Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) [1]. Fritsche ist der Leiter der Abteilung „Prävention und Therapie des Typ-2- Diabetes“ am Institut für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen am Universitätsklinikum Tübingen. Eine frühe Differenzierung sei aber wichtig, um gezielt vorbeugen und behandeln zu können, so dass die „Diabetes-Pandemie“ endlich gestoppt werde.

6 unterschiedliche Prädiabetes-Typen

Die Forschergruppe des „Clinician Scientist“, der behandelt, aber gleichzeitig in der Forschung tätig ist, hat in den vergangenen 25 Jahren eine Studie zur Unterscheidung von Prädiabetes-Subtypen aufgebaut. „Wir haben herausgefunden, dass Insulinsekretion und Insulinsensitivität wichtige Kriterien sind bei der Erfassung von Prädiabetes-Subtypen“, erklärte Fritsche. Fast jeder Patient weise eine unterschiedliche Kombination dieser beiden Parameter auf.

 
Wir haben herausgefunden, dass Insulinsekretion und Insulinsensitivität wichtige Kriterien sind bei der Erfassung von Prädiabetes-Subtypen. Prof. Dr. Andreas Fritsche
 

Mithilfe einer aufwändigen Clusteranalyse mit genauen Insulin- und Fettstoffwechsel-Analysen sowie anhand genetischer Parameter und Kernspin-Untersuchungen über viele Jahre konnte Fritsches Team jetzt 6 Risiko-Subtypen definieren [2].

„Diese Subtypen weisen ein unterschiedliches Diabetesrisiko, kardiovaskuläres Risiko, Nephropathie-Risiko und eine unterschiedliche Mortalität auf“, erklärte Fritsche. Die differenzierte Einteilung des Prädiabetes und des Diabetes ermögliche eine an die Entstehung der Krankheit und die Risiken angepasste individuelle und frühe Prävention sowie Therapie – sowohl des Diabetes als auch der unterschiedlichen Folgeerkrankungen.

Trend zu individualisierten Ansätzen auch bei Prädiabetes

„Hiermit befinden wir uns auf einer Reise in die Zukunft des Diabetes“, kommentierte Prof. Dr. Martin Hrabě de Angelis, Direktor des Instituts für Experimentelle Genetik, Helmholtz Zentrum München. Der Genetiker mit Schwerpunkt Diabetesforschung moderierte die Sitzung zu „Individualisierten Ansätzen“ bei Prädiabetes und Diabetes. „Dieser Trend der individualisierten Ansätze beschränkt sich nicht mehr auf den Typ-1- und Typ-2-Diabetes, sondern erstreckt sich jetzt auch auf den Prädiabetes.“

 
Diese Subtypen weisen ein unterschiedliches Diabetesrisiko, kardiovaskuläres Risiko, Nephropathie-Risiko und eine unterschiedliche Mortalität auf. Prof. Dr. Andreas Fritsche
 

Zu der Cluster-Einteilung von Menschen mit dieser Diabetes-Vorstufe kam das Forscherteam am Uniklinikum Tübingen durch die Analyse des Stoffwechsels von 899 noch als gesund geltenden Menschen mit Prädiabetes im Tübinger Lebensstil Interventionsprogramm (TULIP).

Die klinischen, laborchemischen, kernspintomografischen und genetischen Untersuchungen wurden über mehrere Jahre wiederholt. Anhand von wichtigen Kenngrößen – unter anderem Blutzuckerwerten, Insulinsekretion, Insulinsensitivität, Leberfett, Körperfettverteilung, Blutfettspiegel und genetischem Risiko – konnten Fritsche und seine Kollegen 6 Cluster-Subtypen des Prädiabetes unterscheiden; 3 mit niedrigem und 3 weitere mit erhöhtem Diabetesrisiko.

3 besonders gefährdete Subgruppen direkt behandeln

„Sofort eingreifen“ laute die Devise bei Menschen, die den Clustern mit hohem Risiko angehören, sagte Fritsche. „Das heißt: eine intensive Lebensstil-Intervention und möglicherweise Medikamentengabe.“

Die Studienteilnehmer in den Clustern 1 und 2 waren gesund. Dem Cluster 2 gehören vor allem schlanke Menschen an, die somit ein relativ niedrigeres Komplikationsrisiko haben, erklärte Fritsche. Menschen im Cluster 4 sind zwar übergewichtig, weisen jedoch einen intakten Stoffwechsel auf. Bei diesen 3 Subtypen genüge ein Gesundheitsmonitoring und gegebenenfalls eine Blutabnahme alle 3 bis 5 Jahre, so Fritsches Empfehlung.

Die übrigen Cluster 3, 5 und 6 gehen mit einem erhöhten Risiko für einen Diabetes und dessen Folgeerkrankungen einher, vor allem kardiovaskuläre Erkrankungen und Nierenschädigungen. Menschen des Subtyps 3 schütten zu wenig Insulin aus und sind daher stark Typ-2-Diabetes-gefährdet. Das gilt ebenso für Menschen im Cluster 5: Kennzeichnend für diesen Hochrisiko-Typ sind eine ausgeprägte Fettleber sowie eine hohe Insulinresistenz. Diese beiden Subtypen weisen zudem ein hohes kardiovaskuläres Risiko auf.

Beim Subtyp 6, der einen hohen Anteil an viszeralem Fett, Fettansammlungen um die Niere herum und eine Insulinresistenz aufweist, können bereits vor einer Diabetes-Erkrankung Schädigungen der Niere auftreten. In den Clustern 5 und 6 stellte Fritsches Team in der Langzeitbeobachtung zudem eine erhöhte Mortalität fest.

Eine mehr als 30 Jahre andauernde Langzeitstudie in der Whitehall-II-Kohorte aus London mit rund 7.000 Teilnehmern bestätigt die Einteilung des Prädiabetes in 6 Cluster. In dieser Studie, sagte Fritsche, seien die Patienten mit einfachen, von Hausarzt zu bestimmenden Stoffwechsel- und Körperfett-Messungen wie einem Glukose-Toleranztest und der Waist-to-Hip-Ratio (Verhältnis Taille/Hüftumfang) klassifiziert worden; ohne genetische Untersuchungen oder Kernspin.

PLIS: Lebensstiländerung schützt gefährdete Subtypen

In der noch andauernden Prädiabetes-Lebensstil-Interventionsstudie (PLIS) – der ersten retrospektiven Anwendung der Cluster-Einteilung – zeigte sich, dass nicht alle 6 Subtypen gleich auf Lebensstil-Interventionen ansprechen.

 
Sport führt zu einer Verbesserung der Insulinsensitivität, was die Beta-Zellen entlasten könnte, sodass sie sich erholen. Prof. Dr. Andreas Fritsche
 

Menschen in den Clustern 3 und 5 schafften es jedoch, ihre Insulinsekretion signifikant zu verbessern und somit ihr Diabetes-Risiko zu senken. „Das ist eine gute Nachricht“, sagte Fritsche. Dass Lebensstil-Änderungen selbst beim Subtyp 3 Wirkung zeigen, führt seine Studiengruppe auf die Wirkung von Sport auf die Insulinsekretion zurück. „Sport führt zu einer Verbesserung der Insulinsensitivität, was die Beta-Zellen entlasten könnte, sodass sie sich erholen“, erklärte er.

Eine weitere Erkenntnis dieser noch nicht veröffentlichten Studie: Die 6 Cluster blieben während des Follow-up weitgehend stabil, berichtete Fritsche.

App zur Cluster-Ermittlung im Test

Sein Team werde als nächstes prospektive Präventionsstudien durchführen, um zu prüfen, welche Präventionsstrategie für welchen Subtypen geeignet ist; etwa eine Untersuchung zu den Auswirkungen von Intervallfasten, sagte er. Denkbar seien auch Medikamentenstudien.

Zudem hat Fritsches Gruppe eine App entwickelt, die anhand von klinischen Daten eine Einteilung in die 6 Subtypen vornimmt. Diese aktuell als Beta-Version vorliegende App könne in Zukunft von Hausärzten zur Risikoermittlung und gezielten Prävention genutzt werden. Schon jetzt sei eine Cluster-Ermittlung und somit eine Risikoeinstufung von Patienten mit Prädiabetes möglich. Nötig dafür sind ein Glukose-Toleranztest mit Hormonbestimmung sowie einfache Labor- und Gewichtsparameter.

Infos hierzu erhalten Hausärzte unter: stoffwechsel@med.uni-tuebingen.de.
 

Kommentar

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