Wie tief ist tief genug? Mit jeden 5 mmHg beim Blutdruck sinkt kardiovaskuläres Risiko um 10% - ohne Limit nach unten

Dr. Jürgen Sartorius

Interessenkonflikte

12. Mai 2021

Patienten mit einem erhöhten Risiko für Herzkreislauf-Erkrankungen profitierten selbst dann von einer antihypertensiven Therapie, wenn ihr basaler systolischer Wert unter 120 mmHg liegt. Eine Metaanalyse von 48 Studien mit insgesamt fast 345.000 Teilnehmern zeigt jetzt, dass durch eine Senkung des systolischen Blutdrucks um 5 mmHg eine durchschnittliche Reduktion des Risikos für ein schweres kardiovaskuläres Ereignis um 10% erzielt werden kann. Dabei war es unerheblich, wie hoch die absoluten Blutdruck-Werte der Patienten waren und ob es im Vorfeld bereits zu kardiovaskulären Erkrankungen gekommen war.

Prof. Dr. Felix Mahfoud

In der Metaanalyse, die in The Lancet erschienen ist, hat die internationale Blood Pressure Lowering Treatment Trialists' Collaboration unter Federführung von Prof. Dr. Kazem Rahimi, University of Oxford, UK, 48 randomisierte, klinische Studien eingeschlossen [1]. Diese Studien hatten jeweils Auswirkungen von blutdrucksenkenden Medikamenten gegenüber Placebo oder anderen Therapien mit mindestens 1.000 Personenjahren pro Arm dokumentiert.

Bei insgesamt 46% der Teilnehmer lag bereits eine kardiovaskuläre Erkrankung vor, bei den restlichen 54% nicht; die knappe Mehrheit erhielt ihre Behandlung also zur Primär-, die übrigen Teilnehmer zur Sekundärprävention. Studien, die ausschließlich Fälle von Herzinsuffizienz oder akute Behandlungen nach Interventionen behandelten, wurden ausgeschlossen.

„Diese Metaanalyse ist allein schon durch ihre Größe und durch eine individuelle Patientendatenanalyse sehr aussagekräftig“, betont Prof. Dr. Felix Mahfoud, Klinik für Kardiologie, Angiologie und Internistische Intensivmedizin, Homburg/Saar, „sowie auch dadurch, dass sie wirklich nahezu alle wichtigen Studien miteinbezieht.“

 
Diese Metaanalyse ist allein schon durch ihre Größe und durch eine individuelle Patientendatenanalyse sehr aussagekräftig. Prof. Dr. Felix Mahfoud
 

Über 40.000 kardiovaskuläre Events analysiert

Über eine durchschnittliche Nachbeobachtungszeit von 4 Jahren erlitten 12,3% der Teilnehmer mindestens ein schwerwiegendes kardiovaskuläres Ereignis (Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzinsuffizienz oder Tod durch eine kardiovaskuläre Erkrankung). Für jede Senkung des systolischen Blutdrucks um 5 mmHg sank das Risiko für:

  • eine schwere kardiovaskuläre Erkrankung um etwa 10%,

  • einen Schlaganfall um 13%,

  • eine Herzinsuffizienz um 13%,

  • ischämische Herzerkrankungen um 8% und 

  • Tod durch kardiovaskuläre Erkrankungen um 5%.

Dabei profitierten die Teilnehmer nahezu gleichermaßen, unabhängig davon, ob die Blutdruck-Senkung als primäre (HR 0,91, 95% KI: 0,89-0,94) oder sekundäre Prävention (HR 0,89, 95% KI: 0,86-0,92) erfolgte. Allerdings lagen bei den Teilnehmern mit Sekundärprävention sowohl die Blutdruck-Werte zu Studienbeginn (im Mittel 157/89 vs. 146/84 mmHg) sowie die Zahl der schweren kardiovaskulären Ereignisse (im Mittel 39,7% vs. 31,9% im Intervention-Arm) höher als bei den Teilnehmern mit Primärprävention.

„Dieses Ergebnis zeigt, welche wichtige Rolle eine Blutdrucksenkung zur Reduktion des kardiovaskulären Risikos beiträgt. Schon moderate Abnahmen des Blutdrucks können das Risiko für schwerwiegende Komplikationen deutlich reduzieren“, meint Mahfoud. „Die Korrelation zwischen der Höhe des Blutdruckes und des kardiovaskulären Risikos zeigt sich dabei unabhängig von Vorerkrankungen.“

 
Schon moderate Abnahmen des Blutdrucks können das Risiko für schwerwiegende Komplikationen deutlich reduzieren. Prof. Dr. Felix Mahfoud
 

Patienten nach ihren Blutdruck-Werten zu Studienbeginn aufgesplittet

Eine weitere Einteilung erfolgte nach Höhe der systolischen Blutdruckwerte zu Beginn der Therapie: weniger als 120 (5%), 120 bis 129 (9%), 130 bis 139 (14%), 140 bis 149 (19%), 150 bis 159 (17%), 160 bis 169 (16%) und über 170 mmHg (20% aller Teilnehmer). Nach stratifizierten Analysen zeigten sich keine Effekte, die von der Höhe dieser anfänglich gemessenen Werte abhängig waren.

Da etwa 20% der Teilnehmer mit und 8% ohne kardiovaskuläre Vorerkrankung zu Studienbeginn einen normalen oder hochnormalen systolischen Blutdruck von unter 130 mmHg aufwiesen, profitieren auch Erwachsene mit normalem Blutdruck offensichtlich von einer Therapie mit Antihypertensiva.

„In der Tat ist dieses Ergebnis in seiner Klarheit unerwartet“, bestätigt Mahfoud. „Es unterstreicht, dass der Blutdruck eine unabhängige Größe bei der Beurteilung des kardiovaskulären Risikos darstellt und einige antihypertensive Medikamente (z. B. ACE-Hemmer oder Betablocker) blutdruck-unabhängige Effekte aufweisen.“

Konsequenzen für nationale Leitlinien sind gefordert

Laut den Autoren sollten ihre Ergebnisse wichtige Auswirkungen auf klinische Leitlinien haben, da typischerweise die blutdrucksenkende Behandlung bislang auf Personen mit Blutdruckwerten über 140/90 mmHg beschränkt wird.

„Diese Studie unterstreicht erneut, wie wichtig es ist, den Blutdruck so gut wie möglich zu kontrollieren, um das kardiovaskuläre Risiko zu reduzieren“, sagt Prof. Dr. Sir Nilesh Samani, Medizinischer Direktor bei der British Heart Foundation. „Allerdings bedeutet dies nicht, dass man jeden mit blutdrucksenkenden Medikamenten behandeln sollte.“

Das bestätigt auch Mahfoud: „Wichtig ist eine umfassende Beurteilung des globalen kardiovaskulären Risikos jedes einzelnen Patienten. Hier fließen viele Parameter wie Raucher- und Bewegungsstatus, LDL-Cholesterin, Diabetes, Übergewicht, Nierenfunktion und natürlich auch Blutdruckwerte und die Anamnese ein. Ergibt sich aus den erhobenen Befunden ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko, dann müssen wir konsequent auf die Senkung des Blutdruckes hinarbeiten und dürfen uns nicht mit Werten unter 140 mmHg zufriedengeben, sondern Werte von um 120 mmHg anstreben.“ 

 
Wichtig ist eine umfassende Beurteilung des globalen kardiovaskulären Risikos jedes einzelnen Patienten. Prof. Dr. Felix Mahfoud
 

 

Kommentar

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