DGIM fordert mehr Leitlinien-Treue bei PAVK-Management: Hohe Dunkelziffer, zu wenig Statine und Gerinnungshemmung

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

11. Mai 2021

Patienten mit peripherer arterieller Verschlusskrankheit (PAVK) werden laut der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) oft nicht leitliniengerecht behandelt. Vor allem die Therapie mit Statinen bleibe weit hinter dem Bedarf zurück, heißt es in einer Mitteilung der DGIM [1].

PAVK im Frühstadium meist symptomlos

Die Häufigkeit der PAVK nimmt mit dem Alter deutlich zu. Etwa 20% aller Menschen über 65 Jahren sind betroffen. Zu den Risikofaktoren zählen Nikotin-Abusus und Diabetes mellitus.

Die Mehrzahl aller Betroffenen weiß nichts von krankhaften Gefäßveränderungen, denn in einem frühen Stadium machen sie sich nicht durch Schmerzen bemerkbar. „Auch ohne die charakteristischen Symptome ist eine PAVK jedoch leicht zu diagnostizieren – Hausärztinnen und -ärzte sollten ältere Patienten aktiv auf diese Erkrankung hin untersuchen“, sagt Prof Dr. Viola Hach-Wunderle, Fachärztin für Innere Medizin am Krankenhaus Nordwest in Frankfurt am Main.

 
Auch ohne die charakteristischen Symptome ist eine PAVK jedoch leicht zu diagnostizieren (…). Prof Dr. Viola Hach-Wunderle
 

Einfache Diagnostik beim Hausarzt

Aufschlussreich sei dabei zunächst die Überprüfung der Fußpulse, so Hach-Wunderle. Sind diese nicht tastbar, wird der Knöchel-Arm-Index (Ankle-Brachial-Index, ABI) bestimmt, also das Verhältnis der am Knöchel und am Oberarm gemessenen Blutdruckwerte.

„Diese Messungen sind sehr einfach und können in jeder Hausarztpraxis vorgenommen werden“, so die Angiologin. Auch bei bislang beschwerdefreien Patienten müsse ein auffälliger ABI als Warnsignal ernst genommen werden, denn die Gefäßveränderungen betreffen in der Regel nicht nur die Beine, sondern auch andere Körperregionen. Besonders kritisch sei dabei die Beteiligung der Herzkranzgefäße und der Gefäße, die das Gehirn versorgen. „Selbst bei beschwerdefreien Patienten geht ein auffälliger ABI mit einer Verdopplung des Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risikos einher“, erläutert Hach-Wunderle.

Sterberisiko steigt ebenfalls

Treten belastungsabhängige Schmerzen auf, liegt das Risiko, in den folgenden 5 Jahren einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, bereits bei 20%. Machen sich schmerzhafte Durchblutungsstörungen in den Beinen selbst in Ruhe bemerkbar, steigt auch das Sterberisiko deutlich an – auf 40 bis 60% innerhalb der nächsten 5 Jahre.

Leitliniengemäße Sekundärprävention zu selten

Um Risiken zu senken und um einer Verschlechterung des Gefäßzustands entgegenzuwirken, sieht die PAVK-Leitlinie Lebensstiländerungen und medikamentöse Behandlungen vor.

Dabei sollte zum einen versucht werden, bekannte Risikofaktoren wie Übergewicht, Bewegungsmangel, Rauchen und ungesunde Ernährung zu vermeiden. Auch ein hoher Blutdruck, hohe Blutfett- und hohe Blutzuckerwerte tragen bekanntlich zu den arteriosklerotischen Veränderungen bei. Betroffene sollten daher immer mit Statinen behandelt werden – und zwar auch dann, wenn die Erkrankung noch keine Symptome verursacht. In fortgeschrittenen Stadien sollten auch Wirkstoffe zur Gerinnungshemmung hinzukommen, bei Bedarf auch Blutdrucksenker.

„Diese Medikamente werden bei PAVK-Patienten jedoch noch immer viel zu selten verschrieben und eingenommen“, sagt Hach-Wunderle. So habe eine Auswertung von Krankenkassendaten der BARMER aus dem Jahr 2019 gezeigt: Nur rund 40% der PAVK-Patienten erhalten eine leitliniengerechte medikamentöse Therapie. Zu einem ähnlichen Ergebnis sei eine Auswertung von Sekundärdaten aus den Jahren 2014 bis 2017 der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe gekommen: Nur gut jeder 2. PAVK-Patient erhielt mindestens eines der leitliniengerechten Medikamente. Statine bekamen lediglich 29% dieser Patientengruppe.

 
Medikamente werden bei PAVK-Patienten jedoch noch immer viel zu selten verschrieben und eingenommen. Prof Dr. Viola Hach-Wunderle
 

Keine Pharmakotherapie aus Angst vor Nebenwirkungen?

Ein möglicher Grund ist die Angst vor Nebenwirkungen, denn Statine können Muskelschmerzen verursachen und vereinzelt zu Muskelschäden oder zu Diabetes führen. „Diesen seltenen Nebenwirkungen, die weniger als 1 von 1.000 Patienten betreffen, steht jedoch der große therapeutische Nutzen der Statine gegenüber“, betont Hach-Wunderle. So senken Pharmaka das Risiko für Amputationen langfristig um mehr als ein Drittel, und die Gefahr von kardiovaskulären Ereignissen verringert sich um 17%.

„Statine sind häufig angewendete, sichere und günstige Medikamente, die bei Arteriosklerose der Hirn- oder Herzkranzgefäße regelhaft zum Einsatz kommen – nur nicht in der Sekundärprophylaxe von PAVK-Patienten aus nicht nachvollziehbaren Gründen“, sagt die Angiologin.

Viel Aufklärungsbedarf

Obwohl krankhafte Veränderungen der Blutgefäße zu den wichtigsten Ursachen für Krankheit und Tod weltweit zählten, würden Erkrankungen der peripheren Gefäße oft nicht ernst genug genommen, betont Prof. Dr. Sebastian Schellong, Präsident der 127. Jahrestagung der DGIM. Hier gebe es noch immer Aufklärungsbedarf.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de .

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....