Antihypertensive Therapie auch bei Patienten mit normalem oder hochnormalem Blutdruck? Forscher liefern neue Argumente

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

10. Mai 2021

Jede Senkung des systolischen Blutdrucks um 5 mmHg ist mit einer Verringerung des relativen Risikos für kardiovaskuläre Ereignisse um etwa 10% assoziiert. Das gilt auch für Menschen mit normalem Blutdruck, die noch nie einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten haben, wie Forscher der Blood Pressure Lowering Treatment Trialists' Collaboration jetzt in The Lancet berichten [1]. Grundlage ihrer Arbeit ist eine große Metaanalyse.

Daten aus 48 randomisierten Studien mit 344.716 Probanden analysiert

Zum Hintergrund: Welche Auswirkungen die antihypertensive Behandlung bei Personen mit normalem oder hochnormalem Blutdruck – mit oder ohne kardiovaskuläre Erkrankung hat – ist nach wie vor unklar. Für ihre aktuelle Analyse haben die Autoren deshalb Daten von 344.716 Erwachsenen (Durchschnittsalter 65 Jahre) aus 48 randomisierten Studien analysiert.

Die Teilnehmer wurden 2 Gruppen zugewiesen. 157.728 von ihnen hatten bereits kardiovaskuläre Erkrankungen. Sie kamen in die Sekundärpräventions-Gruppe. Die restlichen 186.988 Personen ohne kardiovaskuläre Erkrankungen bildeten die Primärpräventions-Gruppe.

Jede Gruppe wurde in 7 Subgruppen unterteilt, basierend auf dem systolischen Blutdruck bei Studieneintritt. Der mittlere systolische bzw. diastolische Blutdruck vor der Randomisierung betrug 146/84 mmHg bei Teilnehmern der Sekundärpräventions-Gruppe und 157/89 mmHg bei denen der Primärpräventions-Gruppe.

Etwa 20% (31.239) aller Personen mit kardiovaskulärer Vorerkrankung und 8% ohne diese Leiden hatten zu Studienbeginn einen normalen oder hochnormalen systolischen Blutdruck mit systolisch weniger als 130 mmHg.

Personen ohne hohes Risiko profitieren von antihypertensiven Therapien

Während einer durchschnittlichen Nachbeobachtungszeit von rund 4 Jahren hatten 42.324 Teilnehmer mindestens ein schweres kardiovaskuläres Ereignis, etwa einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall, eine Herzinsuffizienz – oder sie starben aufgrund ihrer kardiovaskulären Erkrankung. 

Bei Teilnehmern der Primärpräventions-Gruppe betrug die Inzidenzrate für ein schweres kardiovaskuläres Ereignis pro 1.000 Personenjahre 31,9 in der Vergleichsgruppe (Placebo) und 25,9 in der Interventionsgruppe (Verum). In der Sekundärpräventions-Gruppe lagen die Raten bei 39,7 und 36,0.

Die Hazard Ratios (HR) für ein schweres kardiovaskuläres Ereignis bei einer Senkung des systolischen Blutdrucks um 5 mmHg betrugen 0,91 für Teilnehmer ohne kardiovaskuläre Vorerkrankung und 0,89 für Teilnehmer in der Sekundärprävention.

Bei der Absenkung des systolischen Blutdrucks verringerte sich das Risiko einer schweren kardiovaskulären Komplikation pro 5 mmHg um etwa 10% in beiden Gruppen.

Die Risiken für Schlaganfall, Herzinsuffizienz, ischämische Herzkrankheit und Tod durch kardiovaskuläre Erkrankung wurden um 13%, 13%, 8% bzw. 5% verringert. Dabei waren die relativen Risikoreduktionen proportional zur Intensität der Blutdrucksenkung.

Leitlinien zur antihypertensiven Therapie überarbeiten?

Diese Studie liefere Argumente gegen die weit verbreitete Ansicht, dass der Blutdruck eines Patienten oder die vorherige Diagnose einer kardiovaskulären Erkrankung per se Schlüsselfaktoren für die Indikation zu Therapie mit Antihypertensiva sein sollten, schreiben die Autoren.

Ihre Metaanalyse stärke Befürworter einer antihypertensiven Therapie, die sich am individuellen kardiovaskulären Risiko eines Patienten orientiere und nicht primär an hohen Blutdruckwerten allein. Die Ergebnisse sind jedoch nicht für alle Patienten mit Begleiterkrankungen gültig, da in den ausgewerteten Studien dazu teilweise zu wenige Daten vorlagen. Trotzdem halten die Autoren eine Überarbeitung bestehender Leitlinien für angebracht.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.

 

Kommentar

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