Fachverbände für COVID-Impfung von Schwangeren – warum Abwarten aber vielleicht die bessere Option ist …

Dr. Susanna Kramarz

Interessenkonflikte

7. Mai 2021

Eine dringliche Empfehlung von 11 gynäkologischen Fachorganisationen sorgt derzeit für Schlagzeilen. „In informierter, partizipativer Entscheidungsfindung und nach Ausschluss allgemeiner Kontraindikationen wird empfohlen, schwangere und stillende Frauen priorisiert mit mRNA-basiertem Impfstoff gegen COVID-19 zu impfen“, heißt es in der Erklärung [1].

Das Dokument ist nicht das, was es zu sein scheint. Es handelt sich um keine rechtlich abgesicherte Empfehlung, ab sofort alle Schwangeren in der Praxis COVID-19-Vakzine zu verabreichen. Eine Impfung ohne offizielle Empfehlung der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut (STIKO), des RKI selbst beziehungsweise der jeweiligen Landesregierung, genießt keinen zuverlässigen Rechtsschutz. „Für die Haftungsfrage erkennt der BGH die STIKO-Empfehlungen als ärztlichen Standard an“, heißt es in einem aktuellen Überblick zum Impfschadensrecht des Hausärzteverbandes.

Dr. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, stellt deshalb auch klar: „Bei jeder Schwangerschaft sind Komplikationen möglich. Wenn diese während der Schwangerschaft in zeitlicher Nähe zu einer Impfung auftreten oder andere Schäden auftreten, sind Patientinnen und impfende Ärztinnen und Ärzte durch eine Staatshaftung geschützt.“ Das gelte nur, wenn eine Impf-Empfehlung des RKI, der STIKO, von Bundes- oder Länderregierungen vorliege. „Eine alleinige Unterschrift einer gesunden Schwangeren unter ihrem Impfwunsch und unter der Aufklärung reicht nicht aus“, so Albring.

 
Eine alleinige Unterschrift einer gesunden Schwangeren unter ihrem Impfwunsch und unter der Aufklärung reicht nicht aus. Dr. Christian Albring
 

COVID-19: Schwangere haben häufiger schwere Verläufe

In der aktualisierten Impfempfehlung unter Federführung der DGGG führen die Verbände aus, welche Risiken COVID-19 in der Schwangerschaft haben kann:

  • Ein 6-fach höheres Risiko für eine intensivmedizinische Betreuung im Vergleich zu gleichaltrigen, nicht schwangeren Frauen,

  • ein um den Faktor 23 erhöhtes Risiko für eine Beatmung,

  • eine um den Faktor 26 erhöhte Mortalität,

  • ein 80% höheres Risiko für eine Frühgeburt,

  • ein verdoppeltes Risiko für Totgeburten,

  • bei schweren Verläufen ein 4-fach erhöhtes Risiko für Präeklampsien.

Was das mögliche Risiko einer Impfung in der Schwangerschaft angeht, so wird in dem Statement die systematische Nachbeobachtung mRNA-basiert geimpfter Schwangerer im US-amerikanischen V-safe Pregnancy Register mit über 100.000 registrierten Frauen herangezogen. Sie hatten ein mRNA-Vakzin während der Schwangerschaft erhalten. Während der Nachbeobachtung führte die Impfung nicht zu einem erhöhten Morbiditäts- oder Mortalitätsrisiko für werdende Mütter bzw. ungeborene Kinder. Es gab auch keine Besonderheiten im Nebenwirkungsprofil.

Entsprechende Studien sind STIKO bekannt. Trotzdem heißt es aus der Kommission, dass die vorliegende Evidenz noch geprüft werde. Darauf sollten Gynäkologen warten.

COVID-19 bei Schwangeren: Daten aus dem CRONOS-Register

Letztlich sind die Risiken nach einer SARS-CoV-2-Infektion überschaubar. Von etwa 800.000 Schwangeren, die zwischen März 2020 und April 2021 in Deutschland ein Kind bekommen haben, wurden im CRONOS-Register bisher 1.994 (Stand 6. Mai 2021) aufgenommen. Das Register wurde von der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin im Frühjahr 2020 initiiert, damit Geburtskliniken Schwangere mit positivem SARS-CoV-2-Nachweis melden können.

Bis auf einen kleinen Zuschuss der Deutschen Diabetes-Gesellschaft hat CRONOS keine Forschungsmittel erhalten, obwohl es das einzige deutsche Register zu Schwangerschaft und COVID-19 ist und obwohl das Robert-Koch-Institut und alle weiteren Institutionen diese Zahlen verwenden. Die Forschungsleiter PD Dr. Ulrich Pecks, Kiel, und Prof. Dr. Mario Rüdiger, Dresden, hatten beim Bundesforschungsministerium mehrfach Förderanträge gestellt. Sie erhielten als Bescheid, ihr Projekt sei „nicht relevant“.

154 aller knapp 500 Geburtskliniken in Deutschland beteiligen sich am Register. Ihre Berichte decken Corona-Infektionen während der Schwangerschaft zwar nicht vollständig ab. Da aber fast alle Universitätskliniken und Perinatalzentren Fälle melden, ist davon auszugehen, dass die Zahlen einen sehr guten Überblick geben. Selbst unter der Hypothese, dass nicht 2.000, sondern doppelt so viele, also 4.000 Schwangere mit SARS-CoV-2-Infektion seit März 2020 in Deutschland hospitalisiert werden mussten, ergäbe das eine Quote von ungefähr 0,3% werdenden Mütter. Das Register besteht nämlich schon seit über einem Jahr; eine Schwangerschaft dauert aber nur 9 Kalendermonate.

Von 1.994 Schwangeren mit SARS-CoV-2-Infektion mussten 78 auf der Intensivstation behandelt werden. Die Kaiserschnittquote lag mit 35,4% über dem Durchschnitt, ebenso wie die Frühgeboren-Rate mit etwa 13%. Eine Frau starb bisher an den Folgen der Infektion. Diese Größenordnungen entsprechen Daten aus internationalen Publikationen.

Umgekehrt bedeutet das: Mehr als 99% aller Schwangeren in Deutschland sind entweder gar nicht an COVID-19 erkrankt oder so leicht, dass eine Hospitalisierung nicht notwendig war. Warum also der drängende Impfaufruf einiger Fachverbände?

Die Dynamik kommt aus einem Hochinzidenzgebiet

Wesentlich beteiligt am Zustandekommen der Empfehlung ist das geburtshilfliche Team der Universitäts-Frauenklinik Jena unter Leitung von Prof. Dr. Ekkehard Schleußner. Jena liegt am nördlichen Rand des thüringisch-sächsischen Hochinzidenzgebiets. Über 100 infizierte Schwangere wurden allein aus dieser Klinik bisher dem CRONOS-Register gemeldet.

„Subjektiv sehen wir in der 2. und 3. Welle zunehmend Patientinnen mit aktiver oder durchgemachter SARS-CoV2-Infektion. Es ist erschreckend, eine schwerkranke Schwangere mit Atemunterstützung auf der Intensivstation oder eine frisch entbundene Frau an eine ECMO angeschlossen betreuen zu müssen“, erläutert Dr. Janine Zöllkau, Assistenzärztin der Klinik und Mitautorin. „Wir wollen endlich eine Grundlage haben, um den Schwangeren und ihren Partnern klarzumachen, wie gefährlich diese Infektion und wie wichtig die Impfung ist.“

 
Es ist erschreckend, eine schwerkranke Schwangere mit Atemunterstützung auf der Intensivstation oder eine frisch entbundene Frau an eine ECMO angeschlossen betreuen zu müssen. Dr. Janine Zöllkau
 

Das bedeutet: Große Geburtskliniken betreuen die meisten Schwangeren mit COVID-19. Sie beobachten trotz sinkender allgemeiner Inzidenz eher eine Zunahme an Schwangeren mit schwerem Verlauf der Krankheit. Aus deren Blickwinkel ist der dringende Impf-Appell deshalb Gebot der Stunde.

Warten auf eine STIKO-Empfehlung

Niedergelassene Frauenärzte sollten weiterhin mit den knappen Impfmengen priorisierten Patientinnen, nämlich Ältere, Frauen mit onkologischen Erkrankungen oder anderen Leiden, aber auch bis zu 2 Kontaktpersonen schwangerer Frauen, impfen. Ansonsten gilt die bekannte „AHA+L+A“-Regel weiter. Bevor Gynäkologen Schwangere impfen, sollten sie auf STIKO-Empfehlungen warten.

 

Kommentar

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