Auch ältere Frauen mit erhöhtem Risiko für Impf-Thrombosen – gibt es die AstraZeneca-Vakzine bald nur noch für Männer?

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

6. Mai 2021

Das Risiko für Sinus- und Hirnvenenthrombosen (CVT) nach Impfung mit der Vakzine von AstraZeneca (ChAdOx1, Vaxzevria®) ist zwar gering, aber dennoch erhöht, und zwar vor allem bei Frauen, wie nun auch Daten aus Deutschland bestätigen [1]. Neu ist, dass diesen Daten zufolge auch über-60-jährige Frauen gefährdet sind. Die aktuellen Daten sind bislang allerdings nur auf einem Preprint-Server erschienen, eine wissenschaftliche Begutachtung steht noch aus.

 
Unsere Daten zeigen: Auch ältere Frauen haben ein erhöhtes Risiko, Sinus- und Hirnvenenthrombosen nach Gabe des AstraZeneca-Vakzins zu erleiden. Prof. Dr. Tobias Kurth
 

Bei einigen Personen in Deutschland wie auch in anderen Ländern sind nach Impfung mit dem Virus-basierten, gegen SARS-CoV-2 gerichteten Impfstoff von AstraZeneca vermehrt zerebrale Venenthrombosen aufgetreten, teilweise in Kombination mit einer Thrombozytopenie.

Da überwiegend Frauen unter 60 Jahren betroffen waren, wurde die Impfung mit dieser Vakzine auf ältere Frauen und auf Männer beschränkt. Aufgrund der Seltenheit der Komplikation wird das Nutzen-Risiko-Verhältnis der Impfungen mit diesem Impfstoff als weiterhin positiv bewertet.

Umfrage bei allen neurologischen Kliniken in Deutschland

Um Daten aus Deutschland zu gewinnen, auch zu den anderen verfügbaren Impfstoffen gegen SARS-CoV-2, hat die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) im vergangenen Monat eine webbasierte Studie durchgeführt.

Alle neurologischen Kliniken in Deutschland wurden von der DGN unter der Projektleitung von Prof. Dr. Jörg Schulz, Universitätsklinik Aachen, am 6. April 2021 angeschrieben. Sie wurden gebeten, alle Fälle von zerebralen Sinus- und Hirnvenenthrombosen sowie ischämischen und hämorrhagischen Schlaganfällen, die innerhalb eines Monats nach einer SARS-CoV-2-Impfung aufgetreten waren, mittels eines webbasierten Fragebogens bis zum 14. April 2021 zu melden.

Inzidenzrate der Hirnvenenthrombosen bei Frauen höher

Bis Mitte April waren vom BioNTech-Impfstoff 16,2 Millionen Dosen verimpft, vom AstraZeneca-Impfstoff 4,6 Millionen und vom Moderna-Impfstoff 1,2 Millionen. Insgesamt wurden 62 Fälle festgestellt, von denen 45 eine CVT hatten, 9 einen primären ischämischen Schlaganfall, 4 eine primäre intrazerebrale Blutung (ICH) und 4 andere Ereignisse. 

In rund 95% der Fälle traten die unerwünschten Ereignisse nach der Erstimpfung auf. Das Durchschnittsalter betrug 46,7 Jahre (48 Patienten < 60 Jahre, 77,4%), 75,8% der Betroffenen waren Frauen.

53 Ereignisse wurden nach der Impfung mit ChAdOx1 von AstraZeneca beobachtet (85,5%), 9 nach Impfung mit dem mRNA-Impfstoff von BioNTech (BNT162b2); nach Impfung mit dem mRNA-Impfstoff von Moderna wurden keine Ereignisse berichtet.

Die gesamte CVT-Inzidenzrate innerhalb eines Monats nach der Erstimpfung betrug 6,5 (95% KI 4,4 bis 9,2) pro 100.000 Personenjahre und 8,8 (95% KI 6,4 bis 11,9) für jedes eingeschlossene zerebrovaskuläre Ereignis.

Die Ein-Monats-Inzidenzrate von CVT war bei ChAdOx1-geimpften Personen mit knapp 18 höher (17,9, 95% KI 11,8 bis 26,1). Das Verhältnis der Inzidenzraten betrug 9,68 (3,46 bis 34,98) für den AstraZeneca-Impfstoff im Vergleich zu mRNA-basierten Impfstoffen und 3,14 (1,22 bis 10,65) für Frauen im Vergleich zu Männern (nach Adjustierung für die Altersgruppe). 

Die Inzidenzrate der Hirnvenenthrombosen bei Frauen unter 60 Jahren nach Gabe des AstraZeneca-Impfstoffs betrug 24,2/100.000 Personenjahre, die von über-60-jährigen Frauen 20,5/100.000 Personenjahre. 

Bei unter-60-jährigen Frauen mit dem BioNTech-Impfstoff betrug die Ereignisrate 3,6/100.000 Personenjahre, bei Männern dieser Altersgruppe 3,5/100.000.

Über-60-jährige Frauen hatten nach Impfung mit der BioNTech-Vakzine eine Ereignisrate von 0,8/100.000 Personenjahre. Bei Männern über 60 Jahre gab es keine Ereignisse, egal welchen Impfstoff sie erhielten.

Bei 26/45 Patienten mit CVT (57,8%) wurde eine VITT (Vakzine-induzierte immunogene thrombotische Thrombozytopenie) als hochwahrscheinlicher Pathomechanismus eingestuft, bei 19/45 Patienten (42,2%) war die Assoziation weniger wahrscheinlich.

Änderung der Impfempfehlung sollte geprüft werden

Angesichts einer CVT-Inzidenz in der Allgemeinbevölkerung von 0,22 bis 1,75 pro 100.000 Personenjahre deuten diese Ergebnisse auf ein erhöhtes Risiko für CVT nach ChAdOx1-Impfung hin, insbesondere für Frauen. Die Daten bestätigen somit bisherige Beobachtungen.

Allerdings haben die Autoren „ein neues Sicherheitssignal gesehen“, so der beteiligte Wissenschaftler Prof. Dr. Tobias Kurth, Direktor des Instituts für Public Health an der Charité, in einer Mitteilung der DGN [2]. „Unsere Daten zeigen: Auch ältere Frauen haben ein erhöhtes Risiko, Sinus- und Hirnvenenthrombosen nach Gabe des AstraZeneca-Vakzins zu erleiden. Ob dies zu einer Änderung der Empfehlung für die Impfung mit ChAdOx1 führt, sollte mit den vorliegenden Daten in einer Risiko-Nutzen-Analyse schnell bewertet werden“, so Kurth.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.

 

Kommentar

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