PI3K-Inhibitor Alpelisib als neuestes AMNOG-Opfer? Selbst nach 10 Jahren sehen Verbände Schwächen bei der Nutzenbewertung

Maren Schenk

Interessenkonflikte

4. Mai 2021

Alpelisib, ein Inhibitor der Phosphoinositid-3-Kinase (PI3K), wurde im Juli 2020 von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) zugelassen zur Behandlung einer molekulargenetisch definierten Gruppe von Patienten mit metastasiertem Brustkrebs. Am 14. April 2021 hat Novartis angekündigt, dieses Krebsmedikament (Piqray ®) zum 1. Mai 2021 vom deutschen Markt zu nehmen. Als Begründung gab der Hersteller an, dass es in den Preisverhandlungen mit den Krankenkassen nicht gelungen sei, eine angemessene Grundlage für einen zukünftigen Erstattungsbetrag zu finden.

Mehrere Fachgesellschaften kritisieren die Marktrücknahme in einer gemeinsamen Mitteilung [1]: „Im Jubiläumsjahr ‚10 Jahre AMNOG‘ zeigt die Marktrücknahme von Alpelisib eine Lücke im Prozess der Preisbildung“, die zulasten der Patienten gehe. Hintergrund der schwierigen Preisverhandlungen sei das Verfahren der frühen Nutzenbewertung beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) gewesen, erklärten die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO), die Deutsche Gesellschaft für Senologie (DGS), die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) und der Bundesverband Frauenselbsthilfe Krebs in ihrer gemeinsamen Stellungnahme. Bei der Nutzenbewertung hatte der G-BA 5 Subgruppen gebildet. In 3 Subgruppen lautete das Ergebnis „Zusatznutzen nicht belegt“, in 2 weiteren Subgruppen konstatierte der G-BA einen geringen Zusatznutzen.

Mehrere kritische Punkte beim Verfahren der frühen Nutzenbewertung

Aus Sicht der Fachgesellschaften ist die frühe Nutzenbewertung neuer Arzneimittel nach dem Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) ein funktionierendes System. Bei dem Verfahren zu Alpelisib seien aber laut der Stellungnahme mehrere kritische Punkte zusammengekommen:

  • Defizite in der Bewertungsmethodik: Die Behandlung von Alpelisib führt zur signifikanten Verlängerung des progressionsfreien Überlebens, nicht der Gesamtüberlebenszeit. Die Verlängerung der progressionsfreien Überlebenszeit wird vom G-BA nicht als patientenrelevanter Endpunkt bewertet, im Unterschied zur Einschätzung der EMA und der wissenschaftlich-medizinischen Fachgesellschaften. Die Bildung von 5 unterschiedlichen Subgruppen bei einer an sich bereits kleinen Patientenpopulation hat die Bewertung zusätzlich erschwert.

  • Hohe Preisforderungen: Novartis war 2020 mit Jahreskosten für Alpelisib von über 70.000 Euro gestartet. Da Alpelisib bei vielen Patientinnen mit schweren und behandlungsbedürftigen Nebenwirkungen in Verbindung steht, führt dies zu weiteren Kosten durch die engmaschige medizinische Betreuung.

  • Mangelnde Flexibilität: Das AMNOG-Konzept funktioniert nur, wenn beide Partner in den Preisverhandlungen flexibel im Interesse der Patienten agieren. Das setzt auf Seiten der Krankenkassen voraus, dass sie bereit sind, die zur Verfügung stehenden Instrumente einschließlich qualitätssichernder Maßnahmen zu nutzen.

Alpelisib ist weiterhin in der EU zugelassen, muss aber künftig aus dem Ausland importiert werden. „Das führt zu einem größeren logistischen Aufwand“, stelle besondere Anforderungen an die Aufklärung der Patientinnen und könne die kontinuierliche Versorgungskette gefährden, so die Fachgesellschaften.

Hedy Kerek-Bodden, Bundesvorsitzende der Frauenselbsthilfe Krebs, fordert: „Zugelassene Arzneimittel müssen für die Patientinnen ohne weitere Hürden verfügbar sein. Sie dürfen nicht unter die Räder eines Streites zwischen Pharmaindustrie und Krankenkassen kommen.“

 
Zugelassene Arzneimittel müssen für die Patientinnen ohne weitere Hürden verfügbar sein. Sie dürfen nicht unter die Räder eines Streites zwischen Pharmaindustrie und Krankenkassen kommen. Hedy Kerek-Bodden
 

Alpelisib ist zusammen mit dem Tyrosinkinaseinhibitor Regorafenib eines der wenigen onkologischen Arzneimittel, das nach der Markteinführung aufgrund des AMNOG-Verfahrens vom Markt genommen wurde.

Alpelisib beim Mammakarzinom

Alpelisib ist laut DGHO das erste Arzneimittel aus der neuen Substanzklasse der PIK3CA-Inhibitoren. Es wurde von der EMA in Kombination mit dem Antiöstrogen Fulvestrant zur Behandlung von postmenopausalen Patientinnen und von männlichen Patienten mit Hormonrezeptor (HR)-positivem, HER2-negativem, lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem Mammakarzinom mit Nachweis einer PIK3CA-Mutation und nach Versagen der antihormonellen Therapie zugelassen.

Laut Phase-3-Studie SOLAR-1 verlängert Alpelisib bei Patientinnen mit fortgeschrittenem Mammakarzinom in Kombination mit Fulvestrant das progressionsfreie Überleben (PFS) im Vergleich zu einer Fulvestrant-Monotherapie signifikant (wie  Medscape berichtete). In dieser Studie waren die häufigsten unerwünschten Wirkungen Hyperglykämien (64 versus 10%), Diarrhö (58 versus 16%), Übelkeit (45 versus 22%), verminderter Appetit (36 versus 10%) und Hautausschlag (36 versus 6%).

Die EMA nennt als häufigste Nebenwirkungen erhöhte Spiegel von Plasmaglukose und Kreatinin, Durchfall, erhöhte Gamma-Glutamyltransferase-Spiegel, Hautausschlag, Lymphopenie, Übelkeit, erhöhte Alanin-Aminotransferase-Werte, Anämie, Müdigkeit, erhöhte Blutlipase-Werte, Appetitlosigkeit, Stomatitis, Erbrechen, Gewichtsverlust, Hypokalzämie, einen Abfall der Plasmaglucose, eine Verlängerung der aktivierten partiellen Thromboplastinzeit (aPTT) und Alopezie (wie  Medscape berichtete).

Das Nebenwirkungsspektrum macht eine engmaschige Überwachung aller Patienten erforderlich. Der rasche Wirkungseintritt erlaube eine kurzfristige Beurteilung des Therapieansprechens, schreibt die DGHO.

 

Kommentar

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