Herzinfarkt mit unter 50 und systemische Entzündung – da sollten bei Arzt und Patient die Warnglocken läuten

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

4. Mai 2021

Junge Patienten mit Herzinfarkt haben eine langfristig verschlechterte Überlebensprognose, wenn sie an einer systemischen entzündlichen Erkrankung leiden. Das berichten Dr.Brittany Weber von der Harvard Medical School, Boston, und Kollegen im European Journal of Preventive Cardiology [1]. Sie haben Daten einer großen Kohortenstudie ausgewertet.

Systemische Entzündungskrankheiten als kardiovaskuläre Risikofaktoren

Zum Hintergrund: In Europa und weltweit leiden mindestens 2% der Menschen an systemischen Entzündungskrankheiten (SIDs) mit einem Autoimmunprozess als Pathomechanismus. Sie haben ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen.

Beispielsweise wurde ein Zusammenhang zwischen Psoriasis und kardiovaskulären Ereignissen schon vor knapp 50 Jahren anhand einer Fallserie mit 253 Patienten beschrieben; von diesem Patienten hatten mehr als 11% einen Schlaganfall oder einen Myokardinfarkt. Eine 2010 publizierte Studie zeigte dann, dass das erhöhte kardiovaskuläre Risiko von Patienten mit Psoriasis nicht allein durch kardiovaskuläre Risikofaktoren wie Hypertonie, Diabetes, Hyperlipidämie, Adipositas und Nikotin-Abusus zu erklären war.

Mittlerweile ist bekannt, dass die schwere Psoriasis ein eigenständiger kardiovaskulärer Risikofaktor ist. Als „Bindeglied“ zwischen der Autoimmunerkrankung und kardiovaskulären Ereignissen gelte das Zytokin IL-17A, da es zur Hautinflammation als auch zur vaskulären Inflammation führen könne. Das berichten Dr. Johannes Wild von der Universitätsmedizin Mainz und Kollegen in einem Beitrag zum kardiovaskulären Risiko bei Psoriasis.

Trotz des belegten Zusammenhangs gibt es nur wenige Daten zur Prävalenz und den Auswirkungen von SIDs bei Erwachsenen, die als relativ junge Menschen bereits einen Myokardinfarkt erleiden. US-Kardiologen und -Rheumatologen um Weber haben daher Daten von Patienten aus 2 Kliniken analysiert.

Studie mit mehr als 2.000 Patienten

Sie haben Daten des YOUNG-MI-Registers für ihre retrospektive Kohortenstudie herangezogen. Das Register enthält Angaben zu Patienten, die einen Herzinfarkt im Alter von maximal 50 Jahren erlitten haben.

Die untersuchte Population bestand aus 2.097 Personen. Unter ihnen befanden sich von 53 Patienten (2,5%) mit diagnostizierter SID. Psoriasis war die häufigste inflammatorische Erkrankung (64%), gefolgt von Lupus (23%), rheumatoider Arthritis (9%) und anderen Krankheitsbildern (4%).

In der SID-Gruppe waren mehr Frauen als in der Gruppe ohne die Erkrankung (36% versus 19%). Außerdem hatten Patienten mit SID häufiger Bluthochdruck (62% versus 46%). Bei den Risikofaktoren Hypercholesterinämie und Diabetes gab es dagegen keine Unterschiede.

Über eine mediane Nachbeobachtungszeit von 11,2 Jahren hatten Patienten mit SID eine höhere Gesamt-Gesamtsterberate als die Vergleichspopulation aus jungen Infarkt-Patienten ohne SID. Die Berechnung des Risikos ergab ein um den Faktor 1,95 erhöhtes Gesamtmortalitätsrisiko (Hazard Ratio 1,95, 95%-Konfidenzintervall 1,07-3,57, p = 0,030).  

Beim Vergleich mit Patienten ohne SID, die hinsichtlich Alter, Geschlecht und kardiovaskulären Risikofaktoren adjustiert waren, fanden Webe rund Kollegen ein noch stärker erhöhtes Sterberisiko (HR 2,68, 95%-KI 1,18-6,07, p = 0,018).

Patienten mit SID ein Leben lang kardiologisch betreuen

Die Befunde bestätigen, dass Patienten mit SID erhöhte kardiovaskuläre Risiken haben – selbst ohne klassische Risikofaktoren. Sie sollten ihr Leben lang kardiologisch betreut werden.

Wichtig wäre den Autoren zufolge eine Möglichkeit, um das Herzinfarkt-Risiko bei SID zu prognostizieren. Aktuellen Risiko-Kalkulatoren seien nur eingeschränkt geeignet, so Weber und Kollegen. Denn sie würden Risiken speziell bei systemischen Entzündungen unterschätzen.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.

 

Kommentar

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