MEINUNG

Muskelschmerzen nach Krebs-Therapie? „Ich war froh über diese Studie“ – nun gibt es einen Beleg, dass Akupunktur helfen kann

PD Dr. Georgia Schilling

Interessenkonflikte

28. Juni 2021

Muskulo-skeletale Schmerzsyndrome nach einer Krebs-Behandlung sind sehr häufig. Unsere Expertin für onkologische Rehabilitation PD Dr. Georgia Schilling erzählt, warum diese Studie für sie so wichtig ist.

Transkript des Videos von PD Dr. Georgia Schilling:

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Georgia Schilling, ich bin Chefärztin der internistisch-onkologischen Rehabilitation in der Asklepios-Nordsee-Klinik in Westerland auf Sylt und ich bin auch leitende Oberärztin im Asklepios-Tumorzentrum in Hamburg.

Kürzlich bin ich über eine Studie gestolpert, die mich vor allem in meiner Funktion als Rehabilitationsmedizinerin interessiert hat. Vermutlich wird sie auch Ihr Interesse finden, weil wir über das Thema als Ärzte schon lange nachdenken.

Es geht um die PEACE-Studie, die die Effektivität von Elektroakupunktur oder von aurikulärer Akupunktur versus Standard Care bei chronischen muskulo-skeletalen Schmerzen bei Krebs-Langzeitüberlebenden untersucht hat.

Die Studie stammt aus der Arbeitsgruppe von Dr. Jun J. Mao, Memorial Sloan Kettering Cancer Center, New York, und ist am 18. März 2021 online in JAMA Oncology publiziert worden.

Was wissen wir bisher?

Akupunkturverfahren zeigen einen klinischen Nutzen in der Behandlung chronischer Schmerzen. Unklar ist jedoch, wie sie sich auf die Schmerzen bei Krebs-Langzeitüberlebenden auswirken, die im Vergleich zur Normalbevölkerung eine höhere Schmerzlast aufweisen.

Wir wissen auch, dass leider nahezu jeder 2. Krebs-Langzeitüberlebenden hinsichtlich seiner Schmerzen unterbehandelt ist. Das mag eventuell daran liegen, dass wir in diesem Setting ungern Opiate geben, wogegen wir in der Palliativmedizin da keine Berührungsängste haben.

Es gibt bisher auch keine Daten über die Wirksamkeit von Akupunktur in Bezug auf eine schmerzhafte Polyneuropathie.

Deshalb war ich froh, diese Studie zu lesen, denn Schmerzen beeinträchtigen die körperliche Funktionsfähigkeit mit einer schlechteren Lebensqualität und einer psychischen Belastung als Folgen.

In der PEACE-Studie wurde Elektroakupunktur der konventionellen Akupunktur gegenübergestellt. Bei der Elektroakupunktur führt die elektrische Stimulation der Nadeln zu einer gesteigerten endogenen Opiat-Freisetzung – ein m.E. sehr interessanter Aspekt.

Studiendesign

Die Patienten wurden 2:2:1 randomisiert und mit Elektroakupunktur, Standardakupunktur und Standard Care behandelt.

Die insgesamt 360 Probanden haben in den Interventionsarmen einmal wöchentlich über 10 Wochen eine Akupunktur-Sitzung erhalten. Die Probanden der Standard-Care-Gruppe hatten nach 12 Wochen ebenfalls die Möglichkeit an einer Akupunktur teilzunehmen. Aus ethischen Gründen musste man dieses Wartelisten-Design planen, um den Standard-Care-Patienten keine wirksamen Interventionen vorzuenthalten.

Die Schmerzen wurden mit dem Brief Pain Inventory (BPI) gemessen, und zwar zur Baseline und nach 12 Wochen.

Die Patienten hatten keine aktive Tumorerkrankung mehr und wiesen über mindestens 3 Monate chronische Schmerzen auf. Sie waren im Median 62 Jahre alt, 70% waren Frauen. Alle Tumor-Entitäten waren zugelassen. Die Teilnehmer litten durchschnittlich seit 5,3 Jahren an Schmerzen, 60,5% verwendeten Analgetika.

Interventionen

Bei der Elektroakupunktur wurden 4 Akupunktur-Punkte am Rücken und auf der restlichen Körperoberfläche gewählt. Die lokalen Punkte wurden über 30 Minuten elektrisch stimuliert. Diese Intervention haben 94% der Teilnehmer beendet, sie erhielten mindestens 8 der geplanten 10 Behandlungen.

Bei der aurikulären Akupunktur wurden bis zu 10 Nadeln am Ohr gesetzt und für 3 bis 4 Tage belassen. In diesem Fall erhielten 82% der Teilnehmer mindestens 8 Behandlungen, auch eine sehr gute Adhärenz.

Als Standardtherapie in der Kontrollgruppe erhielten die Teilnehmer die fortgeführte Schmerzmedikation, physikalische Interventionen und Steroid-Injektionen, wenn sie indiziert waren.

Ergebnisse

Die Elektroakupunktur reduzierte die Schmerzintensität um 1,9 Punkte, die aurikuläre Akupunktur um 1,6 Punkte, das war in beiden Fällen statistisch signifikant.

10% der Probanden in der Gruppe mit aurikulärer Akupunktur haben die Therapie wegen unerwünschten Ereignissen abgebrochen, das waren vor allem Schmerzen an den Ohren.

In der Elektroakupunktur-Gruppe hat nur 1 Proband aufgrund von Nebenwirkungen die Therapie abgebrochen.

Die Schmerzreduktion war in der Elektroakupunktur-Gruppe gegenüber der normalen Akupunktur verbessert, damit konnte eine Nichtunterlegenheit der aurikulären Akupunktur gegenüber der Elektroakupunktur nicht gezeigt werden.

In beiden Interventionsgruppen hielt die Schmerzreduktion bis zur Woche 24 an, war also auch nachhaltig. Die Einnahme von Analgetika konnte in beiden Gruppen reduziert werden.

Körperliche und mentale Lebensqualität waren gegenüber der Kontrollgruppe gesteigert.

Als unerwünschte Ereignisse kam es bei der Elektroakupunktur zu Blutergüssen, bei der konventionellen Akupunktur zu Schmerzen am Ohr, die zu einer erhöhten Rate an Therapieabbrüchen geführt haben.

Fazit der Arbeitsgruppe

Von Akupunktur profitieren Schmerz-Patienten mit Langzeitüberleben nach Krebserkrankung hinsichtlich einer Schmerzreduktion in beiden Gruppen im Vergleich zur Standardtherapie.

Beide Techniken waren effektiv, haben die Lebensqualität verbessert und den Gebrauch von Analgetika reduziert. Aber in der Gruppe mit aurikulärer Akupunktur kam es zu vermehrten Therapieabbrüchen – immerhin bei 1 von 10 Probanden.

Klare Limitierung der Studie ist, dass es keine Verblindung gab. Es gab keine Scheinakupunktur und es gab keinen Kombinationsarm – das haben die Autoren auch selbst angemerkt. Eventuell wäre der Effekt durch eine Kombination beider Akupunktur-Verfahren zu steigern.

Ich wollte Ihnen diese Studie vorstellen, weil ich glaube, dass Akupunktur ein lohnenswerter komplementärer Ansatz in der Schmerztherapie ist.

Ich würde mir natürlich sehr wünschen, dass Evidenz und Nutzen der Akupunktur auch bei schmerzhafter Polyneuropathie gezeigt werden können. Die schmerzhafte Polyneuropathie begegnet mir in meinem klinischen Alltag sehr häufig und sie belastet die Patienten stark.

Insgesamt macht dieser therapeutische Ansatz Hoffnung. Vielleicht sieht das auch demnächst unsere neue Supportiv-Therapie-Leitlinie ein, die derzeit überarbeitet wird.

Damit danke ich Ihnen für heute fürs Zuhören – bis zum nächsten Mal.
 

Kommentar

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