Berliner Ärzte melden 2 Fälle: Multisystem-Entzündung nach (symptomloser) Corona-Infektion auch bei Erwachsenen

Redaktion

Interessenkonflikte

19. April 2021

Das „Multisystem Inflammatory Syndrome“ (MIS) ist eine seltene, aber schwere Komplikation, die infolge einer SARS-CoV-2-Infektion auftreten kann. Es wurde zunächst nur bei Kindern beobachtet. Jetzt berichten Mediziner der DRK-Kliniken Berlin-Westend in der DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift über die ersten beiden Fälle eines „Multisystem Inflammatory Syndrome-Adults“ (MIS-A) in ihrer Einrichtung. Dabei erklären sie, welche Symptome auf ein MIS-A hinweisen können und welche Therapiemaßnahmen sich als erfolgversprechend erwiesen haben [1].

2 bis 4 Wochen auch nach symptomfreier Infektion

Ein MIS tritt meist 2 bis 4 Wochen nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 auf. Sofern die COVID-19-Erkrankung mild und ohne merkliche Beschwerden verlaufen ist, ist oft nicht klar, dass die vorliegenden Symptome damit in Zusammenhang stehen. Die Patienten haben plötzlich hohes Fieber und Gelenkschmerzen, teilweise treten bei ihnen Hautausschläge oder eine Bindehautentzündung auf. Oft klagen sie auch über Bauchschmerzen, Übelkeit oder Durchfall. Die Laborwerte weisen auf schwere entzündliche Reaktionen im Körper hin, ohne dass der Ursprung der Entzündung erkennbar ist.

Die ersten Fälle von MIS-C (C für „Children“) wurden im März letzten Jahres bei Kindern entdeckt und auch als „Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome“ (PIMS) bezeichnet. In Deutschland sind laut einem PIMS-Register bisher 40 kleine Patientinnen und Patienten mit MIS-C erfasst.

Ein Auftreten des „Multisystem Inflammatory Syndrome in Adults“ (MIS-A) war hingegen bis Januar 2021 in Deutschland nicht bekannt. Veröffentlicht wurden bisher lediglich 16 Berichte von MIS-A aus Großbritannien und den USA. In ihrer aktuellen Kasuistik beschreiben Dr. Karl Rieper und Prof. Dr. Andreas Sturm nun die ersten beiden Fälle, die sie in ihrer Klinik behandelt haben.

Mehrfach negativer PCR-Test

Beim 1. Patienten handelte es sich um einen ansonsten gesunden 27-jährigen Mann, der mit hohem Fieber bis 40°C, Erbrechen, Durchfall sowie starken Bauch-, Kopf- und Gliederschmerzen eintraf. Mehrfach durchgeführte PCR-Tests auf SARS-CoV-2 waren negativ. Weil keine Hinweise auf eine Infektion gefunden wurden, vermuteten die behandelnden Ärzte zunächst Morbus Crohn. Die daraufhin eingeleitete Behandlung führte jedoch nicht zum Erfolg. Zudem entwickelte der Patient vorübergehend eine deutliche Herzschwäche, die nicht zur Diagnose eines Morbus Crohn passte.

Eine kontinuierliche Hydrokortison-Therapie hemmte die Entzündung schließlich, und der Zustand des Patienten verbesserte sich. „Die Diagnose des MIS-A wurde von uns an Tag 5 gestellt. Da sich der klinische Zustand des Patienten bereits signifikant verbessert hatte und die Entzündungswerte rückläufig waren, verzichteten wir auf eine Immunglobulin-Therapie“, berichten die Ärzte. Vorbeugend gaben sie 100 mg Acetylsalicylsäure (ASS) zur Vermeidung von Thrombosen. Ein positiver Antikörpertest bestätigte eine durchgemachte SARS-CoV-2-Infektion und damit auch die Diagnose von MIS-A.

Ähnlicher Fall nur kurze Zeit später

Nur 3 Tage später behandelten die Berliner Klinikärzte ihren 2. MIS-A-Fall: Eine 21-jährige Frau hatte sich mit starken Kopf- und Nackenschmerzen, Fieber bis 40°C, Bauchschmerzen und Durchfall vorgestellt. Die Ärzte vermuteten zunächst eine Hirnhautentzündung. 24 Stunden nach ihrer Aufnahme in die Klinik entwickelte auch sie eine Herzschwäche.

 
Während MIS-C mittlerweile bei hunderten Kindern weltweit beschrieben wurde, sind Fälle von MIS-A in Deutschland bisher kaum bekannt. Dr. Karl Rieper und Prof. Dr. Andreas Sturm
 

Wegen der Parallelität zu dem kurz davor behandelten Patienten stellten die Ärzte dieses Mal rasch die Diagnose MIS-A. Die junge Frau wurde ebenfalls mit Kortison behandelt. Zusätzlich erhielt sie Immunglobuline zur Neutralisierung von Immunkomplexen, um so die übermäßige Immunreaktion im Körper abzufangen. Ihr Zustand verbesserte sich rasch.

„Während MIS-C mittlerweile bei hunderten Kindern weltweit beschrieben wurde, sind Fälle von MIS-A in Deutschland bisher kaum bekannt. Die hier aufgeführten Fälle zeigen jedoch, dass auch bei Erwachsenen, die sich mit Fieber, erhöhten Entzündungswerten ohne Infektfokus sowie Erkrankungen verschiedener Organsysteme vorstellen, ein zeitlicher Zusammenhang mit einer möglicherweise asymptomatischen SARS-CoV-2-Infektion in Betracht gezogen werden muss“, erklären die Mediziner.

Symptome: Fieber, Hypotonie, Entzündungswerte, NT-proBNP

Da die Beschwerden sehr vielfältig sein können, bestehe die Gefahr, dass die Erkrankung oft übersehen wird, erklären Rieper und Sturm. Einige Symptome seien jedoch bei allen Patienten zu finden. Dazu gehören:

  • mehr als 5 Tage anhaltendes Fieber,

  • ein ausgeprägter Abfall des Blutdrucks mit Schockgefahr,

  • stark erhöhte Entzündungswerte im Blut ohne Hinweis auf die zugrundeliegende Infektion sowie

  • ein erhöhter NT-proBNP-Wert im Blut, der eine Herzschwäche anzeigt.

Therapie mit Kortison, Antikörpern und ASS

Unter folgender Therapie besteht jedoch eine gute Prognose:

  • Hydrokortison, welches die Entzündung hemmt,

  • Immunglobuline, die Immunkomplexe binden, und

  • ASS, welches Thrombosen vermeidet und die Blutgerinnung verbessert.

 
Dies lässt auf eine gute Prognose unter optimaler Therapie und intensivmedizinischer Betreuung hoffen. Dr. Karl Rieper und Prof. Dr. Andreas Sturm
 

In beiden Fällen konnten die Patienten nach Abschluss der Therapie das Krankenhaus nach gut 2 Wochen beschwerdefrei verlassen, und es traten bisher keine weiteren Beschwerden auf. „Dies lässt auf eine gute Prognose unter optimaler Therapie und intensivmedizinischer Betreuung hoffen“, erklären die Ärzte am Ende ihres Beitrags.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Coliquio.de.

 

Kommentar

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