Die Corona-Pandemie und ihre psychischen Folgen: Warnung vor der „posttraumatischen Verbitterungsstörung“

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

15. April 2021

„Nach einem Jahr Pandemie mutieren nicht nur die Viren, sondern auch die Gefühle. Eine der neuen Varianten heißt ‚mütend‘, es ist eine ansteckende Mutante aus müde und wütend, und sie breitet sich rasch in der Bevölkerung und sozialen Medien aus“, so vor einigen Tagen die ZEIT-Kolumnistin Frida Thurm. Es seien, schreibt Thurm, „gerade nicht die Corona-Leugner, die nun mütend sind…, sondern die, die bisher die Maßnahmen weitgehend mitgetragen haben“.

Impf-Debakel, Kakophonie, Schuldzuweisungen

Gründe für dieses „Mütend“ lassen sich viele nennen, etwa das so genannte Impf-Debakel, der Wirrwarr in den Schulen, eigentlich fast die gesamte Pandemie-Bekämpfung, die dank Föderalismus, Wahlkampf und vielen Eitelkeiten ein „Flickenteppich“ ist. Hinzu kommen Existenzängste, vieler Künstler, Gastronomen und Hoteliers etwa, die sich im Stich gelassen fühlen und angesichts staatlicher Milliarden-Hilfen für Großkonzerne und manche Branchen überzeugt sind, dass es nicht gerecht zugeht.

 
Nach einem Jahr Pandemie mutieren nicht nur die Viren, sondern auch die Gefühle. Eine der neuen Varianten heißt ‚mütend‘, es ist eine ansteckende Mutante aus müde und wütend ... Frida Thurm
 

Wie Öl im Feuer wirkt dann erst recht die Kakophonie der politisch Verantwortlichen in diversen Talk-Shows und bei sonstigen öffentlichen Auftritten. Im Wesentlichen scheinen sie fast nur noch vereint zu sein in Ratlosigkeit, im Verkünden immer neuer „Lockdown-Varianten“, vermeintlicher „Wellenbrecher“ und auch im Erklären der Misere mit einer unglücklichen Verkettung von Ereignissen, was man auch folgendermaßen kommentieren könnte: „Wenn die Unfähigkeit einen Decknamen braucht, nennt sie sich Pech.“

Wenig „amused“ sind wahrscheinlich viele Menschen auch darüber, dass einige „Entscheidungsträger“ von ihrer eigenen Verantwortung für Defizite abzulenken versuchen, „indem sie“, wie Thurm es formuliert, „den Einzelnen die Schuld für steigende Zahlen zuschiebt“. „Eigenverantwortung“, so die Kolumnistin, sei nun eines der Zauberwörter, mit der Ministerpräsidenten und Bundesminister die Bekämpfung auch der 3. Welle weitgehend den Bürgern überlasse.

Müdigkeit, Wut, Verbitterung

Was sich auszubreiten droht, ist nicht nur eine Mischung aus Müdigkeit, Resignation und Verärgerung oder gar Wut, sondern womöglich auch eine Emotion, die im Zusammenhang mit COVID-19 bislang keine Aufmerksamkeit geweckt hat, obgleich sie medizinisch und – verbreitet auftretend – auch politisch ein Problem sein kann.

Die Rede ist von der Verbitterung, einem Gefühl, das mit der Überzeugung einhergeht, unfair oder ungerecht behandelt worden zu sein, zu kurz gekommen zu sein, nicht das bekommen zu haben, was man glaubt, verdient zu haben.

Verbitterung tritt ein nach Herabwürdigung, einer Kränkung, einer Demütigung oder einem Vertrauensbruch – im Privatleben oder auch im Berufsleben. „…ich weiß um meinen Wert, der Posten steht mir zu…“, sagt Jago, Othellos auf Rache sinnender und intriganter Fähnrich.

Krankhaft chronisch verbittert – die Symptome

Die Betroffenen sind über Monate in ihrem täglichen Leben beeinträchtigt, meiden Orte, die sie an das negative Erlebnis erinnern, sind gereizt, bedrückt, werden immer wieder von Erinnerungen eingeholt und wollen und unbedingt das Geschehene ungeschehen machen, die Gerechtigkeit wiederherzustellen.

Verbitterung kann zu dysfunktionalem Verhalten wie sozialem Rückzug führen und begleitet sein von Suizidgedanken, Aggression, emotionaler Erregung bei der Erinnerung an die Vergangenheit und Rachegedanken (einschließlich Mordgedanken). Wissenschaftler reden in solchen schweren Fällen auch von einer Posttraumatischen Verbitterungsstörung (Posttraumatic Embitterment Disorder = PTED).

Wissenschaftlich systematisch beschrieben wird dieses Phänomen erst seit wenigen Jahren. Auslöser war die deutsche Wiedervereinigung. „In den Jahren nach der Wende sind viele Menschen katastrophal gescheitert“, erklärt Dr. Barbara Lieberei, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (Heinrich-Heine-Klinik Potsdam). In der Folge tauchten in den psychiatrischen Kliniken immer mehr verbitterte Patienten auf, die lange krankgeschrieben waren und eine Rente beanspruchten.

Ein Forschungsteam der Berliner Charité um den Psychiater Prof. Dr. Michael Linden, dem auch Lieberei angehörte, prägte darauf den Begriff der Posttraumatischen Verbitterungsstörung. Rund 2% der Menschen in Deutschland sollen (nach Schätzungen) daran leiden.

Als Therapie ist die so genannte Weisheitstherapie entwickelt worden. Ziel dieser Psychotherapie ist, ganz allgemein formuliert, dass die Patienten lernen, von dem traumatisierenden Ereignis emotional Abstand zu gewinnen. 

Diagnostische Kernkriterien der Störung sind laut Linden:

  • Das Vorliegen eines einmaligen schwerwiegenden negativen Lebensereignisses, in dessen unmittelbarer Folge sich die psychische Störung entwickelt hat.

  • Der Patient erlebt das kritische Lebensereignis in der Regel als ungerecht oder herabwürdigend.

  • Wenn das kritische Ereignis angesprochen wird, reagiert der Patient mit Verbitterung und emotionaler Erregung.

  • Der Patient berichtet wiederholte intrusive Erinnerungen an das Ereignis. Teilweise ist es ihm sogar wichtig, nicht zu vergessen.

  • Die emotionale Schwingungsfähigkeit ist nicht beeinträchtigt. Der Patient zeigt normalen Affekt, wenn er abgelenkt wird, oder kann beim Gedanken an Rache lächeln. 

Zusatzsymptome sind zum Beispiel: 

  • Der Patient nimmt sich als Opfer und hilflos wahr und sieht sich nicht in der Lage, das Ereignis oder seine Ursache zu bewältigen.

  • Er macht sich selbst Vorwürfe, das Ereignis nicht verhindert zu haben oder nicht damit umgehen zu können.

  • Der Patient kann Gedanken an einen Suizid bis hin zu einem erweiterten Suizid äußern.

  • Die emotionale Grundstimmung ist dysphorisch-aggressiv-depressiv getönt und kann mit einer Depression mit somatischem Syndrom verwechselt werden.

Auch politisch von Bedeutung

Dass Menschen, die schwer verbittert sind, auch ein politisch relevantes Problem darstellen können, zeigt zum Beispiel die politische Karriere jenes golfspielenden New Yorker Immobilien-Unternehmers, der offenbar auf viele Menschen wie ein Aphrodisiakum wirkt und es mit seinen populistischen Auftritten und Tiraden bekanntlich geschafft hat, Millionen von US-Bürgern hinter sich zu versammeln, und zwar vor allem jene, die sich von einer reichen, selbstgefälligen „Elite“ in Washington nicht nur im Stich gelassen fühlten, sondern es auch tatsächlich waren. 

PS: Dass chronisch verbitterte Menschen für einige politische Verwerfungen und soziale Unruhen sorgen können, ist übrigens seit Langem bekannt. So hat Verbitterung vermutlich eine nicht geringe politische Rolle bei jener „Verschwörung“ im antiken Rom gespielt, die als „Catilinarische Verschwörung“ (63 v. Chr.) bekannt geworden ist.

Zur Erinnerung: Kopf und Motor des Geschehens war der Patrizier und Bankrotteur Lucius Sergius Catilina, der sich um seine „Dignitas“ (hohe gesellschaftliche Stellung verbunden mit Reichtum) betrogen fühlte, weil er nicht, wie angestrebt, das lukrative Amt eines römischen Konsuls erhielt. Verbittert – wie Catilina daher war – versuchte er, einen Putsch gegen den römischen Senat anzuzetteln. Das Ende kam 62 v. Chr. mit der Schlacht bei Pistoria, in der Catilina und mit ihm tausende Legionäre getötet wurden.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.

 

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