Vorhofflimmern: Bereits ein Glas Bier oder Wein am Tag erhöht das Risiko – mehr Konsum in Pandemie-Zeiten wird zur Gefahr

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

13. April 2021

Seit Beginn der SARS-CoV-2-Pandemie greifen Menschen öfter zur Flasche als zuvor. Ein gefährlicher Trend: Schon geringe Mengen Alkohol können Herzrhythmusstörungen auslösen. Das berichten Dr. Dora Csengeri vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und ihre Kollegen jetzt im European Heart Journal  [1]. Sie haben Daten von mehr als 100.000 Menschen ohne früheres Vorhofflimmern (AF) ausgewertet.

 
Mit der neuen Studie müssen wir erkennen, dass auch kleine Mengen Alkohol das Flimmern auslösen können. Prof. Dr. Andreas Götte
 

„Dass übermäßiger Alkoholkonsum dem Herzen schadet, ist zwar längst bekannt“, sagt Prof. Dr. Andreas Götte. Er ist Chefarzt der Medizinischen Klinik II am St. Vincenz-Krankenhaus Paderborn und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung. „Mit der neuen Studie müssen wir erkennen, dass auch kleine Mengen Alkohol das Flimmern auslösen können.“ Dies sei schon bei einem kleinen Glas Wein oder Bier am Tag möglich.

Alkohol gegen den Pandemie-Frust

Das Thema ist nicht ohne Brisanz: Während der SARS-CoV-2-Pandemie hat der Alkoholkonsum deutlich zugenommen. Bei der internationalen Studie Global Drug Survey mit 58.811 Teilnehmern gaben 43% der Befragten an, häufiger zu trinken, und 36% konsumierten mehr alkoholhaltige Getränke als zuvor. Als Gründe nennen die Befragten:

  • mehr Zeit zu haben (42%),

  • aufgrund von Langeweile zur Flasche zu greifen (41%) oder

  • öfter mit dem Partner gemeinsam zu konsumieren (37%).

Speziell in Deutschland berichten 6 von 10 Psychiatern bzw. Psychotherapeuten, dass sie in Krisenzeiten häufiger Patienten mit Alkoholproblemen behandeln als zuvor: ein Ergebnis der Studie „Psychische Gesundheit in der Krise“ der pronova BKK. Es handelt sich nicht nur um psychisch labile Personen oder Menschen mit bekanntem Alkohol-Abusus. Auch unbelastete Menschen sind durch Job- und Existenzängste, Einsamkeit, Langeweile oder durch fehlende Tagesstrukturen suchtgefährdet. Für die Untersuchung wurden deutschlandweit 154 Therapeuten befragt.

Ethanol – ein bekannter Risikofaktor für Vorhofflimmern

Wer viel Alkohol konsumiert, muss mit kardiovaskulären Folgen rechnen. So steht der Herzrhythmus unter dem Einfluss des vegetativen Nervensystems. Dieses fragile Gleichgewicht wird durch Ethanol gestört, vor allem, wenn Konsumenten viel Alkohol in kurzer Zeit trinken. Elektrolytstörungen und Veränderungen des Säure-Basen-Gleichgewichts kommen als mögliche Auslöser von Arrhythmien mit hinzu. Chronischer Alkoholkonsum korreliert wiederum mit Veränderungen der Herzstruktur und -funktion einschließlich Kardiomyopathien.

Gleichzeitig führen ethanolhaltige Getränke langfristig oft zu Übergewicht und zu arterieller Hypertonie als weiteren Risikofaktoren für Herzrhythmusstörungen. Auch kardiale Biomarker verändern sich. Während die Troponin-Konzentration mit zunehmendem Alkoholkonsum abnimmt, steigt der NT-proBNP-Spiegel an. Ob dieses Muster mit dem AF-Risiko zusammenhängt, muss noch gezeigt werden.

Doch die große Frage war lange Zeit: Wie wirkt sich niedriger Alkoholkonsum auf Vorhofflimmern aus? Dazu gab es bislang recht widersprüchliche Angaben.

Studie mit mehr als 100.000 Probanden

Neue Erkenntnisse kommen aus 5 Kohorten mit insgesamt 107.845 Probanden. Den Autoren standen auch Informationen über den Body-Mass-Index (BMI), über Blutdruckwerte, Diabetes, Gesamtcholesterin, aktuelles Rauchverhalten, blutdrucksenkende Medikamente, Myokardinfarkte oder Schlaganfälle in der Vorgeschichte, über den Beschäftigungsstatus, das Bildungsniveau und gewohnheitsmäßigen Alkoholkonsum zur Verfügung. Das mittlere Alter der Personen betrug 47,8 Jahre, 48,3% waren Männer. Ausgeschlossen wurden 7.753 Personen mit Vorhofflimmern oder Vorhofflattern in der Vorgeschichte.

Der durchschnittliche Alkoholkonsum wurde in Gramm pro Tag erfasst. Für ihre Berechnungen nahmen die Forscher an, dass 120 ml Wein, 330 ml Bier oder 40 ml Spirituosen jeweils 12 g Ethanol enthielten.

Csengeri und ihre Kollegen bildeten mehrere Gruppen:

  • frühere Trinker,

  • Personen, die niemals Alkohol konsumiert haben (Referenzgruppe),

  • gelegentlicher Trinker (<1 g/Tag),

  • Konsum von 1–12 g / Tag (<1 Getränk/Tag),

  • Konsum von 12,1–24 g / Tag (>1 Getränk/Tag),

  • Konsum von 24,1 –48 g / Tag (2-4 Getränke/Tag),

  • Konsum von mehr als 48 g/Tag (>4 Getränke/Tag).

Bereits geringe Mengen Alkohol sind mit Vorhofflimmern assoziiert

Der mediane Alkoholkonsum in der Kohorte betrug 3 g/Tag. 5.854 Personen entwickelten innerhalb der medianen Nachbeobachtungszeit von 13,9 Jahren Vorhofflimmern.

 
In Bezug auf Vorhofflimmern muss man vom regelmäßigen Konsum selbst kleiner Mengen abraten. Dr. Dora Csengeri
 

Laut Regressionsanalyse war der Alkoholkonsum nicht-linear und positiv mit dem Auftreten von Vorhofflimmern assoziiert. Ein Beispiel: Die Hazard Ratio für ein Getränk (12 g) pro Tag betrug 1,16 (95%-KI 1,11-1,22, p<0,001). Die Assoziationen waren bei allen Arten von Alkohol ähnlich.

Alle Ergebnisse im Überblick:

Zahl der Getränke pro Tag

Alkohol (g/Tag)

Hazard Ratio (95%-KI)

0,08 

1,01 (0,99-1,04) 

0,17 

1,02 (1,0-1,04) 

0,25 

1,04 (1,02-1,05) 

0,33 

1,05 (1,03-1,07) 

0,42 

1,06 (1,04-1,08) 

0,5 

1,07 (1,05-1,1) 

12 

1,16 (1,11-1,22) 

24 

1,36 (1,25-1,47) 

36 

1,52 (1,35-1,7) 

48 

1,59 (1,37-1,85) 

≥5 

60 

1,61 (1,35-1,92) 

 

„Es gibt bereits einen signifikanten Zusammenhang zwischen geringem Alkoholkonsum und einem erhöhten Risiko für Vorhofflimmern“, fasst Csengeri zusammen. „In Bezug auf Vorhofflimmern muss man vom regelmäßigen Konsum selbst kleiner Mengen abraten.“

 

Kommentar

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