„Ausgangssperren versprechen mehr, als sie halten können“: Aerosolforscher kritisieren Regierungsstrategie

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

12. April 2021

Die Risiken, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren, sind vor allem in geschlossenen Räumen hoch. Darauf verweisen Experten der Gesellschaft für Aerosolforschung (GAeF) in einem offenen Brief an die Bundesregierung [1]. Sie beziehen sich dabei sowohl auf den Arbeitsplatz als auch auf die häusliche Umgebung und auf Schulen.

 
Wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen wollen, müssen wir die Menschen sensibilisieren, dass DRINNEN die Gefahr lauert. Offener Brief der Aerosol-Experten
 

„Wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen wollen, müssen wir die Menschen sensibilisieren, dass DRINNEN die Gefahr lauert“, heißt es im Schreiben. Dann seien auch Masken und Abstandsregelungen sinnvoll. Derzeit würden jedoch „eher symbolische Maßnahmen wie die Maskenpflicht beim Joggen erlassen, die keinen nennenswerten Einfluss auf das Infektionsgeschehen erwarten lassen“, so die Autoren.

Bürger auf Grundlage wissenschaftlicher Fakten informieren

„Die Übertragung der SARS-CoV-2 Viren findet fast ausnahmslos in Innenräumen statt“, so die Aerosolforscher weiter. „Übertragungen im Freien sind äußerst selten und führen nie zu ‚Clusterinfektionen‘, wie das in Innenräumen zu beobachten ist.“ Aufgrund der laufenden Debatte hätten viele Bürger aber falsche Vorstellungen entwickelt.

Dazu tragen auch Berichte über regionale Maßnahmen bei: Es werden Treffen in Parks verboten, die Rhein- und Mainufer teilweise gesperrt oder Ausflugsorte abgeriegelt. „Auch die aktuell diskutierten Ausgangssperren müssen in diese Aufzählung irreführender Kommunikation aufgenommen werden“, konstatieren die Autoren. „Wir teilen das Ziel einer Reduzierung problematischer Kontakte in Innenräumen, aber die Ausgangssperren versprechen mehr, als sie halten können.“

Wichtig sei hingegen, Kontakte in geschlossenen Räumen zu verringern. Konkret werden neben Büros und Wohnungen auch Klassenzimmer oder Betreuungseinrichtungen genannt.

Ressourcen sinnvoll einsetzen

„Wir müssen uns deshalb um die Orte kümmern, wo die mit Abstand allermeisten Infektionen passieren – und nicht unsere begrenzten Ressourcen auf die wenigen Promille der Ansteckungen im Freien verschwenden“, so der Expertenrat. Konkret schlagen Aerosolforscher vor:

  • In geschlossenen Räumen sollten sich möglichst wenige Menschen treffen.

  • Die Aufenthaltsdauer in geschlossenen Räumen zusammen mit fremden Menschen ist zu minimieren.

  • Masken sind in Innenräumen unbedingt erforderlich – vor allem, wenn man sich mit weiteren Personen jenseits des eigenen Haushalts trifft.

  • Speziell in Wohnheimen, Schulen, Alten- und Pflegeheimen, Betreuungseinrichtungen, Büros und anderen Arbeitsplätzen helfen Filtersysteme als Ergänzung zu Masken, um das Infektionsrisiko weiter zu verringern.

  • In großen Hallen oder Sälen ist aufgrund des Luftvolumens das Ansteckungsrisiko geringer.

Etwas Physik

Dem offenen Brief haben die Aerosolexperten ihr umfangreiches Positionspapier beigefügt. Darin erklären sie beispielsweise, dass Tröpfchen eines Durchmessers von 200 µm und der Dichte von Wasser je nach Ausstoßgeschwindigkeit beim Niesen oder Husten unterschiedlich weit gelangen – zwischen 0,6 Meter (bei einer Geschwindigkeit von 5 m/s) und knapp 2 Meter (bei 15 m/s). Im Freien sind größere Abstände problemloser einzuhalten. Eine Höhe des Mundes von 1,70 m über dem Boden wird bei dem Modell angenommen. Und kleinere Partikel sedimentieren deutlich langsamer als größere. Doch selbst leichter Wind sorgt für deren Abtransport.

Um in geschlossenen Räumen gegensteuern, ist – neben Masken – vor allem regelmäßiges Lüften wichtig. Dabei macht man sich Verdünnungseffekte zu Nutze. Die Notwendigkeit, Fenster und Türen zu öffnen, lässt sich über einfache Kohlendioxid-Messgeräte bestimmen. Laut der Kommission Innenraumhygiene des deutschen Umweltbundesamts sollte man Konzentrationen unter 1.000 ppm erreichen. In normaler Außenluft sind es ca. 410 ppm.

 

Kommentar

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