SARS-CoV-2: Jeder 10. stimmt Verschwörungstheorien zu – die Folgen können aus infektiologischer Sicht fatal sein

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

9. April 2021

Taucht eine neue Bedrohung auf, kursieren früher oder später Verschwörungstheorien. Bestes Beispiel ist die SARS-CoV-2-Pandemie. Sarah Anne Kezia Kuhn von der Universität Basel und Kollegen haben untersucht, wie groß die Zustimmung zu Coronavirus-bezogenen Verschwörungsgeschichten in der deutschsprachigen Schweiz beziehungsweise Deutschland ist und welche psychologischen Faktoren damit zusammenhängen. An der anonymen Online-Umfrage im Juli 2020 nahmen über 1.600 Personen teil, davon 554 aus der Schweiz. Die Ergebnisse sind in Psychological Medicine erschienen [1].

Jeder 10. stimmt Verschwörungsaussagen stark zu

Bei der Befragung erfassten Kuhn und ihre Koautoren neben demographischen Angaben eine mögliche Zustimmung zu Aussagen in Zusammenhang mit Verschwörungen. Dabei ging es um die Pandemie selbst oder um die Kommunikation dazu. Außerdem wurden der aktuell empfundene Stress, Paranoia-ähnliche Erfahrungen sowie Denkverzerrungen erhoben. Zu letzteren zählen beispielsweise Tendenzen, systematisch auf Basis unzureichender Informationen Schlüsse zu ziehen oder Informationen, welche der eigenen Haltung widersprechen, weniger zu beachten.

Im Durchschnitt stimmten knapp 10% aller Befragten einer Verschwörungsaussage stark, weitere 20% wenig oder mäßig und ungefähr 70% gar nicht zu. Diese Verteilung war sowohl in der schweizerischen als auch der deutschen Gruppe festzustellen. Den größten Anklang fanden Aussagen, die nahelegten, dass das Virus von Menschen entwickelt worden sei oder dass offizielle Erklärungen zu der Ursache des Virus falsch seien.

Teilnehmer, die solchen Aussagen stärker zustimmten, waren im Durchschnitt jünger und gestresster. Sie berichteten über mehr Paranoia-ähnliche Erfahrungen, etwa „Fremde und Freunde schauen mich kritisch an“. Sie wiesen außerdem eine politisch extremere Haltung sowie ein geringeres Bildungsniveau auf. Die Zustimmungswerte unterschieden sich nicht zwischen den Geschlechtern.

Befragte aus der Schweiz stimmten einigen Aussagen geringfügig stärker zu als Teilnehmer aus Deutschland. Dabei ging es um biologische Aspekte und den Zweck von COVID-19-Impfstoffen, zum Beispiel „Big Pharma schuf das Coronavirus, um von Impfstoffen zu profitieren“. Die Unterschiede sind, obgleich statistisch bedeutsam, schwach ausgeprägt. Sie bestätigen jedoch die bekannte Tendenz, dass Impfungen in der Schweiz weniger akzeptiert werden als in anderen westeuropäischen Ländern wie Deutschland.

Vorsicht vor Pauschalisierungen

Kuhn und Kollegen berichten auch von Besonderheiten in Denkprozessen. Teilnehmer, die Verschwörungstheorien zum Coronavirus für plausibel hielten, trafen Schlussfolgerungen vorschneller und unter größerer Unsicherheit als Personen, die entsprechende Aussagen für weniger plausibel hielten. Informationen, die ihre Meinung widerlegten, schenkten sie kaum Beachtung.

 
Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass nicht jede Person, die einer Verschwörungstheorie zustimmt, automatisch auf ungünstige Art und Weise Informationen verarbeitet und dementsprechend entscheidet. Sarah Anne Kezia Kuhn
 

Außerdem sei der Zusammenhang zwischen Verschwörungsgeschichten und Denkverzerrungen möglicherweise nicht so linear wie oft angenommen, so die Forscher. In der Gruppe mit Teilnehmern, die Verschwörungsgeschichten stark befürworteten, gab es einige Personen, die weniger Denkverzerrungen hatten, als Probanden, die Verschwörungsgeschichten abgeneigt waren.

„Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass nicht jede Person, die einer Verschwörungstheorie zustimmt, automatisch auf ungünstige Art und Weise Informationen verarbeitet und dementsprechend entscheidet“, so Kuhn.

„Diese Befunde waren für uns überraschend, da in der psychologischen Forschung bisher eher davon ausgegangen wurde, dass Verschwörungstheorien mit Eigenschaften wie einem geringeren analytischen Denkvermögen oder vorschnellem Schlussfolgern einhergehen.“ Die Erstautorin ergänzt: „Dass bei manchen Personen genau das Gegenteil der Fall sein könnte, mahnt einerseits zur Vorsicht bei Pauschalisierungen über die Anhängerschaft von Verschwörungstheorien, andererseits birgt es aus Forschungsperspektive auch das Potenzial, in Zukunft die kognitiven Mechanismen von Verschwörungstheorien noch genauer zu untersuchen.“

Verschwörungstheorien bleiben nicht ohne Folgen

Das ist umso wichtiger, weil Gerüchte rund um die Pandemie das Gesundheitsverhalten erheblich beeinflussen. Man erinnere sich an die „Querdenken“-Demonstrationen im November 2020. Sie haben dazu beigetragen, dass sich SARS-CoV-2 verbreiten konnte. Ohne diese Massenveranstaltungen hätten viele Infektionen nicht stattgefunden, schlussfolgern Wissenschaftler des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, Mannheim, und der Humboldt-Universität, Berlin.

Einige Menschen halten die Bedrohung für geringer als von Wissenschaftlern und politisch Verantwortlichen behauptet; manche Menschen leugnen sogar die Existenz des Virus. In Frankreich und Deutschland werde der Anteil der „Leugner“ auf rund 10% geschätzt, schreiben Dr. Martin Lange und Dr. Ole Monscheuer.

Um herauszufinden, ob Überzeugungen der „Verschwörungstheoretiker“ und „Virus-Leugner“ und ihr Verhalten das Infektionsgeschehen beeinflussen, haben sie das Infektionsgeschehen speziell in den Landkreisen untersucht, aus denen tausende Demonstranten zu den „Querdenken“-Kundgebungen am 7. November 2020 in Leipzig und am 18. November 2020 in Berlin angereist sind. Informationen zu den Orten selbst kamen aus einem Netzwerk von Busunternehmen, das sich seit Sommer 2020 auf die Beförderung von Demonstranten zu „Querdenken“-Kundgebungen spezialisiert hatte. 

Nach Angaben der Forscher stieg die 7-Tages-Inzidenz nach den Kundgebungen in Landkreisen mit solchen Busverbindungen deutlich stärker an als in Regionen ohne Busverkehr zu den Demos. Bis Weihnachten sei die Sieben-Tage-Inzidenz in den betroffenen Landkreisen um den Faktor 40 gestiegen, heißt es im Report.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.

 

Kommentar

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