EMA: Grünes Licht für neue Lagerbedingungen des BioNTech-Vakzins und Einschätzung zu Antikörpern bei COVID-19

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

26. März 2021

Neues vom Ausschuss für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) [1]: Bei ihrer Sitzung Ende März haben sich die Experten für die Zulassung von neuen Medikamenten zur Therapie von Leukämien beziehungsweise Lymphomen, von multipler Sklerose und von Nebennierenhyperplasie ausgesprochen. Außerdem wurden bei 6 Pharmaka bestehende Indikationen erweitert. Eine Überprüfung von Regdanvimab bei COVID-19 hat ergeben, dass der Nutzen einen möglichen Schaden überwiegt. Und nicht zuletzt hat der Ausschuss Empfehlungen verabschiedet, um höhere Produktionskapazitäten für COVID-19-Vakzine zu schaffen. Die Details:

Neue Produktionsstätten und neue Lagerbedingungen für COVID-19-Impfstoffe

Für die Herstellung von Inhaltsstoffen des AstraZeneca-Vakzins hat die EMA eine weitere Produktionsstätte zugelassen. Der neue, 4. Standort Halix befindet sich in Leiden, Niederlande.

Ein neuer Standort wurde auch für die Herstellung von Comirnaty® (BioNTech/Pfizer) genehmigt. In der Anlage in Marburg werden sowohl Wirkstoff als auch das Endprodukt hergestellt. Derzeit gibt es schon 3 Produktionsstätten für die Wirkstoffe.

Außerdem hat der CHMP eine positive Stellungnahme abgegeben, um den Transport und die Lagerung von Durchstechflaschen dieses Impfstoffs bei Temperaturen zwischen -25 und -15°C für 1-2 Wochen zu ermöglichen. Das bedeutet, Temperaturen von Standard-Gefrierschränken reichen aus.

Bereits letzte Woche empfahl der CHMP, eine neue Produktionsstätte für die Herstellung von Wirkstoffen und Zwischenprodukten für den COVID-19-Impfstoff von Moderna zu genehmigen. Das Werk befindet sich am Standort Lonza in Visp, Schweiz. Hinzu kommen Änderungen der Herstellungsverfahren, um die Kapazitäten zu erhöhen.

Copiktra® (Duvelisib) bei chronischen lymphatischen Leukämien und Lymphomen

Der Ausschuss empfahl eine Genehmigung für das Inverkehrbringen von Copiktra® (Duvelisib) zur Behandlung von Erwachsenen mit rezidivierter oder refraktärer chronischer lymphatischer Leukämie (CLL) beziehungsweise mit refraktärem follikulärem Lymphom (FL).

Duvelisib hemmt bestimmte Phosphatidyl-Inositol-3-Kinasen. Diese Enzyme sind an der Proliferation und am Überleben maligner B-Zelllinien, primärer CLL-Tumorzellen sowie an immunologischen Pfaden in der Tumormikro-Umgebung maligner B-Zellen beteiligt. Studien zeigen, dass Copiktra® das progressionsfreie Überleben im Vergleich zu Ofatumumab bei CLL-Patienten, die 2 oder mehr Vorbehandlungen erhalten hatten, verlängert. Und bei Patienten mit FL, die 2 oder mehr Therapien erhalten hatten, spricht der Tumor eher wieder auf etablierte Wirkstoffe an.

Die häufigsten Nebenwirkungen sind Infektionen der Atemwege, Neutropenien, Anämien, Thrombozytopenien, Kopfschmerzen, Atemnot, Husten, verminderter Appetit, Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Verstopfung, Hautausschlag, Muskel-Skelett-Schmerzen, Gelenkschmerzen, Fieber, Müdigkeit und erhöhte Transaminase-Werte.

Ponvory® (Ponesimod) bei multipler Sklerose

Außerdem verabschiedete der CHMP eine positive Stellungnahme für Ponvory® (Ponesimod) zur Behandlung von aktiven rezidivierenden Formen der Multiplen Sklerose.

Bei Ponesimod handelt es sich um ein selektives Immunsuppressivum. Es bindet mit hoher Affinität an den Sphingosin-1-phosphat-Rezeptor auf Lymphozyten, blockiert die Fähigkeit der Lymphozyten, aus Lymphknoten auszutreten, und verringert die Anzahl der Lymphozyten im peripheren Blut.

Unter dem Wirkstoff haben Patienten weniger Rückfälle und weniger neue fokale entzündliche Läsionen im ZNS. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Infektionen der oberen Atemwege und der Harnwege, Atemnot und erhöhte Alanin-Transaminase-Spiegel.

Drovelis®/Lydisilka® (Estetrol und Drospirenon) zur Empfängnisverhütung

Als orale Kontrazeptiva erhielten Drovelis® und sein Duplikat Lydisilka®, beide mit Estetrol und Drospirenon, vom Ausschuss grünes Licht.

Bei Estetrol handelt es sich um ein neues, synthetisches Östrogen, das beim Menschen während der Schwangerschaft nur von der Leber des menschlichen Fötus produziert wird und über die Plazenta in den mütterlichen Kreislauf gelangt. Das Molekül unterdrückt die Follikel-stimulierende Hormonaktivität. Drospirenon ist ein bekanntes Gestagen, das die Aktivität des luteinisierenden Hormons unterdrückt. Diese Maßnahmen führen zu einer empfängnisverhütenden Wirkung.

Als häufigste Nebenwirkung nennt der CHMP Blutungen außerhalb des normalen Menstruationszyklus, Kopfschmerzen, Akne, Vaginalblutung und Dysmenorrhoe.

Efmody® (Hydrocortison) bei Nebennieren-Hyperplasie

Der CHMP empfahl auch eine Zulassung von Efmody® (Hydrocortison) zur Behandlung der angeborenen Nebennieren-Hyperplasie bei Patienten ab 12 Jahren. Es handelt sich um ein Hybrid-Arzneimittel. Das bedeutet, Prüfungen der EMA basieren zum Teil auf Ergebnissen vorklinischer Tests und klinischer Studien eines bereits zugelassenen Referenzprodukts und zum Teil auf neuen Daten.

Efmody® wurde als Formulierung mit modifizierter Freisetzung entwickelt, um das physiologische 24-Stunden-Profil von Kortisol nachzuahmen. Im Vergleich zur Standardtherapie mit einem Glukokortikoid verringert Efmody® den Peak von 17-Hydroxyprogesteron, einem Steroidvorläufer, am frühen Morgen. Unter der Therapie kann es zu Nebenniereninsuffizienz (einschließlich akuter Ereignisse), zu Müdigkeit, Kopfschmerzen, gesteigertem Appetit, Schwindel und Gewichtszunahme kommen.

Erweiterung bestehender Indikation

Grünes Licht gab es für Erweiterungen der Indikation bei Benlysta® (Belimumab; bei systemischem Lupus erythematodes), Kaftrio® (Ivacaftor, Tezacaftor und Elexacaftor; bei Mukoviszidose), Kalydeco® (Ivacaftor; bei Mukoviszidose), Saxenda® (Liraglutid; bei Typ-2-Diabetes), Tecentriq® (Atezolizumab; bei verschiedenen Krebserkrankungen) und Xtandi® (Enzalutamid; bei metastasiertem, kastrationsresistentem Prostatakarzinom).

Überprüfung von Regdanvimab bei COVID-19

Außerdem befassten sich die Arzneimittel-Experten mit Regdanvimab. Der Antikörper wurde entwickelt, um an das Spike-Protein von SARS-CoV-2 zu binden und um zu verhindern, dass Zellen des menschlichen Körpers infiziert werden. Er hat keine Zulassung in der EU, kann von Ärzten aus Mitgliedsstaaten aber auf Grundlage nationaler Regelungen verabreicht werden.  

Daten kamen aus einer laufenden Studie, in die erwachsene ambulante COVID-19-Patienten eingeschlossen wurden. Sie hatten leichte bis mittelschwere Symptome, benötigten aber keinen zusätzlichen Sauerstoff. „Die Ergebnisse des 1. Teils der Studie deuten darauf hin, dass Regdanvimab die Rate stationärer Behandlungen senken kann“ schreibt die EMA und relativiert: Diese seien aber „nicht robust genug, um zu diesem Zeitpunkt eine eindeutige Schlussfolgerung über die Vorteile des Arzneimittels zu ziehen“. Es seien bei der Gabe nur leichte bis mäßig starke Nebenwirkungen aufgetreten. Reaktionen im Zusammenhang mit der Infusion könnten nicht ausgeschlossen werden

Trotz der Unsicherheiten kam der CHMP zu dem Schluss, dass Regdanvimab eine Behandlungsoption für Patienten mit hohem Risiko für schweres COVID-19 sein kann.

 

Kommentar

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