Warum COVID-19 Kinder aus sozial schwachen Familien besonders hart trifft – und welche Forderungen Wissenschaftler haben

Christian Beneker

Interessenkonflikte

26. März 2021

Deutschlandweit leben rund 2,7 Millionen Kinder und Jugendliche in Familien mit Einkommen unter der Armutsgrenze. Dass Armut die Gesundheit Heranwachsender verschlechtert, ist spätestens seit der KiGGS-Studie („Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“) von 2019 klar. Sie haben öfter Gesundheitsprobleme als Gleichaltrige aus mittleren oder höheren Einkommensgruppe.

Die zweite COPSY-Studie vom Februar 2021 belegt, dass die psychische Gesundheit von Kindern aus sozial benachteiligten Familien stärker unter der Corona-Krise leidet als bei Kindern aus wohlhabenderen Schichten. Nun zeigt eine weitere Untersuchung, wie sehr arme und sozial Benachteiligte während der SARS-CoV-2-Pandemie vom Radar der Politik und der Forschung verschwinden.

Diese am härtesten betroffenen Gruppen erhielten in der Krise zu wenig Aufmerksamkeit, schreiben Gerda Holz vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, Frankfurt am Main, und Dr. Antje Richter-Kornweitz von der Landesvereinigung für Gesundheit und der Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen, Hannover [1].

Sie haben über 60 Artikel und Studien ausgewertet und sind zu dem Schluss gekommen: „Die bisherige Bewältigung der Corona-Krise für junge Menschen ist ein Prozess mit einigen Erfolgen (z. B. im Infektions- und Gesundheitsschutz), aber noch keine Erfolgsgeschichte“. Denn Gruppen, die am härtesten getroffen würden, seien kaum bedacht worden. Laut Streitschrift habe ihnen während des Lockdowns mit Kita- und Schulschließungen der Zugang zu kostenlosem Mittagessen, zu Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, zu Computern und zum Internet gefehlt.

 
Die bisherige Bewältigung der Corona-Krise für junge Menschen ist ein Prozess mit einigen Erfolgen …, aber noch keine Erfolgsgeschichte. Gerda Holz und Dr. Antje Richter-Kornweitz
 

Arme Kinder und Jugendliche – die gesellschaftlichen Verlierer der Pandemie

Drei Punkte zählen Holz und Richter-Kornweitz auf, um das Problem darzustellen:

Finanzielle Soforthilfen seien nicht ausreichend bei armen und sozial benachteiligten Kindern und ihren Familien angekommen. „Sie haben gerade mal den Kinderbonus in Höhe von 150 Euro erhalten – aber dabei blieb es“, sagt Holz zu Medscape. Diese Familien hätten eigens betrachtet werden müssen, um sie effektiv mit Geld zu unterstützen. „Armut ist eben vor allem Geldmangel, und das hätte bedeutet: mehr Soforthilfen für die betroffenen Familien“, so Holz. „Wovon soll man schließlich das verteuerte Toilettenpapier bezahlen?“ Zwar habe es Kurzarbeitergeld gegeben und Unterstützung, um Beruf und Familie zu vereinbaren. Aber hier erhielten eben nur Familien mit erwerbstätigen Eltern Geld. Arme habe man per se nicht berücksichtigt. Und deshalb hätten sie die Unterstützung auch nicht im Portemonnaie gespürt. 

 
Armut ist eben vor allem Geldmangel, und das hätte bedeutet: mehr Soforthilfen für die betroffenen Familien. Gerda Holz
 

Hinzu kommt: Corona-Hilfen seien vor allem aus der Perspektive der Erwachsenen gewährt worden, so Holz. „Die Perspektive der Kinder wurde nicht eigens berücksichtigt.“ Der Blick der Erwachsenen habe sich auf die Ladenöffnungszeiten gerichtet, auf die Erwerbstätigen. Aber die Sichtweise der Kinder sei „nicht Bestandteil der politischen Anstrengungen“ gewesen, heißt es in der Streitschrift. Kinder und Jugendliche seien aber keine kleinen Erwachsenen. Dass sie ihre Kita oder ihre Schule für soziale Kontakte bräuchten, sei erst in der COPSY-Studie deutlich geworden. 

 
Die Perspektive der Kinder wurde nicht eigens berücksichtigt. Gerda Holz
 

Die Infrastruktur für Kinder sei im politischen Diskurs viel zu spät als systemrelevant erkennt worden, kritisieren die Autorinnen. Beispielsweise gebe es in Deutschland mehr als 56.700 Tageseinrichtungen für Kinder, Stand 2019. Ab Mitte März 2020 kam fast der gesamte Kita-Betrieb zum Erliegen. Bis Mitte Juni waren rund 70% aller Kinder, verglichen mit Zeiten vor Corona, wieder vor Ort. „Unbekannt und daher beunruhigend“ sei es aber bis heute, dass man nicht wisse, welche sozialen Gruppen ihre Kinder wieder in die KiTa schickten und welche nicht.

Nicht nur in der angespannten Situation geraten Arme und Benachteiligte aus dem Blick. Auch in der Sozialforschung seien die von Armut Betroffenen „empirisch unterbelichtet“, sagt Holz. „Denn sie gehören nicht zu denen, die gefragt werden oder die sich zu Wort melden.“ Studien weisen in der Regel einen sogenannten „Mittelstands-Bias“ auf: Angehörige untere Schichten sind nicht zu dem Maße repräsentiert, wie es ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entspricht.

Forschen für mehr Gerechtigkeit

Die beiden Forscherinnen haben in ihrer Streitschrift keine Forderungen erhoben, aber sie haben viele Fragen gestellt. Warum werden Perspektiven von Kindern nicht in den entscheidenden Gremien vertreten? Warum gab und gibt es in der Krise kein Bargeld für arme Menschen? Wie lange soll die Unterfinanzierung von Kitas, Schulen und Kinder- und Jugendhilfen noch akzeptiert werden? Wann gibt es gezielte, wirksame Angebote für Schüler, über die ein Lernrückstand aufgeholt werden kann? Was macht es so schwer, professionell und präventionsorientiert auf Armut zu reagieren?

„Die Corona-Pandemie bedeutet einen Wendepunkt für jeden Bereich unserer Gesellschaft – lokal, regional und global“, schließt die Streitschrift. „Sie bietet die Chance, schon länger andauernde Probleme zu lösen oder sie zu verschärfen. Wie machen wir es?“

„Ich würde mir wünschen, dass Bund und Länder das Geld zur Verfügung stellen, dass die Forschungsarbeit explizit auch für von Armut und sozialer Benachteiligung Betroffene getan werden kann“, sagt Holz. 

 
Ich würde mir wünschen, dass Bund und Länder das Geld zur Verfügung stellen, dass die Forschungsarbeit explizit auch für von Armut und sozialer Benachteiligung Betroffene getan werden kann. Gerda Holz
 

 

Kommentar

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