Auch bei COVID-19-Stress: Negative Situationen neu bewerten – das gelingt mit Erinnerungen an erfolgreiche Momente

Dr. Thomas Kron

Interessenkonflikte

25. März 2021

Erinnerungen an persönliche Herausforderungen, die man selbst erfolgreich bewältigt hat, helfen bei der Verarbeitung schlechter Erfahrungen. Diesen Befund bestätigen Dr. Christina Paersch von der Universität Zürich und Kollegen [1].

Ein Erinnerungstraining an die eigene Selbstwirksamkeit könnte während der Corona-Pandemie nützlich sein. Von resilienzfördernden Interventionen können auch Ärzte sowie Pflege- und Rettungskräfte profitieren, deren psychische Belastung generell – nicht nur in der aktuellen COVID-19-Pandemie – hoch ist.

Resilienz gegen Kontrollverlust in Pandemie-Zeiten

Derzeit erleben viele Menschen Auswirkungen der Corona-Pandemie als seelische Herausforderung. Nicht alle können mit der Unplanbarkeit der Ereignisse und dem einhergehenden Kontrollverlust gleich gut umgehen. Eine große Bedeutung hat dabei die so genannte Resilienz, also die Widerstandsfähigkeit bei psychischen Belastungen.

Aus der Forschung weiß man, dass in Zeiten von Stress und potenziell traumatischen Ereignissen ein Großteil der Menschen resilient ist, während manche Personen stressabhängige Erkrankungen entwickeln.

Fünf spezifische Resilienz-Komponenten

Wissenschaftler berichten von 5 spezifischen Komponenten der Resilienz, die vor psychischen Gesundheitsbelastungen schützen können: 

  • Anpassungsfähigkeit gilt als die Eigenschaft, um Veränderungen der Arbeitsbedingungen akzeptieren zu können und die professionelle Arbeit mit hoher Leistungsstärke fortzusetzen. 

  • Selbstkontrolle gilt als Fähigkeit, Urteile und Entscheidungen von eigenen Emotionen oder Wünschen unbeeinflusst zu lassen. 

  • Mit Durchhaltevermögen können Menschen Schwierigkeiten bewältigen. Dazu gehört der Wille, hart zu arbeiten und zusätzliche Anstrengungen in Kauf zu nehmen, sofern diese notwendig sind.

  • Optimismus gilt als individuelle Interpretation von verschiedenen Ereignissen und als Wahrscheinlichkeit, diese positiv zu bewerten.

  • Menschen mit Selbstwirksamkeit sind überzeugt, auch schwierige Situationen und Herausforderungen aus eigener Kraft erfolgreich bewältigen zu können.

Paersch hat gemeinsam mit Kollegen aus der Schweiz und aus New York untersucht, wie sich die psychische Widerstandskraft in negativen Situationen stärken lässt.

Wichtig: Der Glaube an sich selbst und an die eigenen Fähigkeiten

„Ein zentrales Element der Resilienz ist die Selbstwirksamkeit – also der Glaube, dass wir Dinge wenigstens im Kleinen beeinflussen können, auch wenn manches unveränderbar ist“, erklärt Prof. Dr. Birgit Kleim. Sie forscht ebenfalls an der Universität Zürich. Selbstwirksame Personen hätten keine Zweifel, auch schwierige Situationen und Herausforderungen aus eigener Kraft erfolgreich bewältigen zu können – unabhängig davon, ob man in der Lage dazu sei oder nicht.

 
Ein zentrales Element der Resilienz ist die Selbstwirksamkeit – also der Glaube, dass wir Dinge wenigstens im Kleinen beeinflussen können … Prof. Dr. Birgit Kleim
 

„Ohne diese Überzeugung an die eigenen Fähigkeiten würde man Herausforderungen gar nicht annehmen“, so die Psychologin. Selbstwirksame Menschen zeigten höhere Problemlösungsfähigkeit, mehr Durchhaltevermögen sowie veränderte Gehirnaktivierungen in Regionen, die mit der Regulation von Emotionen in Verbindung stehen.

Erinnerung an Erfolge oder an schöne Naturerlebnisse

Wie kann also die Selbstwirksamkeit gefördert werden, um diese positiven Effekte in Zeiten von Corona zu nutzen? In ihrer Studie untersuchten die Forscher 75 Personen, die unter negativen emotionalen Erinnerungen litten. Bevor sie diese Revue passieren ließen, sollten sich einige Probanden besonders schöne Naturerlebnisse oder freudvolle Begegnungen vorstellen.

Andere sollten Situationen rekapitulieren, bei denen sie sich in hohem Maße als selbstwirksam wahrgenommen hatten: zum Beispiel ein erfolgreiches Gespräch, das Bestehen einer schwierigen Prüfung oder das gelingende Vortragen eines Referats. Oftmals reichte bereits ein Training, um positive Effekte zu erzielen.

Selbstwirksamkeit als Strategie gegen negative Situationen

„Die Erinnerung an eine spezifische Episode von Selbstwirksamkeit hatte sehr viel mehr Effekte als die Erinnerung an ein positives Ereignis“, fasst Birgit Kleim ihre Studienergebnisse zusammen. Personen, die sich eine Selbstwirksamkeitserinnerung lebhaft vorgestellt hatten, fiel es leichter, eine negative Situation neu zu bewerten und aus einer anderen Perspektive zu sehen. Sie nahmen störende Motive der Vergangenheit als weniger belastend wahr im Vergleich zu Teilnehmern, die sich eine positive Erinnerung ohne Selbstwirksamkeit vorgestellt hatten.

 
Die Erinnerung an eine spezifische Episode von Selbstwirksamkeit hatte sehr viel mehr Effekte als die Erinnerung an ein positives Ereignis. Prof. Dr. Birgit Kleim
 

„Unsere Studienergebnisse zeigen auf, wie die Vorstellung von autobiographischen Erlebnissen mit eigener Selbstwirksamkeit im Alltag und auch in der klinischen Therapie genutzt werden kann, um die persönliche Resilienz zu stärken“, schreiben Kleim und Paersch im Artikel. In Krisensituationen könnten Erinnerungen an erfolgreich durchlebte schwierige Situationen gezielt eingesetzt werden. Auch im Kontext der COVID-19-Pandemie kann dies ein Schutzschild gegen die negativen Effekte der Pandemie darstellen.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.

 

Kommentar

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