Sinusthrombosen nach AstraZeneca-Impfung: Greifswalder Forscher entdecken Analogie zu Heparin-induzierter Thrombozytopenie

Andrea Hertlein

Interessenkonflikte

23. März 2021

Die Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung (GTH) hat nach der am vergangenen Donnerstag durch die EMA verkündeten Risikoeinschätzung zur AstraZeneca-Vakzine gegen SARS-CoV-2 ihre Stellungnahme zur Fortsetzung der Impfungen aktualisiert. Die Empfehlungen basieren auf den Ergebnissen von Forschenden unter Führung der Greifswalder Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Andreas Greinacher zur Entschlüsselung eines wichtigen Pathomechanismus für die seltenen Sinusvenenthrombosen, die in zeitlichem Zusammenhang mit der AstraZeneca-Impfung aufgetreten sind.

HIT Mimicry“

Durch die Impfung komme es wahrscheinlich im Rahmen der inflammatorischen Reaktion und Immunstimulation zu einer Antikörperbildung gegen Plättchen-Antigene, heißt es in der Stellungnahme. Diese Antikörper induzierten dann abhängig oder unabhängig von Heparin über den Fc-Rezeptor eine massive Thrombozyten-Aktivierung in Analogie zur Heparin-induzierten Thrombozytopenie (HIT).

Dieser Mechanismus, „HIT Mimicry“ genannt, habe bei 4 Patienten mit einer Sinus-/Hirnvenenthrombose nach Impfung mit der AstraZeneca-COVID-19-Vakzine im Labor von Greinacher in Kooperation mit anderen GTH-Mitgliedern nachgewiesen werden können.

Wie bei der klassischen HIT treten laut GTH diese Antikörper 4 bis 16 Tage nach der Impfung auf. Dieser Pathomechanismus schließe jedoch nicht aus, dass den Sinus- /Hirnvenenthrombosen nach Impfung mit der AstraZeneca-COVID-19-Vakzine auch andere Ursachen zugrunde liegen, betonen die Wissenschaftler. 

Aufgrund der immunologischen Genese der Sinus- /Hirnvenenthrombosen haben Patienten mit einer positiven Thrombose-Anamnese und/oder einer bekannten Thrombophilie nach Impfung mit der AstraZeneca-Vakzine kein erhöhtes Risiko, diese spezifische und sehr seltene Komplikation zu erleiden, heißt es weiter in der Stellungnahme.

Was tun bei länger anhaltenden Kopfschmerzen nach Impfung?

Bei Nebenwirkungen, die mehr als 3 Tage nach erfolgter Impfung anhalten oder neu auftreten (z.B. Schwindel, Kopfschmerzen, Sehstörungen), sollte eine weitere ärztliche Diagnostik zur Abklärung einer zerebralen Thrombose erfolgen, erläutert die Fachgesellschaft. Dazu gehören laut GTH insbesondere ein Blutbild mit Bestimmung der Thrombozytenzahl, Blutausstrich, D-Dimere und eventuell eine weiterführende bildgebende Diagnostik, etwa mittels cMRT.

Wird tatsächlich eine Thrombozytopenie und/oder eine Thrombose nachgewiesen, empfiehlt die GTH, unabhängig von einer vorherigen Heparin-Exposition eine Testung auf Heparin-induzierte Thrombozytopenie (HIT). Diese basiert auf dem immunologischen Nachweis von Antikörpern gegen den Komplex aus Plättchenfaktor 4 (PF4) und Heparin. Bis zum Ausschluss einer (autoimmunen) HIT sollte, „sofern klinische Situation, Verfügbarkeit und Erfahrung es zulassen, auf eine Antikoagulation mit Heparinen verzichtet und auf alternative, HIT-kompatible Präparate ausgewichen werden“, so die Fachgesellschaft.

Gabe von hochdosierten intravenösen Immunglobulinen

Bei Patienten, bei denen eine autoimmune HIT und kritische Thrombosen wie eine Sinus-/Hirnvenenthrombose sicher diagnostiziert wurden, könne der prothrombotische Pathomechanismus sehr wahrscheinlich durch die Gabe von hochdosierten intravenösen Immunglobulinen (IVIG, z.B. 1 g/kg Körpergewicht pro Tag an 2 aufeinanderfolgenden Tagen) unterbrochen werden, so die GTH.

 
Die positiven Effekte einer Impfung mit der AstraZeneca-COVID-19-Vakzine überwiegen die negativen Auswirkungen. Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung
 

Allerdings müssen laut Fachgesellschaft immer alternative Ursachen der Thrombozytopenie und/oder Thrombose bedacht und entsprechend weiter abgeklärt werden. Hierzu zählen etwa thrombotische Mikroangiopathie (iTTP, aHUS), Antiphospholipid-Syndrom, paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie und maligne (hämatologische) Grunderkrankungen.

Trotzdem, das Fazit der Fachgesellschaft lautet: „Die positiven Effekte einer Impfung mit der AstraZeneca-COVID-19-Vakzine überwiegen die negativen Auswirkungen, sodass die Wiederaufnahme der Impfungen in Deutschland mit diesem Vakzin zu begrüßen ist.“ Denn nach aktuellem Kenntnisstand fänden sich keine Hinweise dafür, dass Thrombosen an typischer Lokalisation (Beinvenen-Thrombose, Lungenembolie) nach Impfung mit der AstraZeneca-COVID-19-Vakzine häufiger seien als in der altersentsprechenden Normalbevölkerung.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Univadis.de.

 

Kommentar

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