EMA zum AstraZeneca-Vakzin: Vorteile überwiegen mögliche Risiken, Impfungen werden fortgesetzt – was deutsche Ärzte dazu sagen

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

19. März 2021

Der Ausschuss für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) hat bei seiner außerordentlichen Sitzung am 18. März 2021 Ergebnisse seiner vorläufigen Überprüfung von Sicherheitssignalen des COVID-19-Impfstoffs von AstraZeneca vorgestellt [1]. Auslöser waren Berichte über thromboembolische Ereignisse aus mehreren EU-Mitgliedsstaaten.

„Das Komitee ist zu einer klaren, wissenschaftlichen Schlussfolgerung gekommen“, sagte Emer Cooke, EMA Executive Director, bei einem virtuellen Press Briefing. Beim AstraZeneca-Impfstoff handele es sich um „ein sicheres und wirksames Vakzin“, das Patienten vor COVID-19-Risiken wie der Hospitalisierung oder dem Tod schütze. „Das Komitee kam ebenfalls zu dem Schluss, dass das Vakzin nicht mit einem insgesamt erhöhten Risiko thromboembolischer Ereignisse assoziiert ist“, ergänzt Cooke.

Während der Untersuchung habe man „eine kleine Zahl schwerwiegender Ereignisse“ gesehen. Nach der Auswertung aller Daten könne eine Verbindung zu den Impfungen nicht ausgeschlossen werden. „Wichtig ist jetzt, Ärzte und Patienten über mögliche Risiken zu informieren“, so die EMA-Direktorin.

Hinweise auf ein Problem in Zusammenhang mit bestimmten Chargen des Impfstoffs oder bestimmten Produktionsstätten fanden EMA-Experten nicht.

Gesamtrisiko für Blutgerinnsel nicht erhöht

Der PRAC bezog Experten für Bluterkrankungen in seine Überprüfung ein und arbeitete eng mit anderen Gesundheitsbehörden zusammen. Dazu zählte u.a. die britische Medicines and Healthcare products Regulatory Agency; sie konnte Erfahrungen bei der Verabreichung dieses Impfstoffs an rund 11 Millionen Menschen sammeln.

Insgesamt war die Zahl thromboembolischer Ereignisse sowohl in Studien vor der Zulassung als auch in Impfkampagnen geringer als in der Allgemeinbevölkerung statistisch zu erwarten wäre. „Bei jüngeren Patienten bestehen jedoch noch einige Bedenken, insbesondere in Bezug auf diese seltenen Fälle“, schreibt die EMA. Sie hatte Berichte zu 9 Todesfällen vorliegen, meistens bei Menschen unter 55 Jahren und häufiger bei Frauen als bei Männern.

„Da diese Ereignisse selten sind und COVID-19 selbst bei Patienten häufig Blutgerinnungsstörungen verursacht, ist es schwierig, eine Hintergrundrate für solche Ereignisse bei Personen abzuschätzen, die den Impfstoff nicht erhalten haben“, heißt es in der Meldung.

Basierend auf Zahlen vor der Pandemie schätzt der Ausschuss, dass bis 16. März insgesamt weniger als 1 disseminierte intravasale Koagulopathie (DIC) bei Personen unter 50 Jahren innerhalb von 14 Tagen nach Erhalt des Impfstoffs zu erwarten gewesen wäre, während 5 Fälle gemeldet worden waren. In ähnlicher Weise hätte man in dieser Altersgruppe durchschnittlich 1,35 Sinusthrombosen (zerebrale Sinus- und Venenthrombosen, CVST) erwartet, während zum gleichen Stichtag 12 Berichte vorlagen – ebenfalls im Zeitfenster von maximal 14 Tagen nach der Impfung.  „Ein ursächlicher Zusammenhang mit dem Impfstoff ist nicht nachgewiesen, aber möglich und verdient eine weitere Analyse“, so das PRAC.

Der Ausschuss war der Ansicht, dass die nachgewiesene Wirksamkeit des Impfstoffs bei der Verhinderung von Krankenhausaufenthalten und Tod durch COVID-19 die äußerst geringe Wahrscheinlichkeit der Entwicklung von DIC oder CVST überwiegt.

Geplant sind zusätzliche Überprüfung dieser Risiken, auch bei anderen COVID-19-Impfstoffen, obwohl es bisher keinerlei Signale gab.

Das sollten Ärzte wissen

Wie geht es weiter? Der PRAC weist darauf hin, dass das Nutzen-Risiko-Verhältnis des Impfstoffs weiterhin positiv ist und insgesamt kein Zusammenhang mit thromboembolischen Erkrankungen besteht. Es bleibt bei der Empfehlung, mit dem Vakzin zu impfen.

Allerdings werden Beipackzettel mit Informationen zu DIC- und CVST-Risiken ergänzt. Ärzte sollten Patienten über mögliche Risiken aufklären. Wer nach einer Impfung an Atemlosigkeit, an Schmerzen in der Brust oder im Magen, an Schwellungen oder an einem Kältegefühl in den Extremitäten, an starke oder sich verschlimmernde Kopfschmerzen oder Sehstörungen, an Blutungen oder an Blutergüssen leidet, sollte unbedingt medizinische Hilfe in Anspruch nehmen und auf das Vakzin von AstraZeneca hinweisen.

So bewerten deutsche Experten die EMA-Entscheidung

„Das Sicherheitskomitee der EMA … hat weitgehend Entwarnung gegeben: Der COVID-19-Impfstoff AZD1222 der Firma AstraZeneca ist sicher und führt in der Summe zu keinen erhöhten thromboembolischen Ereignissen bei Geimpften“, sagt Prof. Dr. Clemens Wendtner gegenüber dem Science Media Center Germany. Er ist Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin sowie Leiter der dortigen Spezialeinheit für hochansteckende lebensbedrohliche Infektionen, München Klinik Schwabing. Wendtner: „Jedoch muss gesagt werden, dass insbesondere Frauen jünger als 55 Jahre ein leicht erhöhtes Risiko für die beiden genannten thromboembolischen Kategorien DIC und CVST aufweisen.“

Dieser Umstand könne aber auch in der präferierten Vakzinierung dieser Personengruppe begründet liegen, da im Gesundheitssektor viele jüngere Frauen tätig seien. Auch in Deutschland hätten entsprechend der Empfehlung der STIKO Menschen unter 65 Jahren oft AZD1222 erhalten.

„Inwieweit weitere prädisponierende Faktoren wie die Einnahme von Kontrazeptiva oder Nikotinabusus eine Rolle spielen, bleibt spekulativ“, so der Experte. Sein Fazit: „Durch das Votum der EMA besteht nun Klarheit über die Sicherheit dieses Impfstoffes, der nach diesem Sicherheitsstopp nunmehr mit hohem Tempo verimpft werden sollte.“

Auch Prof. Dr. Johannes Oldenburg, Direktor des Instituts für Experimentelle Hämatologie und Transfusionsmedizin (IHT), Universitätsklinikum Bonn, und Vorstandvorsitzender der Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung (GTH), kommentiert die Stellungnahme. „Die EMA hat sich diplomatisch ausgedrückt. Sie hält einen Zusammenhang von seltenen Thrombosen wie der Sinusthrombose nicht für ausgeschlossen, gleichzeitig sagt sie, dass das vor dem Hintergrund der Vielzahl der Geimpften noch kein eindeutiges Signal ist“, so Oldenburg.

Es gebe „eindeutige Hinweise dafür, dass die Sinusthrombose eine immunologisch verursachte Thrombose ist, die mit einer Thrombozytopenie einhergeht“, berichtet der Experte. „Sollten 4 Tage oder später nach der Impfung mit dem AstraZeneca-Impfstoff Kopfschmerzen bei Geimpften auftreten, sollte im Blutbild überprüft werden, ob ein Mangel an Blutplättchen besteht, also eine Thrombozytopenie vorliegt.“

In diesem Fall rät er, einen Screeningtest auf PF4/Heparin-Antikörper durchzuführen. Bei positivem Ergebnis könne, so Oldenburg weiter, der prothrombotische Pathomechanismus wahrscheinlich durch die Gabe von hochdosierten intravenösen Immunglobulinen (IVIG), 1 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag, an 2 aufeinanderfolgenden Tagen, unterbrochen werden. Wichtig sei auch die Untersuchung auf D-Dimere und eine bildgebende Diagnostik zur Diagnose von Thrombosen.

Die Universtiätsmedizin Greifswald veröffentlichte auf ihrer Homepage nun eine Ankündigung, dass von einem Forscherteam um den Transfusionsmediziner Prof. Dr. Andreas Greinacher die „Komplikationen nach der Impfung mit dem AstraZeneca Impfstoff erforscht sind und eine Therapie entwickelt wurde". 

Weiter erklärt die Uni in dem sehr kurzen Statement ohne weitere Details: „Der Abwehrstoff, der sich in seltenen Fällen nach der Impfung bildet, aktiviert die Blutplättchen. Diese agieren dann wie bei einer Wundheilung und lösen Thrombosen im Gehirn aus. Der Greifswalder Wissenschaftler hat Blutproben von Betroffenen untersucht und gemeinsam mit europäischen Wissenschaftlern und dem Paul-Ehrlich-Institut eine Therapie entwickelt. Da diese Ergebnisse bereits, breit gestreut, an Kliniken übermittelt wurden, kann weiter mit AstraZeneca geimpft werden. Betroffene Menschen können direkt therapiert werden."

Betroffenen könne nun ein Wirkstoff verabreicht werden, der gegen die Thrombose hilft, hieß es dazu als Ergänzung in einer Meldung des NDR. Vorsorglich könne das Mittel gegen die Thrombosen allerdings nicht verabreicht werden. Eine Behandlung mit dem Wirkstoff sei nur nach der Bildung eines Blutgerinnsels möglich. Angeblich wurden die Daten nun zum Peereview bei Lancet eingereicht. 

Deutschland setzt Impfungen mit dem AstraZeneca-Vakzin fort

Nach der EMA-Entscheidung informierte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) über das weitere Vorgehen. „Die Entscheidung der EMA bestätigt die Sicherheit und die Qualität des Impfstoffs von AsztaZeneca“, so Spahn. „Die Entscheidung bestätigt aber auch die Einschätzung des Paul Ehrlich-Instituts zu seltenen, aber schwerwiegenden Ereignissen.“

Es sei richtig gewesen, Impfungen mit dem Vakzin vorsorglich auszusetzen. Bei staatlichen Impfkanpagnen gebe es gegenüber Impfwilligen auch eine besondere Sorgfaltspflicht. Man habe parallel mit der EMA-Entscheidung begonnen, ein Merkblatt für Patienten anzupassen. Als Ziel nennt Spahn, bereits am 19. März wieder mit dem AstraZeneca-Vakzin zu impfen.

 

Kommentar

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