Von britischen Fehlern lernen – warum UK-Epidemiologen vor Schulöffnungen ohne solide Begleitmaßnahmen warnen

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

17. März 2021

Seit Tagen steigt die Zahl der Neuinfektionen mit SARS-CoV-2, gleichzeitig öffnen mehr und mehr Schulen und Kitas. Dabei liegt der Anteil der ansteckenderen britischen Virusvariante B.1.1.7 inzwischen (Stand 10. März) bei ca. 68%. Prof. Dr. Thorsten Lehr, der mit seiner Arbeitsgruppe den COVID-Simulator entwickelt hat, geht bis Anfang April von einer deutschlandweiten Verbreitung der B.1.1.7-Variante von 90% aus.

 
Mehr und mehr entwickeln sich Kitas und Schulen zu Schwerpunkten des Infektionsgeschehens. Dr. Heike Christiansen
 

Schnelltests unter Lehrern und Schülern sollen für mehr Sicherheit sorgen – so hatte es der Bund-Länder-Gipfel am 3. März beschlossen. Doch wie die Tests konkret ablaufen sollen, scheint noch immer weitgehend unklar zu sein. Bis Anfang April soll die Teststrategie zwar schrittweise umgesetzt werden, geöffnet wurden einige Schulen aber schon mal.

Das bleibt nicht folgenlos: Wie News4Teachers berichtet, explodieren in Sachsen-Anhalt, dem ersten Bundesland, das Kitas und Schulen weitgehend geöffnet hat, die Zahlen. „Wir haben es hier gehäuft mit der mutierten britischen Variante des Virus zu tun. Auch Kinder und Jugendliche verbreiten das Virus, denn mehr und mehr entwickeln sich Kitas und Schulen zu Schwerpunkten des Infektionsgeschehens“, sagt Amtsärztin Dr. Heike Christiansen, die Leiterin des Gesundheitsamtes des Harzkreises. Im Landkreis Harz hat sich der Inzidenzwert innerhalb einer Woche fast verdoppelt: Am 14. März lag er bei 116,7, eine Woche zuvor noch bei 59,1.

Schulöffnungen ohne ausreichende Schutzmaßnahmen

„Die Schulen sollten zu bleiben, bis die Testung der Schüler möglich ist“, schrieb SPD-Gesundheitsexperte Prof. Dr. Karl Lauterbach am vergangenen Wochenende in einem Facebook-Post. Keinen Spielraum für Lockerungen sieht auch Prof. Dr. Michael Hallek, Direktor des Centrums für Integrierte Onkologie Köln Bonn, der twitterte: „Kein guter Zeitpunkt für weitere Öffnungen ohne funktionierende Absicherung (durch Teststrategien usw.). Wichtig wären abgesicherte Öffnungsstrategien.“

 
Die Schulen sollten zu bleiben, bis die Testung der Schüler möglich ist. Prof. Dr. Karl Lauterbach
 

Wie wichtig abgesicherte Öffnungsstrategien sind, zeigt eine jetzt im Lancet erschienene Korrespondenz [1]. Darin zeichnen britische Epidemiologen um Dr. Deepti Gurdasani von der Queen Mary University of London nach, wie stark sich SARS-CoV-2 über Schulöffnungen ohne ausreichende Schutzmaßnahmen dort verbreiten konnte. Unzureichende Schutzmaßnahmen begünstigen nicht nur die Virusübertragung, sie schlagen sich auch direkt in Fehlzeiten nieder: Gurdasani und ihre Kollegen berichten, dass im vergangenen Jahr 22% der Sekundarschüler an Orten mit hoher Infektionsdynamik die Schule nicht besuchten und sich stattdessen isolieren mussten. In einigen Gegenden im Norden Englands lag die Anwesenheitsquote in der Sekundarschule sogar nur bei 61%.

Die Autoren erinnern daran, dass die Schließung von Grund- und weiterführenden Schulen in vielen Ländern (einschließlich England) im Lauf der Zeit mit einem erheblichen Rückgang der effektiven Reproduktionszahl (R) in Verbindung gebracht wird.

Schulen keine Treiber der Pandemie?

Nach Einschätzung der Autoren haben die Schlussfolgerung, dass Schulen nicht zu den Pandemietreibern gehören, und die Feststellungen, dass das Risiko für Kinder, durch COVID-19 schwer zu erkranken, sehr gering ist, dazu beigetragen, den Eindämmungsmaßnahmen in den Schulen nur geringe Priorität einzuräumen.

Sie weisen darauf hin, dass die Daten zu diesen Schlussfolgerungen aber relativ limitiert sind. So wurden in Studien zu Haushaltskontakten bei Kindern – verglichen mit Erwachsenen – zwar niedrigere Raten von Sekundärinfektionen beobachtet, doch die Hinweise mehren sich, dass das eher auf die geringere Testung und Exposition von Kindern als auf einen tatsächlichen Unterschied in der biologischen Empfänglichkeit zurückzuführen ist.

Und die Daten des Office for National Statistics (ONS) in UK zu COVID-19 zeigen, dass die Prävalenz von Infektionen bei Kindern im Alter von 2 bis 10 Jahren (2%) und 11 bis 16 Jahren (3%) vor den Weihnachtsferien 2020 noch über der Prävalenz für alle anderen Altersgruppen lag.

Sowohl Modellierungen als auch reale Daten zeigen, wie deutlich die Zahl der Fälle mit zunehmender Dominanz der Variante B.1.1.7 stieg – auch während des Lockdowns im vergangenen November, als die Schulen in Großbritannien geöffnet blieben. Die Schätzungen mit den realen Daten (basierend auf den Kontakten von Kindern und Jugendlichen) deuten darauf hin, dass die Wiederöffnung von Grund- und weiterführenden Schulen den R-Wert in beiden Szenarien von einem angenommenen Ausgangswert von 0,8 auf 1,0 bis 1,5 oder auf 0,9 bis 1,2 erhöhen könnte.

4 Lockerungsszenarien

Modellierungsdaten der University of Warwick und des Imperial College London legen nahe, dass unter den beabsichtigten Wiedereröffnungs-Szenarien der Schulen (für Großbritannien) mindestens 30.000 weitere Todesfälle durch COVID-19 zu erwarten sind.

 
In Anbetracht der Ungewissheit über die langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen einer SARS-CoV-2-Infektion wäre es unklug, das Virus bei Kindern zirkulieren zu lassen. Dr. Deepti Gurdasani und Kollegen
 

Modelliert wurden 4 Szenarien, die sich in der Geschwindigkeit der Lockerung der Beschränkungen vom aktuellen Niveau bis hin zu minimalen Maßnahmen unterscheiden. Eine Zunahme der Todesfälle erwarten die Modellierer selbst dann, wenn die beiden optimistischsten Annahmen zugrunde gelegt werden: Szenario 3 (Schulöffnungen am 8. März, Einschränkungen werden Anfang Juli aufgehoben) und Szenario 4 (Grundschulöffnungen am 8. März und alle anderen Schulen am 5. April, Einschränkungen werden Anfang August aufgehoben).

Während des gesamten Februars 2021 bestand für Lehrer in Großbritannien ein höheres Infektionsrisiko, obwohl zu dieser Zeit weniger Schüler in der Schule waren. Die jüngsten Schulausbrüche in Norditalien, wo die B.1.1.7-Variante vorherrscht, sind ebenfalls besorgniserregend.

Auch Kinder und Jugendliche leiden unter anhaltenden Symptomen

Auch wenn Kinder sehr selten einen schweren Verlauf erleiden – ganz so harmlos ist eine Infektion mit COVID-19 auch für sie nicht. Darauf deuten Schätzungen der Prävalenz von langanhaltenden COVID-Symptomen auf Grundlage der ONS-Erhebung hin: Demnach weisen 13% der Kinder im Alter von 2 bis 10 Jahren und 15% der Kinder und Jugendlichen im Alter von 12 bis 16 Jahren noch 5 Wochen nach positivem Test mindestens ein anhaltendes Symptom auf.

„In Anbetracht der Ungewissheit über die langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen einer SARS-CoV-2-Infektion wäre es unklug, das Virus bei Kindern zirkulieren zu lassen, mit allen daraus resultierenden Risiken für ihre Familien“, warnen die Autoren.

Eine vollständige Öffnung der Schulen bei hoher Übertragung ohne ausreichende Schutzmaßnahmen birgt die Gefahr, dass diese bald wieder geschlossen werden müssen und vielen Kindern so erneut Bildung und soziale Interaktion vorenthalten wird, was die bestehenden Ungleichheiten weiter verschlimmert.

 
Indem sie (die Schulöffnungen) zu einer hohen Übertragungsrate beitragen, bieten sie auch einen fruchtbaren Boden für die Evolution des Virus und neue Varianten. Dr. Deepti Gurdasani und Kollegen
 

„Indem sie (die Schulöffnungen) zu einer hohen Übertragungsrate beitragen, bieten sie auch einen fruchtbaren Boden für die Evolution des Virus und neue Varianten“, schreiben Gurdasani und ihre Kollegen. Mehrstufige Schutzmaßnahmen hingegen können das Risiko einer Übertragung innerhalb von Schulen und in Haushalten erheblich reduzieren.

Empfehlungen für geringeres Übertragungsrisiko in Schulen

Gurdasani und ihre Kollegen haben eine Reihe von Empfehlungen zusammengestellt, die mit den Richtlinien der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) übereinstimmen und in vielen Ländern praktiziert werden, um das Risiko einer Übertragung in Schulen zu verringern und die Auswirkungen auf Kinder und Familien abzumildern. Dazu gehören:

  • versetzter Unterrichtsbeginn und versetzte Anfahrtszeiten zur Schule,

  • kleinere Klassen,

  • zweimaliges Testen pro Woche von Lehrern und Schülern,

  • vorgezogene Impfungen für Lehrer,

  • Hand- und Oberflächen-Hygiene,

  • Durchlüften der Klassenräume und Lehrerzimmer,

  • Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes von Personal und Schülern ab 5 Jahren in allen Innenräumen.

„Schulen sicherer zu machen, muss mit einer Reduzierung der Übertragung vor Ort einher gehen und ist entscheidend dafür, dass Schulen sicher wieder öffnen und geöffnet bleiben können“, schreiben die Autoren.
 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....