Exklusiv: Erst jeder 2. im Gesundheitswesen gegen Corona geimpft – Ergebnisse der Medscape-Umfrage

Claudia Gottschling

Interessenkonflikte

17. März 2021

Eine Kurz-Umfrage von Medscape mit der Frage „Hey Doc, sind Sie schon geimpft?“ hat in den vergangenen Tagen aufgezeigt, dass erst rund die Hälfte der Mitarbeiter im Gesundheitswesen geimpft sind. Unter Ärzten und Ärztinnen liegt der Anteil der Geimpften bei 62%.

An der Umfrage hatten seit dem 4. März über 2.300 Medscape-Leser teilgenommen, die fast alle im Gesundheitsbereich arbeiten (94%). Sie haben 7 Fragen zu Ihrer persönlichen Impf-Situation und Ihrer Zufriedenheit über die deutsche Impfstrategie beantwortet.

Die Impf-Perspektive verbessert sich etwas durch die Tatsache, dass zusätzlich zu den Geimpften weitere 7% an Kandidaten dazu kommen, die schon einen festen Impftermin haben oder zumindest ein Impfangebot erhalten haben (weitere 5%).

Aber es wurde deutlich, dass nahezu jeder 3. Teilnehmer der Umfrage noch kein Impfangebot erhalten hatte. Die Zensuren für die Impfmanager in Deutschland fallen entsprechen katastrophal aus (siehe unten). Eine positive Überraschung ist, dass nur sehr wenige (2%) ein Impfangebot abgelehnt haben oder grundsätzlich eine Corona-Schutzimpfung ablehnen (3%).

Doch das Impfchaos in Deutschland nimmt kein Ende. Mit der Nachricht, dass der Einsatz der AstraZeneca-Vakzine pausiert wird ( Medscape berichtete ), werden auch Ärzte und Gesundheitspersonal weiter auf eine Geduldsprobe gestellt und müssen sich noch länger einem Ansteckungsrisiko aussetzen.

(Stichtag der Auswertung 16.3.2021)

Impfstatus der Ärzte und Ärztinnen

Eine Sub-Analyse der Umfrage-Daten (vom 14.3.2021) nur für die Gruppe der Ärzte, die 72% der Umfrage-Teilnehmer ausmachen, zeigt ein etwas positiveres Bild: Nur 22% der Mediziner haben bisher kein Impfangebot erhalten. 62% sind bereits geimpft (nicht grafisch dargestellt).

Im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt in Deutschland, wo sich laut Statista 12% der Menschen auf keinen Fall impfen lassen wollen, sind Mediziner motivierter: Nur 4% der Ärzte wollen sich derzeit grundsätzlich nicht impfen lassen und nur einer von 100 hat ein Impfangebot abgelehnt. 

Ein interessanter Vergleich: Gegenüber einer ähnlichen Medscape-Umfrage im November letzten Jahres – vor Beginn der ersten Impfungen – hat sich die Bereitschaft zur Impfung deutlich erhöht. In der Auswertung zeigte sich, dass damals noch 15% der Ärzte, vor hatten, sich nicht impfen zu lassen.

Die Impfquote fällt in anderen Gesundheitsberufen (51% bereits geimpft), in der Pflege (57%), oder in einem ganz anderen Beruf (16%) geringer aus. Allerdings repräsentieren diese Gruppen nur einen geringen Anteil unter den Umfrageteilnehmern. Daher können die Zahlen lediglich einen groben Trend beschreiben. Auffällig: Arbeitnehmer in diesen Jobs lehnen eine Impfung sehr viel häufiger ab als die Mediziner.

Welcher Impfstoff?

Von den teilnehmenden Ärzten, die geimpft wurden, haben die meisten (64%) den Impfstoff von Pfizer/Biontech erhalten. 30% bekamen AstraZeneca injiziert und 5% die Vakzine der US-Firma Moderna. In anderen Berufen im Gesundheitswesen wurden AstraZeneca und Pfizer/Biontech ungefähr zu gleichen Teilen eingesetzt, Moderna auch nur zu 5%.

Die Kinder- und Jugendärztin Dr. Sabine Preis schreibt in den Kommentaren zur Umfrage: „Ich habe den Astra-Impfstoff genommen, weil mir ein anderer Impfstoff verweigert wurde. Besser als gar nichts! Wir machen in der Kinderarztpraxis Corona-Abstriche, müssen schreienden Kleinkindern mit Infektionen den Rachen inspizieren und schreiende Kleinkinder impfen, also eine extrem aerosolbelastete Tätigkeit.“

Keine Frage: Hausärzte sollen mitmachen

Große Einigkeit herrscht unter allen Umfrageteilnehmern, dass bald auch die Hausärzte mitimpfen sollen (95%). Im April könnte es soweit sein, so die Ankündigungen in der vergangenen Woche. Medscape berichtete kürzlich in einem Interview mit einem Hausarzt aus Mecklenburg-Vorpommern, wie das funktionieren könnte. Dr. Fabian Holbe aus Neuburg sieht als Hauptvorteil, dass ein Hausarzt seine Patienten mit ihren Gesundheitsproblemen kennt und sie ortsnah versorgen kann: „Wir geben den alten Patienten die Chance, dass sie nicht den weiten Weg zum Impfzentrum machen müssen, sondern nur den kurzen zur Hausarztpraxis.“

Schlechte Zensuren für Impfmanagement

Medscape wollte auch wissen, wie zufrieden die Leser mit dem Impfmanagement in Deutschland sind: Säßen die Impf-Verantwortlichen in der Schule oder im Homeschooling, dann wäre ihre Versetzung wohl stark gefährdet. Eine glatte 6 verteilt jeder 4. Umfrageteilnehmer, eine 5 fast jeder 3. Ein „gut“ oder ein „befriedigend“ ist die Ausnahme. Die Note 1 kommt quasi nicht vor.

 

Auch in den Kommentaren zu der Umfrage nehmen die Teilnehmer kein Blatt vor den Mund. Der Allgemeinmediziner Dr. Thomas Schätzler präsentiert zum Beispiel seine Liste der Fehler:

  1. Zu wenig Impfstoff

  2. Fehlerhafte Terminvergaben

  3. Überbürokratisierte Hürden

  4. Kommunikation und Marketing dilettantisch

  5. Planungs- und Logistikprobleme

Ein Augenarzt berichtet in seinem Kommentar unter anderem von den Problemen eines Jobwechsels in der Pandemie und auch folgende Geschichte: „… Ich wollte mich dann zumindest als Impfarzt nützlich machen. Auch hier wurde mir fast schon schadenfroh eine Impfung verweigert: Ich solle erst einmal ohne anfangen! Ich saß sogar schon im Impfzentrum, hatte einen Termin, alles war bereit. Ich finde das einfach unglaublich! Warum politisch immer noch nicht alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, um endlich genug Impfstoff zu beschaffen, kann ich einfach nicht verstehen. Ich bin extrem verärgert und enttäuscht von meinem Land, kann das einfach nicht anders sagen.“

Privilegien für Geimpfte?

Die Impfbereitschaft der Ärzte ist also sehr hoch. Irgendwann im späten Frühjahr werden die Impfquoten steigen. Aber wie geht es für jene weiter, die nun geschützt sind? Sollten Sie Privilegien genießen, etwa bei Reisen oder bei Kinobesuchen? Dürfen Sie vielleicht im Restaurant drinnen sitzen statt draußen?

Die Gynäkologin Dr. Eva-Maria Baumgartner schreibt in den Kommentaren zu der Frage: „Es ist sinnvoll, die Wortwahl zu beachten: Geimpfte sollten schnell zu ihren Grundrechten zurückkehren können, das sind keine Privilegien.“

Die gleichmäßig verteilten Umfrageergebnisse machen deutlich, dass die ethisch heikle Frage, nicht einfach zu beantworten ist: 35% der Leser sind grundsätzlich für Sonderrechte. 26% strikt dagegen und 39% können sich Privilegien in manchen Bereichen vorstellen. Noch sind in Deutschland dazu keine grundlegenden Entscheidungen gefallen. Außerdem ist wohl auch die potenzielle Klientel der Geimpften noch zu gering, damit sich eine Kinovorstellung für Geimpfte lohnen würde.
 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....