Neue Regeln bei Brust- und Lungenkrebs-Screening? Tipps zum Vorgehen bei HPV-Nachweis – und wann Chemo im Alter sinnvoll ist

Dr. Susanne Heinzl

Interessenkonflikte

16. März 2021

Im Onko-Blog dieser Woche geht es darum, für wen, und vor allem ab wann, ein Brustkrebs-, aber auch ein Lungenkrebs-Screening sinnvoll ist. Außerdem: Wie man am besten vorgeht, wenn sich beim Screening auf ein Zervixkarzinom ein positiver HPV-Nachweis ergibt. Und: Wie mit einem einfachen Score bei Patienten mit hämatologischen Erkrankungen die Gebrechlichkeit beurteilt und die Therapie optimiert werden kann. Noch eine epidemiologische News: Häufiger Konsum von mit Zucker gesüßten Getränken (Softdrinks) war in einer Analyse mit einer erhöhten Brustkrebssterblichkeit assoziiert.

 

  • Brustkrebs: Früherer Screeningstart bei Ovarialkarzinom in der Familie

  • Lungenkrebs: Screening-Kriterien deutlich erweitert

  • Zervixkarzinom: HPV-positiv beim Screening – was nun?

  • Hämatologische Erkrankungen: Neuer HEMA-4-Score zur Beurteilung der Gebrechlichkeit

  • Brustkrebs: Bei Konsum gesüßter Getränke höhere Sterblichkeit

Brustkrebs: Früherer Screeningstart bei Ovarialkarzinom in der Familie

Frauen haben ein erhöhtes Brustkrebsrisiko, wenn die Erkrankung bereits in der Verwandtschaft aufgetreten ist. Das Risiko kann aber auch dann erhöht sein, wenn Familienmitglieder 1. Grades an einer anderen Krebsart, insbesondere an einem Ovarialkarzinom erkrankt sind.

Eine internationale Arbeitsgruppe unter Beteiligung von Wissenschaftlern des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg, des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) und des Universitätsklinikums Heidelberg hat herausgefunden, dass das Brustkrebs-Risiko bei einem Ovarialkarzinom einer Verwandten 1. Grades auf das 1,4-Fache des üblichen Werts zunimmt. War bei der Verwandten der Eierstockkrebs vor dem 50. Lebensjahr diagnostiziert worden, steigt das Brustkrebs-Risiko sogar um das 1,7-Fache. Die Autoren empfehlen daher, bei diesen Frauen mit der Mammografie einige Jahre früher als üblich zu beginnen.

In ihrer Studie hatten die Wissenschaftler anhand von Daten aus Schweden untersucht, wie sich andere Krebserkrankungen in der Verwandtschaft auf das Brustkrebsrisiko von Frauen auswirken. Die in Cancer publizierten Ergebnisse zeigen, dass das Brustkrebs-Risiko auch dann steigt, wenn Familienmitglieder 1. Grades an anderen Krebsarten erkrankten. Bei 14 der insgesamt 33 untersuchten Krebsarten ist das Risiko allerdings nur geringfügig erhöht – zwischen 1,1-fach (Prostatakrebs) bis 1,2-fach (Weichteiltumoren). Für 17 weitere Krebsarten, die in der Familie auftraten, ändert sich das Brustkrebsrisiko nicht signifikant.

Eine Ausnahme war das Ovarialkarzinom: Bei Frauen, deren Mutter, Schwester oder Tochter von dieser Krebsart betroffen war, ist das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, zwar auch nur 1,2-fach höher als bei der Allgemeinbevölkerung. Vor dem 50. Lebensjahr ist das Brustkrebsrisiko allerdings um das 1,4-Fache erhöht. Wurde das Ovarialkarzinom bei den Verwandten ebenfalls vor dem 50. Lebensjahr diagnostiziert wurde, steigt das Risiko für früh auftretenden Brustkrebs sogar auf das 1,7-Fache.

Lungenkrebs: Screening-Kriterien deutlich erweitert

Die U.S. Preventive Services Task Force (USPSTF) hat die Empfehlungen für das Lungenkrebs-Screening deutlich ausgeweitet. Aktuelle und ehemalige starke Raucher sollen sich in den USA jetzt bereits ab dem Alter von 50 Jahren (statt bisher 55) jährlich per Low-Dose-Computertomografie untersuchen lassen. Als starke Raucher definiert die USPSTF Personen, die auf 20 Packungsjahre (bisher 30 Packungsjahre) zurückblicken und deren letzte Zigarette nicht länger als 15 Jahre zurück liegt. Die aktualisierten Empfehlungen sind auf der Internetseite der USPSTF und in JAMA publiziert.

Das Screening kann nach den Empfehlungen bis zum Alter von 80 Jahren jährlich wiederholt werden. Es sollte aber beendet werden, wenn mindestens 15 Jahre seit der letzten Zigarette vergangen sind oder Erkrankungen auftreten, die die Lebenserwartung oder die Möglichkeit zu einer kurativen Lungenoperation erheblich einschränken.

Im begleitenden Editorial in JAMA Oncology werden die Erweiterungen zwar begrüßt. Aber bislang sei die Akzeptanz des Screenings schon gering gewesen, heißt es da. Ohne eine Erhöhung der entsprechenden Mittel dürfe sich das Problem der begrenzten Umsetzung der Empfehlungen vermutlich nicht lösen lassen.

Editorialisten in JAMA Surg ery weisen darauf hin, dass Personen mit anderen Risikofaktoren als Rauchen, wie beruflichen oder umweltbedingten Faktoren, Familienanamnese oder Lungenfibrose nicht berücksichtigt sind. Immerhin hätten 15 bis 20% der an Lungenkrebs Erkrankten noch nie geraucht. Außerdem halten sie die die Empfehlung, das Screening 15 Jahre nach dem Stopp des Rauchens zu beenden, für zu früh.

Zervixkarzinom: HPV-positiv beim Screening – was nun?

Seit der Änderung der Routine-Krebsfrüherkennungsuntersuchung auf Gebärmutterhalskrebs werden vermehrt Infektionen mit humanen Papillomviren (HPV) entdeckt. Diese positiven Testergebnisse verunsichern viele Frauen, erfordern jedoch häufig keine Behandlung.

Ist der Pap-Abstrich unauffällig und keine Infektion mit HPV festzustellen (negativer HPV-Test), werden Frauen ab 35 Jahren nur noch alle 3 Jahre auf HPV untersucht.

Ein positiver HPV-Test weist dagegen auf eine klinisch relevante HPV-Infektion am Gebärmutterhals hin, verbunden mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung einer Gewebeveränderung. In diesem Fall wird die nächste Kontrolle bereits nach einem Jahr durchgeführt. Ist der HPV-Test dann immer noch positiv, folgt innerhalb von 3 Monaten eine Kolposkopie zur Abklärung, ob Gewebeveränderungen vorliegen.

Gering ausgeprägte Gewebeveränderungen bilden sich möglicherweise von selbst wieder zurück und werden daher zunächst nur mit verschiedenen Untersuchungen erneut kontrolliert. Dazu gehören neben dem Pap-Abstrich auch der HPV-Test oder die Kolposkopie.

Bei stärker ausgeprägten Veränderungen kann es sich um Krebsvorstufen handeln, die sich meist nicht mehr zurückbilden. Wegen der Gefahr der Weiterentwicklung zu Gebärmutterhalskrebs werden sie vorsorglich entfernt.

„Eine HPV-Infektion allein erfordert keine Behandlung“, erläutert Dr. Susanne Weg-Remers, Leiterin des Krebsinformationsdienstes (KID) am DKFZ in Heidelberg in einer Pressemitteilung. „Sicherheitshalber wird nach den seit Januar 2020 gültigen Empfehlungen bei länger anhaltender Infektion genauer untersucht, ob Gewebeveränderungen vorliegen. Ist das nicht der Fall, kann Entwarnung gegeben werden.“

Aktuelle Informationen zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs stellt der Krebsinformationsdienst auf einem Infoblatt zur Verfügung.

Hämatologische Erkrankungen: Neuer HEMA-4-Score zur Beurteilung der Gebrechlichkeit

Der HEMA-4-Score basiert auf 4 Parametern, nämlich kognitiven Beeinträchtigungen, Komorbiditäten, Hypoalbuminämie und hohem CRP-Spiegel. Mit diesem einfachen, kostengünstigen und reproduzierbaren Instrument sind Aussagen zum 1-Jahres-Überleben bei älteren Patienten mit malignen hämatologischen Erkrankungen möglich, die für die Chemotherapie geeignet sind.

Wie eine französische Arbeitsgruppe im Journal of Geriatric Oncology berichtet hat, können die Patienten anhand des Scores in 3 prognostische Gruppen eingeordnet werden: 

  • Gebrechliche Patienten mit einem schlechten Score (3 bis 4), die wahrscheinlich nicht von der Chemotherapie profitieren: Sie waren alle von ihrem Hämatologen als fit beurteilt worden, haben jedoch ein hohes Risiko für Therapie-bedingte Toxizitäten. Für sie sollte eine Supportivtherapie mit möglichst guter Erhaltung der Lebensqualität gewählt werden.

  • Eine intermediäre Gruppe mit einem Score von 2, die umfassend mit einem geriatrischen Assessment untersucht werden sollte, um die Therapie individuell zu optimieren.

  • Die Gruppe mit guter Prognose (HEMA-4-Score 0 bis 1), die mit einer Chemotherapie gute Überlebensraten erreichen kann. Diese Subgruppe profitiert von der Therapie. Der HEMA-4-Score erlaubt es, diese Patienten unabhängig vom chronologischen Alter zu erkennen.

Fazit der Autoren: „Weitere Studien sind erforderlich, um den HEMA-4-Score zu validieren und umfassende Algorithmen zu erarbeiten, die dazu beitragen können, optimale therapeutische Entscheidungen zu treffen und gleichzeitig Autonomie und Lebensqualität zu erhalten.“

Brustkrebs: Bei Konsum gesüßter Softdrinks höhere Sterblichkeit

Frauen mit Brustkrebs, die mindestens 5-mal pro Woche zuckerhaltige Getränke konsumieren, haben ein erhöhtes Sterberisiko insgesamt und ein höheres Risiko, an Brustkrebs zu sterben. Im Vergleich zu Frauen ohne Limo-Konsum war das Risiko für die Gesamtmortalität um 62% und für die Brustkrebssterblichkeit um 85% erhöht. Dies berichtet eine US-amerikanische Arbeitsgruppe in Cancer Epidemiology, Biomarkers and Prevention .

Die Arbeitsgruppe analysierte die Daten von 927 Frauen im Alter von 35 bis 79 Jahren mit invasivem Mammakarzinom, die in die Western New York Exposures and Breast Cancer (WEB)-Studie aufgenommen worden waren. Mit einem Fragebogen waren Ernährungsgewohnheiten erfasst worden.

Am Ende der Nachbeobachtungszeit von im Median 19 Jahren waren 386 Frauen gestorben. Frauen, die mehr als 5-mal pro Woche gesüßte Getränke konsumiert hatten, hatten ein höheres Gesamtsterberisiko (HR 1,62) und ein höheres Risiko, an Brustkrebs zu sterben (HR 1,85).

Die Ergebnisse unterstützen Leitlinien, die eine Reduktion zuckerhaltiger Getränke – auch bei Frauen mit Brustkrebs – empfehlen.

 

Kommentar

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