Multiple Sklerose: Vitamin-D-Mangel bei Diagnose korreliert mit kognitiver Beeinträchtigung und Behinderung

Nancy A. Melville

Interessenkonflikte

16. März 2021

Wird zum Zeitpunkt einer Multiple-Sklerose(MS)-Diagnose ein Vitamin-D-Mangel festgestellt, ist dieser mit kognitiven Beeinträchtigungen und dem Ausmaß der Behinderung korreliert. Dieses Ergebnis ergänzt den bereits bekannten negativen Zusammenhang zwischen einem niedrigen Vitamin-D-Spiegel und der MS.

„Wir konnten bestätigen, dass ein niedriger Vitamin-D-Spiegel nicht nur mit den frühen Behinderungen, sondern auch mit kognitiven Beeinträchtigungen zum Zeitpunkt der Erstdiagnose korreliert“, berichtete Erstautorin Dr. Eleonora Virgilio vom MS-Zentrum der Neurologie an der Universität von Ost-Piemont im italienischen Novara gegenüber Medscape.

 
Wir konnten bestätigen, dass ein niedriger Vitamin-D-Spiegel nicht nur mit den frühen Behinderungen, sondern auch mit kognitiven Beeinträchtigungen zum Zeitpunkt der Erstdiagnose korreliert. Dr. Eleonora Virgilio
 

„Die möglichen Auswirkungen von Vitamin D sowohl auf die Kognition (insbesondere auf die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung) als auch auf die frühe Behinderung bei einer neu diagnostizierten MS müssen weiter untersucht werden, denn ein solcher Zusammenhang könnte ein Marker für spätere Behinderungen sein, was die Notwendigkeit einer sofortigen Supplementierung unterstreichen würde“, sagte sie.

Die Ergebnisse wurden Ende Februar auf dem Kongress des Americas Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis (ACTRIMS) 2021 präsentiert.

Niedriges Vitamin D und MS

Bereits in früheren Studien wurden Zusammenhänge zwischen einem Vitamin-D-Mangel im Serum und der MS – Krankheitsentwicklung, Krankheitsaktivität und Verlauf – gesehen. Allerdings wurde bisher kein spezifischer Zusammenhang zu einer kognitiven Beeinträchtigung hergestellt, die eine wichtige Komplikation bei der MS ist.

„Kognitive Beeinträchtigungen, vor allem die verlangsamte Informationsverarbeitung, sind in Frühstadien der MS sehr häufig, doch werden sie weithin unterschätzt“, so Virgilio. Die zugrunde liegenden Mechanismen seien noch nicht vollständig geklärt.

Um diesen Zusammenhang näher zu beleuchten, untersuchten Virgilio und ihr Team 60 neudiagnostizierte MS-Patienten, deren Serum-Vitamin-D-Werte bei der Diagnosestellung mitbestimmt worden war.

Bei allen Teilnehmern wurde mit der Diagnose auch der Symbol Digit Modalities Test (SDMT) durchgeführt, der die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung prüft. Diese ist ein Marker für eine kognitive Beeinträchtigung, wie sie bei der MS auftreten kann. Typischerweise ist das der erste kognitive Bereich, der krankheitsbedingt auffällig wird.

Von den Patienten waren 40 weiblich. Das Durchschnittsalter bei Diagnose lag bei 39,5 Jahren. 90% der Patienten hatten zu Beginn der Studie eine schubförmig-remittierende MS, 10% eine progressive MS. Der EDSS-Score (Expanded Disability Status Scale) lag zum Diagnosezeitpunkt bei durchschnittlich 1,5 (0–4).

 
Vitamin D wurde zudem bereits mit den kognitiven Funktionen bei anderen neurodegenerativen Erkrankungen in Zusammenhang gebracht …, aber auch … mit anderen Autoimmunerkrankungen. Dr. Eleonora Virgilio
 

Zu Beginn der Studie hatten 85% der Teilnehmer (51) einen erniedrigten Serum-Vitamin-D-Spiegel, dessen unterer Normalwert mit 30 ng/ml definiert worden war, was laut Virgilio mit den Werten anderer MS-Patienten in der italienischen Lombardei übereinstimmte, wo die Studie durchgeführt wurde.

Die Patienten hatten einen mittleren Vitamin-D-Spiegel von 21,17 ng/ml (± 10,02), wobei 51,7% einen manifesten Mangel (weniger als 20 ng/ml) aufwiesen und sich bei 33,3% eine suboptimale Versorgung mit Werten zwischen 20 und 30 ng/ml fand. Von den Patienten hatten 16 (27%) eine kognitive Beeinträchtigung, definiert als ein Z-Score von 1,5 oder weniger. Ihr mittlerer SDMT-Rohwert war 46,50 (± 14,73) und der mittlere Z-Score -0,62 (± 1,29).

Wesentlich dabei ist, dass diejenigen mit einer kognitiven Beeinträchtigung signifikant häufiger eine schwere D-Hypovitaminose hatten als diejenigen mit einem ausreichenden Vitamin-D-Spiegel, von denen keiner eine kognitive Beeinträchtigung zeigte (p=0,02). Darüber hinaus korrelierte der Vitamin-D-Spiegel positiv mit den SDMT-Rohwerten (p=0,001) und dem Z-Score (p=0,008).

Während der mittleren Nachbeobachtungszeit von 2 Jahren wurde eine signifikante Korrelation zwischen den Vitamin-D-Serumwerten zum Diagnosezeitpunkt und einer frühen Behinderung im MS-Schweregrad-Score (Multiple Sclerosis Severity Score, MSSS; p=0,02) und eine schwache Korrelation mit dem altersbezogenen MSSS (ARMSS; p=0,08) bei der letzten klinischen Nachuntersuchung festgestellt.

Kurze Nachbeobachtungszeit von 2 Jahren

Virgilio merkte an, dass Faktoren wie die Wirkungen der Behandlung oder andere Faktoren bei der schwächeren Korrelation eine Rolle gespielt haben könnten. „Es ist möglich, dass die lineare Korrelation, die wir gefunden haben, aufgrund eines Effekts der krankheitsmodifizierenden Therapien oder der Vitamin-D-Supplementierung nicht so stark war, wie erwartet. Ein weiterer möglicher Grund ist die bisher erst kurze Nachbeobachtungszeit bei dieser Population von im Mittel nur 2 Jahren nach der MS-Diagnose.“

 
Niedrigere Vitamin-D-Werte und Rauchen nach Beginn der Erkrankung stehen langfristig für eine schlechtere Kognition und eine schwächere neuronale Integrität bei MS-Patienten. Dr. Eleonora Virgilio
 

Hinter dem Vitamin-D-Mangel in der MS-Population steckten wahrscheinlich verschiedene Dinge wie genetische Faktoren und auch umweltbedingte Zusammenhänge, bemerkte Virgilio: „Die immunmodulatorischen Effekte von Vitamin D sind gut bekannt. Es wurde zudem bereits mit den kognitiven Funktionen bei anderen neurodegenerativen Erkrankungen in Zusammenhang gebracht und nicht zuletzt auch bei der Alzheimer-Krankheit, aber auch, was hier noch wichtiger ist, mit anderen Autoimmunerkrankungen wie etwa dem systemischen Lupus erythematodes.“

Zusammenhang von Vitamin D auch mit langfristiger kognitiver Funktion

Die Studie kann als Ergänzung zu einer Reihe aktueller Forschungsergebnisse gesehen werden, die eine längerfristige Auswirkung eines Vitamin-D-Mangels auf die Kognition bei der MS zu zeigen scheinen. So fanden in der 2020 veröffentlichten longitudinalen BENEFIT-Studie die Untersucher bei 278 MS-Patienten mit 11-jähriger Nachbeobachtung heraus, dass ein um 50 nm/l höherer mittlerer Vitamin-D-Spiegel in den ersten 2 Jahren der Studie mit einer 65% geringeren Wahrscheinlichkeit für ein schlechteres Abschneiden im Paced Auditory Serial Addition Test (PASAT) verbunden war.

Die Studie untersuchte auch die Konzentrationen der Neurofilament-Leichtketten, die mit der Krankheitsaktivität einer MS korrelieren. Dabei stellte man fest, dass diese Proteine unter den Teilnehmern mit zu Studienbeginn höheren Vitamin-D-Werten um 20% niedriger konzentriert waren. Auch Raucher kamen auf niedrigere Werte bei der Kognitionstestung.

 
Insgesamt deuten beide Studien auf einen möglichen positiven Effekt von Vitamin D für die kognitive Funktion hin, aber wir haben es auch in beiden Fällen mit Beobachtungsergebnissen zu tun. Dr. Marianna Cortese
 

„Niedrigere Vitamin-D-Werte und Rauchen nach Beginn der Erkrankung stehen langfristig für eine schlechtere Kognition und eine schwächere neuronale Integrität bei MS-Patienten“, folgerten die Autoren daraus.

Könnte eine Vitamin-D-Supplementierung einen Unterschied bedeuten?

Für Dr. Marianna Cortese vom Brigham and Women's Hospital und der Harvard Medical School in Boston, Massachusetts, die auch Erstautorin der BENEFIT-Studie ist, trägt die neue Studie zum Verständnis des Themas bei: „Es ist großartig, dass dem Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Spiegel und kognitiven Funktionen bei der MS weiter in Studien nachgegangen wird. Dabei ist es eine gute Idee, sich vor allem die Verarbeitungsgeschwindigkeit anzusehen, da gegen dieses Symptom keine etablierte Therapie existiert, aber die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigt ist“, sagte Cortese gegenüber Medscape.

Mit Blick auf die Kernfrage, welche Rolle eine Vitamin-D-Supplementierung für die kognitiven Funktionen spielen kann, merkte sie an, dass noch zu wenig verstanden sei. „Insgesamt deuten beide Studien auf einen möglichen positiven Effekt von Vitamin D für die kognitive Funktion hin, aber wir haben es auch in beiden Fällen mit Beobachtungsergebnissen zu tun“, so Cortese weiter.

„Eine Assoziation ist noch keine Kausalität. Es wäre sicher interessant zu untersuchen, ob eine Vitamin-D-Supplementierung wirklich einen Unterschied bedeuten könnte. Die Durchführung einer solchen klinischen Studie wäre jedoch gewiss eine Herausforderung.“

Was in zukünftigen Studien besonders berücksichtigt werden müsse, so Cortese, sei auch die Frage nach Ursache und Wirkung. Stärkere Behinderungen könnten dazu führen, dass mehr Zeit in geschlossenen Räumen verbracht werde, was zu einer geringeren Sonnenlichtexposition und einem niedrigeren Vitamin-D-Spiegel führen könne.

 
Ein normaler oder optimaler Vitamin-D-Spiegel lässt sich bei den meisten Menschen mit Dosen von 1.000–4.000 IE pro Tag erreichen.  Dr. Marianna Cortese
 

Bis Genaueres bekannt sei, werde bei MS weiterhin in der Regel die Vitamin-D-Supplementierung empfohlen, doch warnte Cortese auch davor, es zu übertreiben. „Ich glaube, viele Neurologen empfehlen ihren Patienten eine Vitamin-D-Supplementierung, doch sollten sehr hohe Dosen definitiv vermieden werden“, sagte sie. „Ein normaler oder optimaler Vitamin-D-Spiegel lässt sich bei den meisten Menschen mit Dosen von 1.000–4.000 IE pro Tag erreichen.“

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.
 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....