Fall: 28-jähriger Fitnessfreak hat immer wieder Herzklopfen, zittert und ist verwirrt – woher kommt´s?

Ricardo Correa, Sri Harsha Tella

Interessenkonflikte

15. März 2021

Im Rahmen der Diagnostik zu diesem Fall wurden verschiedene endokrine Erkrankungen wie eine Schilddrüsenstörung, ein Wachstumshormonmangel, ein (seltenes) hereditäres Paragangliom-Phäochromozytom-S (PGL/PCC) und die Nebenniereninsuffizienz ausgeschlossen.

Der Patient erfüllte die Kriterien für ein Insulinom oder eine echte Hypoglykämie nicht, da er nicht alle Merkmale der Whipple-Trias aufwies. Weil der Patient alle adrenergen und neuroglykopenischen Symptome einer Hypoglykämie aufwies, was seine Glukosewerte jedoch nicht unterstützten, war der Fall schwierig.

Bestimmte Erkrankungen und Zustände können eine Diskrepanz zwischen den kapillären und den Plasma-Glukosewerten verursachen [5,6,7,8]. Diese Patienten präsentieren sich mit einem sehr niedrigen Plasmaglukosespiegel, der üblicherweise im Bereich von 20 bis 30 mg/dl liegt, ohne dabei irgendwelche Symptome zu zeigen. Mögliche Ursachen in diesen Fällen sind:

  • verminderter Glukosetransport durch das Gewebe und erhöhte Gewebeextraktion von Glukose, wie z.B. beim Raynaud-Phänomen, bei der Akrozyanose und bei peripheren Gefäßerkrankungen

  • erhöhte Glykolyse durch Leukozyten und rote Blutkörperchen, verbunden mit einer Verzögerung bei der Auswertung von Blutproben, wie z.B. bei Leukämie und Polycythaemia vera

  • Hyperviskositätssyndrome, wie Hypertriglyzeridämie, monoklonale Gammopathie unklarer Signifikanz (MGUS) und Waldenström-Makroglobulinämie

  • Medikamente, welche die Messwerte des Blutzuckermessgeräts beeinflussen wie hohe Dosen Vitamin C, Dopamin und Mannitol.

Die Patienten können das Messgerät gelegentlich auch falsch herum halten und somit falsche Messwerte ablesen. Wenn eine Diskrepanz zwischen den Messwerten des Glukosemessgeräts und den tatsächlichen Symptomen oder Anzeichen beobachtet wird, kann eine andere Stelle punktiert werden, um einen Blutstropfen für den Test zu erhalten (z.B. ein Ohrläppchen).

Tarasova et al. schlugen für diesen Zustand die Bezeichnung „artefaktische Hypoglykämie“ statt Pseudohypoglykämie vor [5]. Der Begriff „artefaktisch“ wurde 1961 eingeführt, um niedrige Glukosewerte bei einem Patienten mit chronisch-myeloischer Leukämie zu beschreiben.

Die niedrigen Werte gingen auf die erhöhte Glykolyse durch Leukozyten nach einer verlängerten Vorbereitung einer venösen Blutprobe zurück [9]. Der Begriff wurde jedoch bisher noch nicht in die Leitlinien aufgenommen.

Keine der oben genannten Bedingungen traf auf den Patienten in diesem Fall zu, da es bei ihm nie eine dokumentierte hypoglykämische Episode mit einem Blutzuckerspiegel unter 70 mg/dl gegeben hatte.

Kommentar

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