Was die Deutschen wertvolle Lebensjahre kostet: Analyse von RKI-Experten – sie fordern mehr Prävention bei jüngeren Menschen

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

12. März 2021

Forscher am Robert Koch-Institut (RKI) Berlin haben untersucht, was das Leben der Deutschen verkürzt – in Zeiten vor der Pandemie. „Mit der Berechnung der durch Tod verlorenen Lebensjahre steht für Deutschland … ein Indikator zur Verfügung, der es ermöglicht, Krankheiten zu vergleichen und ihren Einfluss auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung zu messen“, kommentiert RKI-Präsident Prof. Dr. Lothar H. Wieler. „Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, gerade bei jungen Menschen mit Präventionsangeboten anzusetzen, um frühe Todesfälle zu verhindern und auch Risikofaktoren für Krankheiten zu reduzieren, die erst im Alter auftreten.“

 
Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, gerade bei jungen Menschen mit Präventionsangeboten anzusetzen. Prof. Dr. Lothar H. Wieler
 

Menschen verlieren vor allem durch 4 Gruppen von Erkrankungen wertvolle Lebensjahre („years of life lost“, YLL) [1]. Von 11,6 Millionen YLL entfielen:

  • 35,2% auf maligne Erkrankungen,

  • 27,6% auf kardiovaskuläre,

  • 5,8% auf gastrointestinale und

  • 5,7% auf neurologische Leiden.

14,7% aller Sterbefälle betrafen Menschen unter 65. Dies führte zu 38,3% aller verlorenen Lebensjahre.

Strategie der Auswertung: Nur Daten aus 2017 analysiert

Im Rahmen des Projekts BURDEN 2020 haben RKI-Wissenschaftler die Todesursachenstatistik im Jahr 2017 für Deutschland ausgewertet. COVID-19 war damals noch kein Thema. Der Datensatz umfasste Angaben zum Geschlecht, zum Alter, zum Wohnort und in kodierter Form zur Todesursache. Bei 25,8% der Sterbefälle enthielten die ICD-10-Codes keine ausreichenden Angaben, dadurch waren Abschätzungen erforderlich.

Die Todesursachen wurden auf der 1. Ebene gruppiert in übertragbare bzw. ernährungsbedingte Erkrankungen, nichtübertragbare Erkrankungen, Unfälle und Verletzungen. Dann folgte ein feineres Raster auf Ebene 2, etwa Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen. In Ebene 3 wurden spezifische Erkrankungen analysiert.

Zu den Ergebnissen: Im Jahr 2017 wurden 932.272 Todesfälle registriert, wobei es für 691.467 brauchbare ICD-10-Codes gab. Die genaue Auswertung der Mortalität ergab:

  • 50,9% Frauen, 49,1% Männer;

  • übertragbare Erkrankungen: 4,0%;

  • nicht übertragbare Erkrankungen: 91,2%;

  • Unfälle und Verletzungen: 4,8%.

Anschließend wurden die YLL berechnet. Insgesamt gingen 11,6 Millionen Jahre aufgrund vorzeitiger Sterblichkeit verloren:

  • 42,8% Frauen, 57,2% Männer;

  • 19,1% in der Gruppe ab 90 Jahren, 18% bei 85- bis 89-Jährigen, 17% bei 80- bis 84-Jährigen, 14,3% bei 75- bis 79-Jährigen, aber nur 14,7% bei allen Personen unter 65.

Während nur 14,7% der Sterbefälle auf Personen unter 65 entfielen, waren es 38,3% der verlorenen Lebensjahre.

Welche Krankheitsgruppen und Krankheitsbilder führen zum Verlust von viel Lebenszeit?

Im nächsten Schritt schlüsselten Forscher die YLL anhand von Gruppen auf. Wenig überraschend entfiel ein Großteil auf maligne Erkrankungen (35,2%), gefolgt von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (27,6%), Verdauungserkrankungen (5,8%) und neurologische Störungen (5,7%).

Je nach Alter zeichnet sich ein unterschiedliches Bild. Der größte Verlust an YLL ließ sich bei Personen zwischen 15 und 29 Jahren auf Gewalt oder Suizide (27,9 bis 30,4%) und auf Unfälle im Straßenverkehr zurückführen (15,5 bis 27,7%). Neoplasien waren in dem Altersbereich weniger relevant (11,1 bis 18,4%), gewannen dann aber an Bedeutung (48,2% bei 60- bis 64-Jährigen). Ab 90 erklären vor allem kardiovaskuläre Erkrankungen den Verlust an Lebensjahren (49,8%), gefolgt von neurologischen Erkrankungen (12,4%), zu denen Demenzen gehören.

Die Autoren analysierten aber auch die einzelnen Krankheiten. Gemessen an YLL rangierten bei Frauen die ischämische Herzkrankheit an 1. Stelle, gefolgt von Lungenkrebs, Schlaganfällen, der chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung und Darmkrebs. Bei Männern waren es die ischämische Herzkrankheit, Lungenkrebs, Schlaganfälle, COPD und chronische Lebererkrankungen.

 

Kommentar

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