WHO stellt Frontfrauen von BioNTech und AstraZeneca vor – Beispiele für den Kraftakt, den Frauen in der Pandemie leisten

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

10. März 2021

Am Internationalen Frauentag erinnerte die WHO daran, welche besondere Rolle die Frauen in der Pandemie spielen. „Frauen sind an vorderster Front gegen COVID-19 aktiv: Etwa 70 % des gesamten Gesundheitspersonals weltweit sind Frauen, sie spielen eine Schlüsselrolle bei der Versorgung und retten Leben“, sagt Dr. Tedros Ghebreyesus, Generaldirektor der WHO. Allerdings nähmen Frauen nur 25% der Führungspositionen im Gesundheitsbereich ein. Aber diese haben oft sehr viel erreicht.

3 prominente „Weltenretterinnen“ haben auf einem virtuellen WHO-Pressebriefing klar gemacht, wie Frauen entscheidend zur Bewältigung der Pandemie beigetragen haben, etwa dadurch, dass nach wenigen Monaten die ersten Impfstoffe auf den Markt kamen [1]

Dr. Özlem Türeci, medizinische Geschäftsführerin von BioNTech und Mitentwicklerin des Pfizer/BioNTech-Impfstoffs, berichtete über eines der Erfolgsgeheimnisse ihrer Firma. Dort arbeiten nicht nur 16 Nationen unter einem Dach. Frauen machen auch 54% der gesamten Belegschaft aus. „Und mit 45% stellen Frauen fast die Hälfte unseres Top-Managements. Wir sind ziemlich sicher, dass unser geschlechtsspezifisch ausgewogenes Team entscheidend dazu beigetragen hat, das scheinbar Unmögliche möglich zu machen: Die Entwicklung eines Impfstoffs gegen COVID-19 innerhalb von 11 Monaten. Ich wünsche mir sehr, dass Frauen heute und auch morgen in ihren Fähigkeiten bestärkt werden.“

Die große Aufgabe sei nun, Herdenimmunität zu erlangen. „Die letzten 14 Monate haben uns diesem Ziel nähergebracht. Mehrere Impfstoffe sind zugelassen und erprobt.“ Herdenimmunität bedeute: „Niemand wird sicher sein, bis alle sicher sind. Über alle Geschlechter, Ethnien, Volkswirtschaften und Nationen hinweg“, betonte Türeci.

Das erfordere den Aufbau, die Ausweitung und Aufwertung der Produktion, verbesserte Lieferbedingungen, die Sicherstellung der Finanzierung, die Anpassung an diverse regionale Transport- und Infrastrukturen. „Die wahre Herausforderung besteht darin, global solidarisch zu handeln. Möge der nächste Internationale Frauentag unter normalen Bedingungen stattfinden – eine bessere Normalität, die die Geschlechtergerechtigkeit einschließt. Es liegt an uns, das zu erreichen.“

Noch sei allerdings die fehlende Gleichstellung der Geschlechter jeden Tag offensichtlich – in der Welt der Ärzte, in der akademischen Wissenschaft und auch in der Biopharma-Industrie.

 
Die wahre Herausforderung besteht darin, global solidarisch zu handeln. Dr. Özlem Türeci
 

„Je größer aber dieses Ungleichgewicht ist, desto mehr wird die Chance vertan, wertvolle Talente zu mobilisieren“, betonte Türeci. „Wir befinden uns mitten in einer globalen Gesundheitskrise, eine Krise mit einem Tempo, das es in der heutigen Zeit noch nicht gegeben hat. Und leider hat die Pandemie die Herausforderung für Frauen noch vergrößert“, so Türeci.

„Das Muster, dass Frauen 70% der Arbeit im Gesundheitssystem erledigen, aber nur mit 25% an maßgeblichen Entscheidungen beteiligt sind, zeigt sich auch jetzt in der Pandemie“, bestätigte Dr. Roopa Dhatt, Mitbegründerin der Initiative Women in Global Health und Hausärztin in Washington D.C., USA.

Die Initiative hat das Ziel, weibliche Führungskräfte zu unterstützen und ist weltweit in 24 Verbänden organisiert. „Unsere Forschung zeigt, dass in 85% der nationalen COVID-19 Task Forces mehrheitlich Männer als Mitglieder sitzen. Die Arbeit, die Frauen in der Pandemie leisten, zeigt sich nicht in einer gleichberechtigen Mitsprache. Im Ergebnis verzichten wir damit auf die Fähigkeiten und Expertise vieler Frauen“, betonte Dhatt.

 
Es gibt noch viel zu tun, wenn selbst in einem Bereich wie dem Gesundheitsbereich, in dem Frauen sehr gut repräsentiert sind, sie nicht an die Spitze des Berufs aufsteigen. Dr. Sarah Gilbert
 

Auf das Missverhältnis in vielen Führungsetagen machte auch Dr. Sarah Gilbert, Saïd Professorin für Vakzinologie an der Universität Oxford, Großbritannien, aufmerksam. Gilbert hat mit ihrem Team in Zusammenarbeit mit Astra Zeneca den auf einem modifizierten Adenovirus basierenden Vektor-Impfstoff Chaddox entwickelt.

„Zwei Drittel der Mitarbeiter des Impfstoffteams in Oxford sind weiblich“, berichtete Gilbert. Allerdings sei nur ein Drittel der Senior-Positionen im Team mit Frauen besetzt. Gilbert erinnerte daran, dass Frauen auch in den Vorständen von Unternehmen unterrepräsentiert sind. „Es gibt noch viel zu tun, wenn selbst in einem Bereich wie dem Gesundheitsbereich, in dem Frauen sehr gut repräsentiert sind, sie nicht an die Spitze des Berufs aufsteigen“, sagte Gilbert.

Auch in vielen anderen Disziplinen stoßen Frauen weltweit auf Barrieren aller Art. „Es mehren sich auch Befürchtungen, dass die Pandemie größere Auswirkungen auf die Karrierewahrscheinlichkeit von Frauen als auf die von Männern hat“, so Gilbert. Gerade in der Pandemie bleiben Kinderbetreuung und die Versorgung von älteren Familienmitgliedern meist Frauen überlassen – nicht selten zusätzlich zu ihrem Beruf. Zudem hätten mehr Frauen als Männer aufgrund der Pandemie ihren Arbeitsplatz verloren, so die WHO.

 
Es mehren sich auch Befürchtungen, dass die Pandemie größere Auswirkungen auf die Karrierewahrscheinlichkeit von Frauen als auf die von Männern hat. Dr. Sarah Gilbert
 

Türeci sieht Gilbert und sich selbst stellvertretend für „die vielen Frauen, die als Reaktion auf die COVID-19-Pandemie Verantwortung übernommen haben: als Ärztinnen, im Pflege- und Rettungsdienst, in den Gemeinden, als Impfstoff-Entwicklerinnen, als politische Entscheidungsträgerinnen und als Familienmanagerinnen zu Hause“.

 

Kommentar

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