Späte Reue: Was Chirurgen im Ruhestand gerne anders gemacht hätten

Marc Fröhling

Interessenkonflikte

10. März 2021

Eine US-amerikanische Studie geht nun der Frage nach, was Kollegen im Ruhestand rückblickend anders gemacht hätten. Mit ihrer Berufs- und Lebenserfahrung bieten in einer neuen Studie Chirurgen eine aufschlussreiche Perspektive auf das Leben und ihre Karriere. Die Autoren um Dr. Allan Stolarski, Boston Medical Center, Department of Surgery, Boston University, Massachusetts, veröffentlichten ihre Umfrage-Ergebnisse in JAMA Surgery  [1].

Im Rückblick: Mehr Zeit für die Familie und sich selbst

Mehr als die Hälfte (52%) der Umfrage-Teilnehmer beantworteten die Frage, ob sie in ihrem Leben und ihrer Karriere als Chirurg etwas anders gemacht hätten, mit „Ja“.

Am häufigsten gaben die Kollegen im Ruhestand dabei an, dass sie rückblickend gerne mehr Zeit für die Familie und das eigene Wohlergehen aufgebracht hätten (24%). Knapp ein Fünftel der Teilnehmer hätte lieber in einem weniger stressigen Arbeitsumfeld gearbeitet.

Im April 2018 wurden 5.282 im Ruhestand befindliche Chirurgen, die weiterhin Mitglieder des American College of Surgeons waren, gebeten, an der Befragung teilzunehmen. Bemerkenswert: Von den 2.295 Teilnehmern, die den Fragebogen beantwortet haben, waren 99,2% männlichen Geschlechts.

Rund 60% der Teilnehmer waren in der Allgemeinchirurgie tätig, 18% in der Gefäßchirurgie, 14% in der Thoraxchirurgie und 7% in der kolorektalen Chirurgie. Zwei Drittel der Befragten waren in privaten Einrichtungen tätig. Durchschnittlich waren die Teilnehmer seit rund 15 Jahren in Rente.

Abb. 1: Was Chirurgen im Ruhestand rückblickend anders gemacht hätten.

Wäre ein anderes chirurgisches Fachgebiet besser gewesen?

Nur 13% der Chirurgen im Ruhestand hätten im Nachhinein lieber ein weniger anspruchsvolles und besser vergütetes chirurgisches Fachgebiet gewählt. Am häufigsten wurden hierbei die plastische Chirurgie, die Orthopädie und Kinder- und Jugendchirurgie genannt.

Eine medizinische Karriere gar nicht erst eingeschlagen hätten 6% der Umfrageteilnehmer. 4% wären rückblickend gerne etwas später, dafür aber schrittweise – beispielsweise durch Teilzeitarbeit – in den Ruhestand eingetreten.

Ebenso viele hätten sich im Laufe ihrer Karriere gerne mehr in die Bereiche Lehre und Mentoring eingebracht. 3% gaben an, im Rückblick lieber an einem anderen geografischen Ort gearbeitet zu haben. Ebenso rund 3% hätten sich gewünscht, neuen chirurgischen Technologien zugewandter gewesen zu sein.

Rund 2% wären rückblickend ihre Familienplanung anders angegangen. Weitere 2% hätten ihrem früheren Ich geraten, bescheidener und kollegialer zu sein. Rund 1% der Befragten hätte dagegen gerne mehr Geld verdient.

Weitere Ratschläge an das frühere Ich waren:

  • Auswahl besserer Praxispartner,

  • mehr Risiken eingehen,

  • mehr Zeit mit Patienten verbringen,

  • früheres Sparen für den Ruhestand,

  • öfter um Hilfe bitten,

  • mehr auf institutionelle Politik achten.

Großes Potenzial für die Beratung jüngerer Kollegen

Den Autoren zufolge scheinen die Umfrageergebnisse der allgemein verbreiteten Auffassung zu widersprechen, dass die ältere Generation der Chirurgen weniger Wert auf ihr Privat- und Familienleben legt als die jüngeren Kollegen. Denn immerhin mehr als die Hälfte der Chirurgen hätte im Nachhinein gerne in ihrem Berufsleben Dinge anders gemacht – insbesondere mehr für eine gesündere Work-Live-Balance getan.

Als mögliche Erklärungen, die eine Umsetzung verhindert haben, führen die Autoren die Anforderungen am Arbeitsplatz, berufliche Vorschriften und kulturelle Normen an, die häufig eine konstruktive Debatte über die Work-Live-Balance nicht zugelassen haben.

Umso mehr bergen die Erfahrungen der Kollegen im Ruhestand großes Potenzial für die Beratung jüngerer Kollegen. So könnten diese mit ihrem Erfahrungsschatz ihre Nachfolger dabei unterstützen, ihre Karriere mehr nach ihren Wünschen zu gestalten, um spätere Reue zu vermeiden.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Coliquio.de

 

Kommentar

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